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Ich wohne gerne!


Haus im Schwarzwald

Es klingt trivial und existenziell zugleich: unsere Art zu wohnen, prägt auch unsere Gesellschaft

 

von Robert Kaltenbrunner

 

 

Gerhard Polt, der bayerische Kabarettist, entgegnete unlängst auf die Frage, welche Hobbies er denn habe, nur lakonisch: "Ach wissen'S, ich wohn' gern."

Mit diesem Bedürfnis steht er sicherlich nicht alleine da, wenngleich es die wenigsten so freimütig eingestehen. Die ominösen "eigenen vier Wände" nämlich, sind sakrosankt; sie stehen für das unantastbare Innere, das Refugium eines Jeden.

Sehen wir einmal genauer hin, dann lassen sich eine Reihe von archetypischen Verhaltensmustern herauspräparieren, denen wir unterliegen, wenn wir unser Haus oder unsere

'Bude' vermeintlich individuell ausstaffieren. Die Frage, was denn die augenscheinliche Unverzichtbarkeit von Gardinen selbst im 10.Stock bedeute, berührt allenfalls die Oberfläche. Wer darob die Nase rümpfen möchte, sollte sich besser an dieselbe fassen. Schließlich hütet jeder von uns seinen heiligen Gral, sei's nun die bewusst verwahrloste Kuschelecke, oder die gepflegte Einbauküche, Omas Buchenholzschrank, oder der hypergestylte Schreibtisch.

Auch für uns gilt, was der Designtheoretiker Gert Selle einmal formulierte: "Wer Wohnung hat, dem gelingt es, auf seine Weise darin heimisch zu sein, so verwechselbar im Äußeren und so unsinnig in den Ritualen der Benutzung dieser Zustand sich dem kritischen Blick Außenstehender darbieten mag."

"Wohnen" scheint demnach nicht bloß eine Nebensächlichkeit des Alltags, sondern paradigmatisch für unsere Lebenswelt zu sein, ist doch schließlich die Wohnung einer der ganz wenigen Bereiche, in denen wir eigene Ordnungs- und Wertvorstellungen realisieren, eine eigene Lebensform finden und "uns selbst verwirklichen" können. Und das Gegenstück dazu, ist der Unbehauste, der Obdachlose: Es steht bildhaft für Existenzformen, die mit einem atavistischen Gefühl des Schreckens begleitet sind.

Neben den primären, sozusagen biologischen Bedürfnissen (dem sprichwörtlichen "Dach über den Kopf") stehen die sekundären, sozial vermittelten Bedürfnisse ("die eigenen vier Wände"), die auf gesellschaftlich dominante Leitbilder des Wohnens (in der Hoffnung auf "eine gute Adresse") bezogen und deshalb - vermeintlich - einem schnelleren Wechsel unterworfen sind, leben wir doch in einer mobilen, zunehmend "globaler" ausgelegten Gesellschaft, in der rasche Anpassung und häufiger Wechsel den Alltag bestimmen. Doch die Folgen von Entfremdung, von Internationalisierung und Geschwindigkeit in der Lebenswelt wollen kompensiert sein. Dazu dient häufig der Wunsch nach dinglicher Beständigkeit im Wohnumfeld.

Ohnehin ist das Wohnen an sich konservativ und wird, wie die Etymologie uns erläutert, von Gewohnheiten bestimmt. Deshalb kann es kaum verwundern, wenn bei der Verwirklichung der Wohnwünsche Zeitgeist, bildersprachliche Nostalgie und das aktuelle Angebot im lokalen Baumarkt eine (un)heimliche Allianz eingehen.

Das "Schwarzwaldhaus" - um nur ein Beispiel zu bemühen - erfreut sich landauf, landab größter Beliebtheit: Orientiert wird sich an marktüblichen Standards, reproduziert wird Gewohntes. Aber offenbar hat über die Zeiten ein horror vacui das Wohnen erfaßt. Die entsprechenden Fachgeschäfte verkaufen heute zwar nicht mehr nur Möbel und Einrichtung, sondern 'Wohnkultur'. Unabhängig davon, werden die Reihenhäuser und Appartements vollgepackt mit all dem, was zum Leben unabkömmlich dünkt. Und das hat sich in den letzten Jahrhunderten nicht substanziell verändert.

Bleibt natürlich die Frage, ob die 'eigenen vier Wände' überhaupt zur Verfügung stehen. Denn die Versorgung mit Wohnungen stellt einen Bereich des modernen Lebens dar, in dem trotz vieler Anstrengungen noch immer Defizite zu verzeichnen sind. Vor allem nach dem 1. Weltkrieg bewegte die Frage nach dem Zusammenhang von Wohnung, Architektur und Gesellschaft die Gemüter, von 'rechts' bis 'links'. Dass sich der Staat des Wohnungsproblems zu bemächtigen habe, wurde zu einem zwar unausgesprochenen, aber übergreifenden politischen Konsens (von dem letztlich auch unsere heutige Gesellschaft noch zehrt). Als die Kommunen in großem Maße Träger des Wohnungsbaus wurden, fanden sie sich plötzlich mit der Frage konfrontiert: "Wieviel Wohnung braucht der Mensch?"

Die Folge war ein Denken in Kategorien von Mindeststandards. Sie bildeten auch die Basis für die späteren großen Wohnungsbauprogramme mit ihren - heute so umstrittenen - stadträumlichen Offenbarungen: In den Großsiedlungen beispielsweise, bleibt heute nur noch in Bildern ausgetilgten Lebens gegenwärtig, was den Initiatoren von einst soziale Verpflichtung war: die Stadt und die Wohnung von morgen. Welche Ironie, dass eine der historischen Leistungen der Moderne darin liegt, dass der Wohnungsbau als Aufgabe der Architektur erkannt wurde! Dieser Wohnungsbau hatte dann aber auch, bitteschön, dezidiert modern zu sein. Gerade damit aber, waren Probleme bereits vorprogrammiert. Denn genau diese absolute Neuheit ihrer Formensprache gereicht der neuen, "sachlichen" Architektur im (Massen-) Wohnungsbau nicht zum Vorteil.

Im Gegenteil: Die neue Wohn-Architektur stieß bei einem erheblichen Teil der Bewohner auf Ablehnung. Ihre kompromißlos "funktionale" Haltung, sowie ihre teilweise recht drastische Maschinenästhetik verhalfen wohl einer Architektur, die zur abstrakten Form tendierte, zu einer gewissen Popularität - wenn sie ihren Gegenstand als solitäres Juwel behandelte. Im massierten Zusammenhang der neuen Wohnsiedlungen jedoch, blieb sie häufig unverständlich und abweisend. Statt der beschworenen Harmonie, entstand, eher häufig als selten, Monotonie.

Die Architekten von damals wollten Stadt und Wohnung nach rationell-funktionalen, ihnen als vernünftig erscheinenden Gesichtspunkten gestaltet wissen. Ganz selbstverständlich nahmen sie an, dass sich die Menschen ebenfalls nach diesen Maßstäben erziehen lassen würden. In diesem Zusammenhang sei nur auf die sogenannte "Frankfurter Küche" hingewiesen, die eine geschlechtsneutrale Arbeitsteilung der Küchenarbeit zwischen Mann und Frau so gut wie verhinderte, weil ihre enge Raumgestaltung allenfalls Platz für die (Haus)Frau ließ. So bedingte - auf scheinbar natürliche Weise - eines das andere, ein stummer Zwang ging von den neu gestalteten Räumen aus, der erzieherisch wirken sollte.

Es vollzog sich ein gravierender, wenngleich wenig beachteter Wandel: Wurden vorher, in den gutbürgerlichen Salons genauso, wie in in den Wohnküchen der Arbeiter, Räume für ein gesellschaftliches Leben geschaffen, so waren die Räume in der neuen Architektur seit den 20er Jahren darauf ausgerichtet, den reibungslosen Ablauf physischer Funktionen zu gestalten.

Was den Bürgern früherer Zeiten der "Salon", war den weniger Wohlhabenden die "gute Stube". Diese Räume hatten mitunter lediglich repräsentative Funktionen, wurden häufig sogar nur an Fest- und Sonntagen benutzt. Und dennoch kam dem Leben in solchen Räumen eine kaum zu unterschätzende Bedeutung für das Selbstbewusstein dieser Menschen zu. Heute gilt ein solch bürgerliches Familien- und Wohnmodell, das etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Tragen kam, zumeist als ein "hegemoniales" Kulturkonzept, das anderen Klassen und Schichten aufoktroyiert wurde.

Allerdings haben sich die mit diesem Modell verbundenen Vorstellungen von Lebensqualität de facto bis heute als außerordentlich attraktiv erwiesen. Wer von uns benötigte sie auch nicht, die "eigenen vier Wände" mit einer bestimmten, vermeintlich individuellen Ausstattung? Sie stehen für das unantastbare Innere, das Refugium eines Jeden. Und, wer weiß, vielleicht wird heute ein Wohnungseinbruch gar nicht so sehr im Hinblick auf den Verlust von Wertgegenständen gefürchtet und verabscheut, sondern vor allem deshalb, weil er ein unerlaubtes Eindringen in die Privatsphäre darstellt.

Dabei - oder deswegen - gibt es wohl kaum einen anderen Bereich des modernen Lebens, in dem die Beharrungskräfte jahrhundertealter Traditionen derart ausgeprägt sind. Gerade deshalb lohnt denn auch das Nachdenken über ein Thema, das zu umgehen ohnehin niemandem gänzlich gelingt.

 

Dr. Robert Kaltenbrunner, Architekt und Stadtplaner, seit Januar 2000 Leiter der Abteilung “Bauen, Wohnen, Architektur” des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (Bonn/Berlin).

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