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  Sichtbeton und Glas bestimmen das Aussehen seines moderen Museums. Ein Porträt des Architekten I.M.Pei, der aus Baumaterial und Raum bewohnbare Kunst schafft.
von Gergana Baeva
"Pei ist eine sehr einnehmende, charmante Person; eine Person, die begeistern kann, die einen mitreißt. Wenn er sich einer Sache widmet, ist er mit Leib und Seele dabei.“ Ulrike Kretzschmar findet es offenbar angenehm, über ihre Begegnung mit einem der bekanntesten zeitgenössischen Architekten zu sprechen. Die Baureferentin beim Deutschen Historischen Museums (DHM) sitzt hinter einem überfüllten Glastisch in ihrem Büro mit Blick auf die Museumsinsel und strahlt selbst Faszination und Begeisterung aus. Sie war am langwierigen Projekt beteiligt, welches Berlin sein neues Prachtstück brachte: Peis Anbau zum Zeughaus in Mitte.
Über Ieoh Ming Pei zu sprechen scheint nicht so einfach zu sein. Sogar seine Partner – Menschen, die jahrzehntelang mit ihm gearbeitet haben – würden nicht sagen, dass sie ihn kennen. Man erzählt von seinem freundlichen Lächeln oder von der seltsamen Energie, die ihn voller Neugier und Enthusiasmus vorantreibt. Obwohl sich der 86-jährige Architekt aus seinem Büro zurückgezogen hat, bastelt er immer wieder an neuen Projekten.
Rückblick: Wer ist eigentlich Pei? Amerikanern fällt der Antwort leicht: Michael Cannell („Mandarin of Modernism“) nennt ihn gleich den “größten lebenden Architekten“ und beschreibt mt Detailfreude, wie er die urbane Landschaft in der USA geprägt hat. In Europa baute Pei zum ersten Mal Anfang der 80er Jahren, als er die Pariser Öffentlichkeit mit dem Masterplan „Le Grand Louvre“ gegen sich aufbrachte. Mit diesem Symbol kennt man ihn diesseits des Ozeans: die Pyramide.
Pei ist in China geboren und aufgewachsen. Er hat am MIT, dem Massachusetts Institut of Technology, und in Harvard Architektur studiert, und zwar unter Walter Gropius, dem Bauhaus-Theoretiker. Cannell behauptet, dass er das Ära des sozialen Wohnungsbaus in Amerika einschneidend mitgetragen hat und erzählt, wie Pei seinen Beitrag zu den unpersönlichen Betonmonstren, die ganze städtischen Gegenden entstellten, leistete. Bis er die Art von Architektur entdeckte, die er immer bauen wollte: exquisite, teure und sehr präsente Bauten für eine Kundschaft, die seinem Charme ausgeliefert war und die von ihm verlangten Summen ausgeben konnte.
Der Durchbruch kam 1964 mit der Kennedy-Bibliothek in Boston: Sie sollte die Erinnerung an den ermordeten Präsidenten pflegen, seine Dokumente aufbewahren und natürlich die Pilgermassen anziehen. Mit diesem Bau wechselte Pei die Liga - und zeigte die Kraft und Repräsentativität einer modernen, schmucklosen Fassade. Der riesige Glaskörper, der das Aussehen bestimmt, lässt Luft und Licht in einen beeindruckend simplen Raum einströmen – als einziger Farbfleck die vom Dach herabhängende amerikanische Flagge.
Der Neubau der National Gallery in Washington war der erste Höhepunkt seiner Karriere. Man feierte ihn als Vollender des amerikanischen Modernismus, als talentierter Museenbauer.Der Grundriß entwickelte Pei 1968 auf der leeren Rückseite eines Umschlags: einen Trapez, dann einen Diagonal. Aus mehreren Dreicke entstand eine komplexe, aber klare geometrische Form. „Das Dreieck ist die stabilste Form. Das können sie nicht verändern. Ein Rechteck kann man verbiegen, verbeugen, aber ein Dreieck bleibt ein Dreieck.“ Deswegen ist es auch die Lieblingsform Peis, meint Ulrike Kretzschmar und ihre Augen wollen den eigenen Enthusiasmus auf dem Zuhörer übertragen.
Diese Idee erwies sich als regelrechtes Puzzle, welcher Pei eine ganze Menge Sorgen bereiten sollte: Die Dreieckführung der Räume durfte die Besucher nicht beengen und trotzdem bis zum letzten Detail eingehalten werden.Erst als der massige Bau aus Beton, Glas und Marmor eröffnet wurde und als Menschen das Interieur belebten, konnte sich der Architekt zufrieden zurücklehnen: Er hatte die richtige Lösung gefunden. Der Besucher kommt in ein geräumiges Foyer, wo die Sonne ungestört rein darf – durch Oberlicht und große Fenster. Die Ausstellungsräume sind aber klein und geborgen – Orte, wo sich der Mensch wohl fühlt und nicht verloren geht. Neben der langen Liste mit öffentlichen und privaten Bauen in mehreren amerikanishen Großstädten, übernahm Pei auch Projekte im Ausland, die sowohl Geld als auch Prestige brachten. Seine Heimat erwies sich dabei als eine besondere Herausforderung.
Pei hatte längst den Traum, nach China zurückzukommen, aufgegeben. Die Möglichkeit, zur Entstehung einer neuen chinesischen Architektur beizutragen, wollte er aber nicht verpassen, meint Cannell. Zwischen 1982 und 1990 entstand in Hong Kong die Bank of China. Auftraggeber war die chinesische Regierung und sie wollte den größten, schönsten Bau der Stadt haben. Um die Kostenvereinbarungen einzuhalten, entwickelten die Ingenieure von Peis Büro eine vollkommen neue und dazu noch billige Konstruktion: Der Baukörper besteht aus dreizehngeschossigen Modulen, die aufeinander aufbauen. So wird die Last in die Ecken des Baus abgeleitet: Wie ein Seemann mit ausgebreiteten Füßen, der versucht, gerade zu bleiben. Die Konstruktion kann man an der Fassade ablesen: Die sich kreuzenden Diagonalen zeigen, wie die Masse getragen wird.
Der Zusammenhang von Form und Statik ist wesentlich für Pei. Er fängt an mit dem Aussehen, verbirgt die Konstruktion aber nicht hinter Schmuck und Spielereien. Er denkt sich geometrische Körper aus, dreht sie im Kopf, bis die Teile des Puzzles richtig stehen. Seine Mitarbeiter sollen danach die Gedanken des Meisters in baubaren Stoff umwandeln. Peis Formsprache ist nicht chinesisch, höchstens sein Verständnis von Architektur. „Für ihn ist immer die Balance zwischen Bauzweck, Zeit und Ort wichtig.“, erklärt Ulrike Kretzschmar, „wenn er baut, dann interessieren ihn auch das Land, die Geschichte, die politischen Ereignisse.“
Pei empfindet das Gebäude als Gesamtkunstwerk. Sein größter Vorzug als Architekt sei die Sensibilität für den Standort, meint die Baureferentin des DHM. Das Neue müsse in das schon Vorhandene eingefügt werden und mit den restlichen Bauten zusammenleben können. Wie das Erweiterungsbau in Berlin, sagt Ulrike Kretzschmar und lächelt.
Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im SS 03 an der Freien Universität Berlin, Inst. f. Publizistik. |
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