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Der Mathemaniker



Paul Erdös

 

Ein Mathematiker ist eine Maschine, die aus Kaffee Theoreme herstellt.” Paul Erdös hat diesen Satz nicht nur geprägt, sondern auch gelebt.

 

Von Iris Hochhaus

 

 

Paul Erdös war ein Genie, daran besteht kein Zweifel. Er wird als zweitgrößter Mathematiker bezeichnet (hinter Euler). Etwa 1500 Abhandlungen über mathematische Probleme bzw. ihre Lösung verfasste er teils alleine, teils mit Koautoren - ein überdurchschnittlicher Mathematiker schreibt in seinem Leben um die 20 Abhandlungen. Erdös´ trockener Kommentar zu seiner Produktivität: “Do not count articles, weigh them.” Es hieß, auf einer längeren Zugfahrt würde er vermutlich einen Artikel zusammen mit dem Schaffner schreiben.

Erdös Lebensweise klingt wie der Inbegriff des “verrückten Professors”: Er hatte keine Wohnung, keine Frau, keine Kinder, kein Auto, nicht einmal einen Führerschein. Er reiste mit seinem halbvollen Koffer von Konferenz zu Konferenz, von Universität zu Universität und ermöglichte sich durch Unmengen von Kaffee und Amphetaminen 19-Stundentage, die er hauptsächlich der Mathematik widmete. Schon zu Lebzeiten war er eine Legende. Sein Tod mutet an als mathematische Version des Rock-Star-Todes: Statt jung in einem Hotelzimmer am eigenen Erbrochenen zu ersticken, starb er im Alter von 83 Jahren auf einer Konferenz an einem Herzinfarkt.

 

ANEKDOTE:
Im Rahmen einer Konferenz in Kaliformien wurden Paul Erdös, Frank Harary und Vera Pless für einen Radiosender interviewt. Der Interviewer hatte mächtig damit zu kämpfen, gute Fragen zu stellen, aus denen hervorging, was diese berühmten Leute eigentlich genau machten. Schließlich fragte er Paul ein wenig verlegen:
“Das mag eine dumme Frage sein, aber wenn ich ihnen zwei vierstellige Zahlen nennen würde, könnten sie sie im Kopf miteinander multiplizieren?” “Nicht mehr” antwortete Paul sofort “aber als ich vier war konnte ich das!”
Allen Schwenk

Einen Eindruck , mit was für Problemen Erdös sich beschäftigte, gibt seine erste große Arbeit: Mit 20 Jahren entwickelte er einen Beweis für Bertrands Postulat. Dieses Theorem der Zahlentheorie besagt, dass es zwischen jeder Zahl (die größer als eins ist) und ihrem Doppelten mindestens eine Primzahl gibt. Bis dato konnte dieses Postulat nur mit sehr großem Aufwand bewiesen werden.

Die Erleichterung, die Erdös´ eleganter Beweis der Mathematik brachte, wird verglichen mit der Öffnung des Panamakanals, der das Umschiffen Südamerikas (das hier für den alten Beweis steht) überflüssig machte. Kurze elementare Beweise waren und blieben eine Leidenschaft Erdös´. Er sprach von dem BUCH der Beweise, in dem es für jedes Theorem nur einen Beweis gäbe, nämlich den ästhetischen und am einfachsten verständlichen. Angesichts komplizierter Beweise hieß es von Erdös: “Lasst uns nach dem BUCH-Beweis suchen!” Besonders schöne Beweise veranlassten ihn zu dem Ausruf “Direkt aus dem BUCH!”.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis zumindst eine irdische Zusammenstellung solcher Beweise publiziert würde. Das inzwischen auch auf Deutsch erschienene “BUCH der Beweise” beinhaltet auch viele Beweise von Erdös. Für den Laien ist es nicht unbedingt verständlich, für den mathematisch sehr beschlagenen Laien, der bereit ist, sich tiefer in die Materie hineinzubegeben schon eher (siehe auch die Amazon-Rezensionen), Mathematiker kommen (vermutlich) auf ihre Kosten.

 

ANEKDOTE:
Ich besuchte ein Konzert zusammen mit Erdös. Sobald die Musik begann, zog Erdös ein Notizbuch hervor
und begann, mathematische Probleme zu lösen. Nach etwa einer halben Stunde wandte er sich an mich und fragte: “Was für Lärm ist das?”. Man darf das nicht falsch verstehen: Erdös hatte sein eigenes Vokabular und in diesem stand “Lärm” nun einmal für Musik. Er mochte Musik sehr und wußte ganz genau dass er in einem Konzert saß, es war einfach völlig normal für ihn der Musik zuzuhören und sich gleichzeitig mit Mathematik zu beschäftigen.
József Pelikán

Ohne solche Unterscheidungen unterhaltsam dürften die beiden Biographien sein, die inzwischen ebenfalls auf Deutsch erschienen sind. “Der Mann, der die Zahlen liebte” wurde verfasst von Paul Hoffmann, einem Herausgeber der Encyclopaedia Britannica, der Erdös auch mehrmals getroffen hat. Die Website, die Hoffmann in Verbindung mit diesem Buch betrieben hatte, existiert allerdings nicht mehr. Wenn also jemand Interesse am Domainnamen PAULERDOS.COM hat....

Die zweite Biographie, ”Mein Geist ist offen” stammt aus der Feder Bruce Schechters, der Erdös selbst allerdings nie begegnet ist. Das kann nicht so ganz einfach gewesen sein, schließlich war Erdös bekannt dafür, praktisch jede größere Mathematik-Konferenz auf der ganzen Welt zu besuchen. Einen sehr (klischee-)amerikanischen Eindruck von Schechter vermittelt seine PR-Website, auf der er sich als Talk-Show-Gast anbietet, der Geschichten über den verrückten Wissenschaftler erzählt.

Eine typische Hommage an Erdös findet sich in der wunderbaren Welt der Mathematik (wo sonst?): In Form der Erdös-Zahl. Auf der Website des Erdös Number Project kann man seine eigene Erdös-Zahl errechnen. Diese Zahl ergibt sich, indem Erdös selbst die 0 zugewiesen wird. Jeder, der mit Erdös zusammen einen Aufsatz verfasst hat, hat eine Erdös-Zahl von 1. Jeder, der mit einem Koautor von Erdös einen Aufsatz verfasst hat, eine 2 usw. Und natürlich gilt: Je niedriger die Erdös-Zahl, desto höher das Prestige! Schließlich haben über 60 Nobelpreisträger einstellige Erdös-Zahlen, sogar aus Diszpilinen, die nicht direkt mit der Mathematik zu tun haben.

Ein etwas verschlüsselterer Erdös-Bezug findet sich auf der Website des Worchester Polytechnic Institute. Dort kann der willige Web-Shopper einen Kaffeebecher mit Paul Erdös` Konterfrei bestellen, ein Bild dieses famosen Bechers gibt es allerdings nicht zu sehen. Erdös Beziehung zu Aufputschmitteln war legendär. Um seine 19-Stunden Tage zu meistern, konnte er sich nicht allein auf Kaffee verlassen. Neben Koffeintabletten nahm er auch Amphetamine.

1979 wettete sein guter Freund und Koautor Ronald Graham mit Erdös, dass er es nicht schaffen könne, einen Monat lang keine Amphetamine zu nehmen. Erdös gewann die Wette, begann aber nach dem besagten Monat sofort wieder mit seinem üblichen Konsum und warf Graham vor, den mathematischen Fortschritt um einen Monat aufgehalten zu haben.

 Gebiete der Mathematik auf denen Erdös tätig war. Hier auf Englisch aufgeführt, um Übersetzungsfehler zu vermeiden:


number theory, probability theory, combinatorics, graph theory, real analysis, complex analysis, approximation theory, geometry, interpolation and function theory, geometry, set theory, group theory, complex function theory,
Gebiete, die er begründetete oder mitbegründete:
probabilistic number theory
partition calculus for cardinals
extremal graph theory and the theory of random graphs

 

 

 

 

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im Sommersemester 2003 an der Freien Universität Berlin, Institut f. Publizistik.

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