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Widerstreit der Bedürfnisse?


Schnitt durch ein Ökohaus

Umweltfreundliche Technik allein genügt nicht, um ökologisch zu wohnen! Es kommt auch darauf an, wie damit umgegangen wird

 

von

Hartwig Heine und Rüdiger Mautz

 

 

Den meisten Menschen fällt es schwer, der guten Absicht, ihren Alltag umweltfreundlicher zu gestalten, auch die entsprechenden Taten folgen zu lassen. Diese Kluft zwischen Umweltbewusstsein und ökologischem Verhalten ist längst zu einem Dauerthema der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung geworden. Wäre es nicht vernünftig, wenn der ökologische Umbau möglichst wenig Anforderungen an das Verhalten der Menschen stellte, und stattdessen vorrangig auf dem Einsatz effizienter und intelligenter Umwelttechniken beruhen würde? Im Bereich des Bauens und Wohnens, einem wichtigen Feld ökologischer Umsteuerung, setzt die Mehrheit der Planer und Architekten in der Tat auf diesen Weg: Ihr Ziel ist es, durch den Einsatz entsprechender Techniken und Materialien Ressourcen einzusparen und die Ökobilanz beim Wohnen auch ohne das Zutun der Bewohner nachhaltig zu verbessern.

Eine empirische Untersuchung, die das Soziologische Forschungsinstitut an der Universität Göttingen und die Arbeitsgruppe Stadtforschung der Universität Oldenburg durchgeführt haben, dämpft allerdings erheblich die Erwartungen, die an einen solchen "technischen Ansatz" geknüpft werden. Das Ergebnis, das sich auf zahlreiche Fallstudien über ökologische Eigenheim- und Mietwohnprojekte in Deutschland und Dänemark stützt, lautet, dass es verhaltensneutrale Techniken im Bereich des Wohnens nicht gibt.

Die Entlastung der Umwelt ist nicht alleine von der technischen Ausstattung einer Wohnung, sondern im hohen Maße auch davon abhängig, wie die Bewohner mit den ökologischen Techniken und Maßnahmen umgehen. Dazu zwei Beispiele: Die Energiespareffekte, die durch Wärmedämmung erzielt werden sollen, können durch falsches Lüftungsverhalten erheblich konterkariert werden. Und wird ein Wintergarten auch im Winter als Wohnraum genutzt - also auch beheizt - wird er von einer Energiespar- zu einer Energieverschwendungsmaschine. Der durch die Vordertür hinausgeworfene "Einflussfaktor Mensch" kehrt durch die Hintertür zurück.

Wenn somit umweltverträglicheres Wohnen, anders als es viele Experten des ökologischen Bauens wahrhaben wollen, auch darauf angewiesen ist, dass die Menschen von zahlreichen liebgewordenen Gewohnheiten Abschied nehmen, dann ist es wichtig, nach den Chancen und Problemen eines solchen Verhaltenswandels zu fragen. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Erkenntnis, dass ökologisches Wohnen in ein Spannungsfeld widerstreitender Bedürfnisse eingebettet ist, die sowohl als Triebkraft, wie auch als Barriere ökologischer Lernprozesse fungieren können: So macht für viele Menschen die "Naturnähe" den besonderen Reiz ökologischen Wohnens aus. Dies aber unterstützt gerade den umweltschädigenden Trend zur Zersiedelung des urbanen Umlands - nicht zufällig liegen ökologische Eigenheimprojekte meist in naturnaher Stadtrandlage. Ökologisches Wohnen ist zudem häufig - nicht nur beim Erlernen des richtigen Lüftens - mit zusätzlicher Arbeit verbunden, was zwar dem Wunsch nach sinnvoller Freizeitbetätigung, etwa bei der Pflege von Ökomaterialien (z.B. Holz; Grasdach) oder bei der Wartung bestimmter Ökotechniken (z.B. Solaranlagen) entgegenkommt, aber andererseits mit dem Bedürfnis kollidieren kann, sich in der arbeitsfreien Zeit möglichst wenig Verpflichtungen aufzuhalsen.

Weil ökologisches Wohnen überdies die Frage des Wohnkomforts berührt - von der Nutzung des Wintergartens, über die Ausstattung des Haushalts mit Elektrogeräten, bis hin zur Häufigkeit von Wannenbädern -, gerät die Bereitschaft zu ökologisch motiviertem Verzicht nicht selten mit dem Wunsch in Konflikt, eine als angemessen erachtete Wohnqualität beizubehalten.

Und schließlich ist ökologisches Wohnen häufig in einen nachbarschaftlichen, zum Teil ausdrücklich gemeinschaftsorientierten Sozialzusammenhang eingebettet und befindet sich damit im Spannungsfeld von sozialen Kontaktbedürfnissen und dem Wunsch nach einer vor sozialer Kontrolle geschützten Privatsphäre.

Kurz gesagt: In den Spannungsfeldern des ökologischen Wohnens kommt die Ambivalenz urbaner Lebensweise zum Ausdruck. Auf der einen Seite ist eine umweltverträglichere Wohnweise - trotz aller Bemühungen um technische Lösungen - mit Verhaltenszumutungen verbunden, die in Widerspruch geraten können zum zentralen Emanzipationsversprechen der städtischen Lebensweise, etwa den Wünschen nach individueller Autonomie, nach Entlastung von Mühe und Arbeit, oder nach Schutz vor den Unberechenbarkeiten der Natur. Auf der anderen Seite belastet die urbane Lebensweise die Menschen auch mit Hypotheken: Sie setzt sie dem Risiko sozialer Vereinzelung aus, entfremdet sie von der natürlichen Umwelt, führt zum Verlust vieler traditioneller Fertigkeiten und Fähigkeiten und ist kinderfeindlich.

Es scheint, dass viele Menschen mit dem "ökologischem Wohnen" vor allem die Hoffnung verbinden, sich von diesen Schattenseiten des Stadtlebens wieder befreien zu können, d.h. zur nachbarschaftlichen Gemeinschaft, zur tätigen Selbstverwirklichung, zur Naturnähe und zur Kindgerechtigkeit zurückfinden zu können.

Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass die Durchsetzung umweltverträglicherer Wohnformen an eine ganze Reihe von Voraussetzungen geknüpft ist. Die Angebotspalette ökologischer Wohnmöglichkeiten muss so differenziert sein, dass sie ein möglichst breites Spektrum von Bedürfnissen und Verhaltensmöglichkeiten in der Bevölkerung berücksichtigt. Dabei müssen die jeweiligen Wohnkonzepte auch in sich flexibel genug sein, um biographisch bedingte Veränderungen von Bedürfnissen und Belastbarkeiten auffangen zu können, damit die Anforderungen des ökologischen Wohnens nicht zur Überforderung werden, etwa bei Alleinerziehenden, bei Familien mit Kleinkindern oder bei älteren Menschen.

Die Partizipation der Bewohner bei der Realisierung und bei der Umsetzung umweltverträglicher Wohnkonzepte ist eine weitere Grundvoraussetzung dafür, dass ökologisches Wohnen möglich wird und zugleich sozialverträglich bleibt. Dies ist besonders dann wichtig, wenn die vorhandenen Ansätze stärker als bisher auf die Klientel des Mietwohnungsbaus ausgeweitet werden sollen.

Schließlich ist eine Veränderung der Rahmenbedingungen durch Bund, Länder und Kommunen notwendig. Vom Bau- und Planungsrecht, sowie vom Rechts- und Steuersystem her, müssen andere Orientierungsdaten für das tägliche Handeln von Unternehmen und Privathaushalten gesetzt werden - z.B. um dem anhaltenden Trend zur Zersiedelung der Stadtränder ("Suburbanisierung") entgegenwirken zu können. Ökologische Regulierung darf dabei nicht gegen zentrale Normen, wie die soziale Gerechtigkeit verstoßen, etwa durch eine zu restriktive Neubaupolitik zugunsten der ökologischen Bestandssanierung, die zu einem Verdrängungswettbewerb auf dem Wohnungsmarkt führen könnte, welcher zu Lasten der einkommensschwächeren Bevölkerungsgruppen gehen würde.

Das Ziel müsste es sein, ein neues Bild vom Leben in der Stadt, eine ökologische Urbanität entstehen zu lassen, welche die Vorzüge der urbanen Lebensweise nicht nur mit den ökologischen Anforderungen, sondern auch mit den Wünschen nach einem gesunden und kinderfreundlichen Wohnen im Grünen verknüpft.

Hartwig Heine und Rüdiger Mautz sind wissenschaftliche Mitarbeiter des Soziologischen Forschungsinstituts an der Universität Göttingen.

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