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Gaslaternen und WC


Berlin, Alexanderplatz

Dass wir heute beleuchtete Straßen kennen, hat einen simplen Grund: Das Bürgertum des 19. Jahrhunderts suchte nach einem  Mittel zur Erhaltung oder Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung - und erfand die Stadttechnik!

 

von Volker Hirsch

 

 

Die "Städtetechnik", also der Einsatz technischer Neuerungen durch die Kommunen, entstand im 19. Jahrhundert und ergänzte andere Maßnahmen der Daseinsvorsorge - Maßnahmen, mit denen die Städte den Herausforderungen der Moderne gerecht zu werden versuchten. Worin bestanden nun diese Herausforderungen?

Die soziale und räumliche Mobilisierung der Bevölkerung und der starke Bevölkerungszuwachs in den prosperierenden Gewerbe- und Industriestädten stellten Stadt- und Gemeindeverwaltungen vor bisher nicht gekannte Probleme sozialer und hygienischer Art. Das Zusammenleben so vieler, insbesondere so vieler sozialschwacher Menschen auf engstem Raume konnte nur funktionieren, wenn die Städte im Stande waren, die grundlegende Versorgung auf den Gebieten der Armenfürsorge und der Infrastruktur zumindest in Ansätzen zu gewährleisten.

Das zeitgenössische Bürgertum sah durch den "Pöbel", der die Straßen bevölkerte, die Sicherheit und Sittlichkeit des Lebens in der Stadt gefährdet - und dies vor allem zur Nachtzeit. Als Mittel zur Erhaltung oder Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung diente die Beleuchtung der Straßen. In England waren bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts erste Gasbeleuchtungsanlagen in Betrieb. Mit einer zeitlichen Verzögerung von rund 20 Jahren kam diese Technik nun auch in Deutschland zur Anwendung. Von 1825 an, wurden in deutschen Städten verschiedene Gasanstalten gegründet: zunächst in Berlin, dann in Hannover, Dresden und Leipzig. Diesen Vorreitern folgte später eine ganze Reihe von Städten. Im Hinblick auf die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts kann man sogar von einem regelrechten Gründungsboom sprechen.

Hatte die Einrichtung der neuen Beleuchtungsanlagen wirklich dazu beigetragen, jene Subjekte von der Straße zu vertreiben, welche die bürgerliche Ordnung und Sitte gefährdeten? Jedenfalls reagierten die Zeitgenossen begeistert oder gar schockiert auf die Art und Kraft des neuen Lichtes. So meinte etwa Ludwig Börne: "Das Gaslicht ist zu rein für das menschliche Auge, und unsere Enkel werden blind werden."

Ob sich die Kriminellen durch die Gasbeleuchtung wirklich beeindrucken ließen, oder ob die neue Technik nicht vielmehr dazu diente, den städtischen Anspruch auf die Polizeikompetenz zu unterstreichen, sei hier einmal dahingestellt.

Erste Ansätze einer öffentlichen Beleuchtung sind schon in früheren Zeiten zu verzeichnen. Eine Straßenbeleuchtung im heutigen Sinne war durch die damals gebräuchlichen Leuchtkörper jedoch nicht möglich. Die rund 8000 Laternen, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in Paris zu zählen waren, sind eher lediglich als Positionslichter zu betrachten - ebenso wie jene, die um 1680 auf Geheiß des Kurfürsten in Berlin auf eigens dazu errichteten Pfählen angebracht wurden.

Ihre Leistung war viel zu gering, als dass sie den jeweiligen freien Raum hätten ausleuchten können. Und auch das Gaslicht würde, wenngleich von den Zeitgenossen euphorisch gefeiert, heutigen Ansprüchen kaum mehr genügen. In hellen Mondscheinnächten beispielsweise, glaubte man etwa in Leipzig auf einige der öffentlichen Laternen verzichten zu können. Die Helligkeit des Mondscheins dürfte also der Leuchtkraft der Laternen kaum nachgestanden haben.

Erst mit der Einführung des elektrischen Lichtes wurde eine neue Qualität der Beleuchtung erreicht. Zunächst wurde die neue Technik lediglich auf großen Plätzen eingesetzt. Dann allmählich, wurde das alte Gaslicht auch andernorts verdrängt. Das ehemals als so strahlend hell empfundene Gaslicht konnte nun niemanden mehr beeindrucken: "Wer aus einer der gasbeleuchteten Seitenstraßen auf einen der genannten Plätze einbog, der hatte den Eindruck, als ob er aus einem halbdunklen Gang unvermutet in einen taghellen Saal trete." So beschrieb anno 1882 die "Illustrirte Zeitung" die Situation in Wien.

Nicht nur bei der öffentlichen Beleuchtung, auch bei der Wasserversorgung und der Abwasserbeseitigung führten technische Innovationen zu einschneidenden Veränderungen. Ab 1850 begannen die ersten deutschen Großstädte Entwässerungssysteme einzurichten. Da man die "Miasmen", die den Fäkalien entströmenden Gase, als Krankheitserreger betrachtete, war dies nur schlüssig. Erst der nächste Schritt galt der Verbesserung des Trinkwassers. Doch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts verfügten schon 81 % der Städte mit mehr als 10.000 Einwohnern im Deutschen Reich über eine moderne Wasserversorgung.

In Berlin etwa, erfolgte die Abwasserentsorgung noch bis in die 1870er Jahre über die Rinnsteine links und rechts der Straße, die nur zum Teil abgedeckt waren und das verdreckte Wasser in ein öffentliches Gewässer leiteten. In all diese Gewässer ergoss sich das Schmutzwasser der Haushaltungen und auch - zumindest zu einem Teil - das Abwasser der Gewerbebetriebe. Die Fäkalien gelangten aus den Aborten in zementierte, jedoch häufig undichte Senkgruben, deren Inhalt zwei- bis dreimal pro Jahr entsorgt wurde.

1856 dann, konnten die Berliner ihr erstes Wasserwerk in Betrieb nehmen, dessen Hauptaufgabe zunächst darin bestand, Wasser für die Spülung der Rinnsteine bereitzustellen. Obwohl die Hausbesitzer selbst anfangs kaum Interesse an einer geordneten Wasserversorgung zeigten, waren bis zum Jahre 1874 schon über die Hälfte der Häuser an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen.

1893 verfügten dann 93 von 100 vorhandenen Wohnungen über einen eigenen Wasseranschluß. Mit der Einführung der ersten Wasserklosetts, die wegen ihrer hohen Kosten zunächst der Oberschicht vorbehalten blieben, verschlechterten sich die Zustände jedoch paradoxerweise zunächst deutlich: auch die Wasserklosetts nämlich, waren an die offenen Rinnsteine angeschlossen.

In den 1870er Jahren wurde jedoch die Modernisierung der Kanalisation in Angriff genommen und schon Mitte der achtziger Jahre waren rund 90 % aller Grundstücke daran angeschlossen. Solche Maßnahmen entfalteten ihre Wirkung insbesondere bei der Bekämpfung von Epidemien: die Infektionswege wurden erfolgreich eingedämmt und die Zahl derer, die etwa dem Typhus zum Opfer fielen sank deutlich.

Die neuzeitlichen Entwicklungen der "Städtetechnik" trugen dazu bei, insbesondere der Bevölkerung aus den unteren Schichten größere Überlebenschancen zu eröffnen. Von Lebensqualität in unserem Sinne kann jedoch dabei nicht die Rede sein.

Ganz abgesehen einmal von der allgemeinen materiellen Not, war schon allein aufgrund der räumlichen Enge ein Leben mit Mindestkomfort im heutigem Sinne unmöglich. Abtritt, Wasseranschluß, und manchmal auch die Küche mussten in den Mietskasernen mit anderen Familien, manchmal auch mit "Schlafgängern" geteilt werden.

Und trotzdem: Die geschilderten technischen Innovation waren der Anfang einer Entwicklung, die zu jenen Annehmlichkeiten des Alltags führte, die selbst auf dem Lande heutzutage niemand mehr zu missen braucht. Die Verbreitung dieser Annehmlichkeiten, darunter vor allem die der Wasser- und Stromversorgung, über die Grenzen der Städte hinaus, ist als eine der großen Errungenschaften der Urbanisierung zu betrachten.

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