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Die Mutter der Faultiere Sie schlafen lange, stehen spät auf und sind den ganzen Tag träge und faul - und sie sind vom Aussterben bedroht.
von Carl D. Goerdeler
Seit sie ihr erstes Faultier bekam, hat sich Veras Leben geändert. Sie geht nicht mehr in die Schule, wo sie Biologie unterrichtet hatte. Sie trinkt kein Bier mehr mit Freunden. Und die Nachbarn in Itabuna halten Vera Lucia de Oliveira sowieso für verrückt.
Denn Vera verbringt ihre Zeit im Busch. In der Reserva Zoobotanica bei Kilometer 22 der Straße Itabuna-Ilheus, auf dem Areal des brasilianischen Kakao-Forschungsinstitut CEPLAC in Süd-Bahia. Dort sieht man sie im Morgentau durch den Urwald stapfen, auf dem Rücken ein pelziges Etwas, das sich mit fingerlangen Klauen an sie klammert - ein Faultier, das aus seinem silbergrauen Fell mit Knopfaugen den Besucher mustert.
Man kann das seltsame, borstenhaarige Wesen ruhig streicheln, das nimmt es schweigend hin. "Sie sind so friedlich, so wehrlos", sagt Vera, und rückt ihr Bündel zurecht. Das zappelt nicht, sondern legt den rechten langen Klauenarm ganz ruhig und behutsam um Veras Nacken. Ein Teddybär ist das plumpe Tier mit dem Mondgesicht nicht gerade, da stören schon die scharfen Krallen. Diese hängt es nun wie Haken um einen Ast, ganz langsam und konzentriert, und sobald es sicheren Halt findet, löst sich der haarigen Krake von seinem menschlichen Wirt und zieht sich im Zeitlupenklimmzug hoch in den Baum. Nach einer Ewigkeit ist das Faultier im Blätterdach verschwunden.
"Natürlich hält man mich für verrückt. Manche meinen, ich würde meine mütterlichen Instinkte an den Faultieren austoben. Dabei habe ich einen erwachsenen Sohn und einen Freund, den ich allerdings selten sehe. Die Faultiere sind mein Leben, das gebe ich gern zu. Die Faultiere sind vom Aussterben bedroht, sie brauchen unsere Hilfe."
Zehn Jahre ist es her, da hatte ihr ein gewisser Ricardo ein Faultier zur Pflege gegeben. Vera hatte bis dahin noch nie so ein Tier gesehen. Sie nahm das Faultier bei sich zu Hause in Itabuna auf, als wäre es ein zugelaufener Hund. Das Faultier schlief im Bett - aber lieber hing es an der Wäscheleine. Die Biologielehrerin Vera Lucia de Oliveira fing rasch Feuer für das seltsame Geschöpf. Sie setzte Bäume in die enge Wohnung, ließ das Rauchen sein und scheuchte die Katzen fort. Bald beherbergte sie zwei, dann drei, schließlich fünf der stummen Gesellen. Und obgleich ihre vom Gehirnschlag halbseitig gelähmte Mutter durch die Gegenwart der so handzahmen Tiere genas, wurde der Zustand schließlich unhaltbar.
Vera ließ sich vom Schuldienst suspendieren, überredete die Beamten vom Kakao-Institut, den Faultieren ein 43 Hektar großes Wald-Areal einzuräumen und siedelte mit ihren Schützlingen in den Regenwald um. Dort hat sie nun ein Freigehege und eine Beobachtungsstation - und kaum ein Monat vergeht, wo man ihr nicht ein verletztes oder ausgehungertes Tier zur Pflege übergibt.
Die Tiere sind so sehr an den Regenwald der Küste, der Mata Atlantica, angepasst, dass jeder Baum, der fällt, ihre Art bedroht. Und an der Küste Südbahias wird gefällt, um Platz für Rinderherden zu machen, Hotels zu errichten und Straßen zu bauen. Und dann ist da noch der Zellulose-Konzern Aracruz, der den Regenwald umlegt, um Nutzforste anzulegen: Eukalyptus-Plantagen, in denen kein Vogel singt. Das ist der Tod der Faultiere. Vor hundert Jahren war die Küste Bahias fast gänzlich mit Regenwald bedeckt, jetzt sind es nicht einmal mehr fünf Prozent.
"Um die Meeresschildkröten kümmert sich die ganze Welt. Die brasilianische Umweltbehörde ist stolz darauf, dass hier in Bahia diese Art vor dem Aussterben gerettet wird. Aber wer kümmert sich um die Faultiere?" fragt Vera Lucia de Oliveira. Sie wiegt ihre Schützlinge, heilt ihre Wunden und päppelt sie mit frischen Blättern der Embauba-, Gameleira-, Inga- und Samuna-Bäume auf. Die gesunden Tiere setzt sie wieder aus, die hinfälligen bleiben weiter in ihrer Obhut. Über jedes der 105 Tiere - 81 Kragen-Faultiere (Bradypus torquatus) und 24 Gewöhnliche Faultiere (Bradypus variegatus) - führt sie sorgfältig Buch.
Genau genommen existieren auf der Welt, das heißt: in Südamerika, noch fünf Faultier-Arten mit zwei Familien, den zweiklauigen Megalonychidae, die in Amazonien heimisch sind, und den dreiklauigen Bradypodidae, die einen schmalen Waldstreifen an der Küste Bahias bevölkern.
Die Faultiere werden von den Zoologen taxonomisch zu den "Zahnarmen" gezählt, den so genannten Edentaten oder Xenarthra, zu denen auch die Gürteltiere und Ameisenbären rechnen. Es sind archaische Tiere - ihre Wurzeln reichen zurück in die Zeit, als die Saurier ausstarben und die ersten größeren Säugetiere die Herrschaft übernahmen. Der südamerikanische Kontinent trennte sich im Paleozän vom "Rest der Welt", und diese viele Millionen Jahre andauernde Isolation hat dazu geführt, dass in der Neuen Welt noch Faultiere anzutreffen sind, während sie in Afrika und Eurasien längst ausgestorben sind.
Unter den Ur-Faultieren muss es gigantische Exemplare gegeben haben. Im Naturhistorischen Museum von Rio de Janeiro lässt sich das Skelett eines solchen Megatherium bewundern: Der blätterfressende Koloss muss, auf seinen Hinterbeinen balancierend, mehrere Tonnen gewogen und bis zu sechs Meter Leibeslänge erreicht haben. Nicht ausgeschlossen, dass die ersten Menschen, die den Kontinent besiedelten, noch solche plumpen Riesen angetroffen haben. Und könnte sich am Ende nicht noch tief im Amazonas-Regenwald ein solches Viech verstecken? Die Gerüchte über den gigantischen "Waldmensch" wollen so wenig verstummen wie jene über den Yeti im Himalaya.
Das Faultier, ein geheimnisvolles Wesen: Nicht einmal die großen Naturforscher des 19. Jahrhunderts, wie Sir Walter Henry Bates, Charles Darwin oder Alexander von Humboldt interessierten sich besonders für den trägen Gesellen. Dabei hatte schon anno 1526 der spanische Conquistador Gonzalo de Oviedo das Fabelwesen beobachtet: "Das Faultier braucht den ganzen Tag für fünfzig Schritt. Am liebsten klettert es auf einen Baum und bleibt dort bis zu zwanzig Tage auf dem höchsten Ast... Etwas Hässlicheres und Nutzloseres als das Faultier habe ich bisher nicht gesehen".
Ob Johann Wolfgang von Goethe je ein lebendes Faultier zu Gesicht bekam, ist nicht gesichert. Gleichwohl fällt auch er in den Chor der Faultierfeinde ein, denn er bezeichnet es als eine "geistlose, schwache" Kreatur. Alfred Brehm hat das Faultier etwas genauer studiert, kommt aber auch zu einem abschätzigen Urteil: "Die Faultiere machen als sehr stumpfe und träge Geschöpfe einen wahrhaft kläglichen Eindruck. Das Auge ist blöde und ausdruckslos wie kein zweites Säugetierauge."
Kein Wunder, dass sich das Faultier dem allzu engen Kontakt mit solch grimmigen Zweibeinern entzieht! Wer nun blöde ist, der Mensch oder das Faultier, mag eine philosophische Frage sein, die moderne Zoologie hat jedenfalls entdeckt, dass die Urteile von Goethe und Brehm schlichte Märchen sind, ebenso wie die Bezeichnung der Faultiere als "Zahnarme" völlig irreführend ist. In Veras wissenschaftlichem Kabinett kann man die zahnscharfen Schädel ihrer Lieblinge bewundern. Es mag aber sein, dass ihre Zähne nicht den Erwartungen der Odontologen entsprechen.
Vor allem aber entsprechen die Faultiere nicht unserem gewohnten Lebensrythmus. Als hätten sie das "Recht auf Faulheit" und die "Langsamkeit des Seins" für sich gepachtet, provozieren sie uns durch die Hektik deutscher Beamter: Sie kommen einfach nicht zu Potte. Man möchte ihnen sagen, wo es langgeht, sie scheren sich nicht drum. Und sie leben dabei lange, fünfzig Jahre oder mehr.
Sie schlafen rund 14 Stunden am Tag. Wenn die Sonne niedergeht, hängen sie schon wie Kartoffelsäcke an den Ästen eingerollt. Spätaufsteher sind sie auch. Träge fressen sie sich durch den Tag. Selbst für die Liebe sind sie zu faul. Wen wundert es da, dass auch die Indianer in diesen Tieren artverwandte Züge entdeckten, und das Faultier, der Name sagt es (auch in Brasilien) schon, als mindere Kreaturen eingestufen?
Dabei ist an diesen Viechern viel zu forschen. Beispielsweise ihr Sozialverhalten, das man als modernes Single-Dasein mit gelegentlicher Vergesellschaftung und wechselnd-treuem Partnerschaftsverhalten bezeichnen könnte. Und was die sprichwörtliche Langsamkeit der Klauentiere betrifft, so ist sie eine ganz hervorragende Anpassung an die Natur: Das Faultier ist so langsam, dass es von seinen natürlichen Feinden, den Raubvögeln und -katzen, oft übersehen wird. Im Übrigen hat die Langsamkeit des Faultiers auch anatomische Gründe: Seine Lungenfläche ist so gering, dass das Tier schnell außer Atem kommt.
Ansonsten wissen wir wenig über die Faultiere. Ohne Vera wüssten wir noch nicht einmal, dass die Weibchen in der Brunst spitze Schreie ausstoßen. Die Biologielehrerin und Mutter der Faultiere ist weltweit die einzige Person, die sich der Zottelbären annimmt. Sie will eine Doktorarbeit über ihre Lieblinge schreiben - doch wer zahlt die Instrumente, die Reisen, ja selbst das bisschen Formaldehyd zum Konservieren von Faultier-Gewebe? Außerdem will der neugewählte Bürgermeister von Itabuna Vera wieder in der Schule sehen - sie soll von ihren Faultieren lassen.
In einem deutschen Werk über Verhaltensforschung bei Tieren hat sie gelesen, dass nur die fortwährende begleitende Beobachtung der zu erforschenden Spezies zum Ziele führe. Vera Lucia de Oliveira verbringt deshalb mehr Stunden unter den Faultieren als unter den Menschen. Doch das hat wenig auf die 42jährige Biologin abgefärbt. Sie kann stundenlang, zumeist im Stakkato, über ihre Schützlinge plaudern. Die Faultiere lässt das kalt, sie hangeln sich ihrer Wege. Stumm, wehrlos und friedlich, ihre Uhr geht einfach anders.
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