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 Ich höre was, was du nicht hörst!Chronische Tinnituspatienten lernen durch verschiedene Techniken, mit dem Verlust der Ruhe zu leben, denn Tinnitus ist nicht heilbar. In der im diesem Jahr neueröffnete Tagesklinik der Charitè lernen Patienten, den Dauerton zu überhören.
Von Andreas Borsch
Jeder der schon mal mit der S- oder U-Bahn gefahren ist, erinnert sich das quietschende Geräusch des Zuges. Doch wenn wir aussteigen, hören wir das Geräusch erst wieder bei unserer nächsten Fahrt. Doch für drei Millionen Deutsche fährt der Zug bis nach Hause, begeleitet einen die ganze Nacht und den darauf folgenden Tag. Und das für immer.
Tinnitus wird diese Krankheit bezeichnet. Andere Tinnituspatienten dagegen hören eher ein ständiges Rauschen, Summen oder Pfeifen. Welches Geräusch ein Patient wahrnimmt ist sehr individuell. Denn Tinnitus ist keine Krankheit, sondern nur ein Symptom. So sind die Ursachen zur Entstehung eines chronischen Tinnitus schier endlos.
Von einem Tinnitus spricht man, wenn Töne, die ohne akustische Stimulation von Außen, d.h. ohne das Vorhandensein eines tatsächlichen Geräusches von den Betroffenen wahrgenommen werden. Von einem chronischen Tinnitus spricht man, wenn das Geräusch nach drei Monaten nicht verschwunden ist.
Ursachen können Störungen im vegetativen Nervensystem, Probleme mit der Halswirbelsäule, Masern, Scharlach, aber auch ganz alltägliche Sachen wie Stress, Schlafstörungen oder eine einfache Grippe sein. Die häufigste Ursache für einen Tinnitus ist der durch eine Virusinfektion ausgelöste Hörsturz.
Das Tinnituszentrum der Charitè in Berlin-Mitte will diesen Menschen helfen. Durch die nicht Heilbarkeit des chronischen Tinnitus durch Medikamente wird für jeden Patienten ein individueller Therapieplan entwickelt. In der Tagesklinik kümmert sich sieben oder 14 Tage lang, je nach schwere des Symptoms, ein Team aus HNO-Ärzten, Psychologen, Psychosomatikern, Physiotherapeuten und Hörgeräte-Akustiker in einer Intensivtherapie um maximal acht Patienten.Das Grundkonzept der Tagesklinik in der Charité beruht u.a. auf der sogenannten Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT).
Im Vorfeld wird in Einzelgesprächen mit Psychologen ein individueller Therapieplan erstellt. Ziel dieser Therapie ist das Erlernen von Entspannungstechniken. Das TRT-Modell wurde von dem amerikanischen Neurophysiologe Pawel Jastreboff und dem Engländer J. Hazell in den 90er-Jahren entwickelt. Sie gehen davon aus, dass der chronische Tinnitus zwar ursprünglich eine organische Ursache hat, sich dann aber verselbstständigt.
Vergleichbar mit einem Phantomschmerz, der von der eigentlichen Ursache unabhängig weiterexistiert. Nicht mal ein durchtrennter Hörnerv kann den Tinnitus beenden. Durch organische Ursachen werden die inneren und äußeren Haarzellen in der Schnecke des Innenohrs geschädigt. Haarzellen sind für das Hören von großer Bedeutung. Sie wandeln Schallwellen bzw. Luftbewegungen, d.h. sämtliche akustische Signale die wir aus der Umwelt wahrnehmen, in elektrische Signale um und leiten diese über den Hörnerv ins Gehirn weiter. Das Gehirn verarbeitet die ankommen Signale und wir „hören“.
Sind aber die äußeren Haarzellen beschädigt und Verharren in einer bestimmten Position, führt es dazu, dass die inneren Haarzellen permanent Botenstoffe ausschütten. Somit wird die Verbindungsmembran zwischen äußeren und inneren Haarzellen gar nicht durch akustische Signale von außen stimuliert. Die Stimulation entsteht durch das Verharren der äußeren Haarzellen in einer bestimmten Position.Dadurch hört der Patient ständig einen Ton der nicht durch externe Schallwellen ausgelöst wurde.
Der Ton der vom Patienten wahrgenommen wird, variiert je nachdem, in welchem Teil der Schnecke sich die geschädigten Haarzellen befinden. Jastreboff und Hazell sind der Meinung, dass dieser Ton von Gehirn gelernt wird und so durch die beschädigten äußeren Haarzellen permanent vorhanden ist. So beruht die TRT-Therapie darauf, dass das Gehirn diesen Ton wieder verlernen kann.
So erfolgt die Therapie in mehreren Schritten. Zunächst wird den Patienten erklärt was die Ursachen und wie die Entstehung des Tinnitus sind. Danach folgt die Erlernung einfacher Entspannungstechniken – eine Art autogenes Training. In einem weiteren Schritt wird den Patienten in einer Hörtherapie das „Hören“ wieder beigebracht. Dazu wird jedem Patienten ein sogenanntes Tinnitus-Masker bzw. – Noiser – eine Art Hörgerät – individuell angepasst. Diese Hörgeräte produzieren ein angenehmes , leises, breitbandiges Geräusch, wie z.B. Geräusche von Springbrunnen oder Brandungsrauschen. Durch dieses breitbandige Rauschen, wird der Kontrast zwischen dem eigenen Ohrgeräusch - dem Tinnitus – und dem Umgebungsschall verändert bzw. verkleinert, bis hin zur Maskierung (Überlagerung).
In der Hörtherapie soll der Patient lernen sich auf dieses Geräusch zu konzentrieren und um sich somit von seinem Tinnitus ablenken zu können. Ziel ist es den Menschen das Leben mit diesem Symptom zu erleichtern, indem sie sich das „Ohrenklingeln“ abtrainieren. Eine von dem Tinnitus Forschungszentrum in Frankfurt a.M. – die seit 1996 die TRT-Therapie anwendet - in Auftrag gegebene Patientenbefragung ergab, dass 85% der chronischen Tinnituspatienten ihren Tinnitus aktiv kontrollieren können, auch unter alltäglichen Stresssituationen.Aber wie bei jeder Therapie gilt auch hier, dass der Patient den Willen haben muss, etwas gegen den Tinnitus tun zu wollen, damit in Zukunft die S-Bahn dort bleibt wo sie hingehört – im Bahnhof.

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im SS 03 an der Freien Universität Berlin, Inst. f. Publizistik. |
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