  Mobile Wärmecontainer beheizen Bürogebäude - mit der überschüssigen Wärme eines Industrieparks
von Ulrich Neumann
Bei Dennis Baum macht sich mal wieder schmerzhaft die Wirbelsäule bemerkbar. Das ewige Sitzen in schlecht gefederten Fahrerkabinen hat bei ihm Spuren hinterlassen. Vor ein paar Jahren noch hat er mit seinem Lkw immer wieder Kohlköpfe durch ganz Deutschland gekarrt.
Doch damit ist jetzt Schluss. Seit geraumer Zeit kutschiert Dennis Baum im Auftrag der Bensheimer Gebäudetechnikfirma Eureca eine heiße Fracht durch die Gegend: Mit einer "rollenden Thermoskanne" beliefert er mehrmals am Tag vor den Toren Frankfurts ein großes Bürogebäude mit Heizungswärme.
Überschüssige Wärme ist im Frankfurter Industriepark Höchst ein Problem. Hier werden in riesigen Mengen Pharmazeutika, Chemikalien, Farbpigmente, Kunststoffe und Lebensmittelzusätze hergestellt. Beim Schmelzen und Verarbeiten der Rohstoffe fällt in großem Umfang Industrieabwärme an, die entweder nutzlos in die Atmosphäre geblasen oder mit zusätzlichem Energieaufwand gekühlt werden muss, ehe sie im Main entsorgt werden darf.
Dennis Baum ist deshalb im Industriepark Höchst ein gern gesehener Kunde. Hier betankt er seinen mobilen Container mit Abwärme, die dann in einer Heizungsanlage gewissermaßen "recycelt" wird. Dafür ist kein großer technischer Aufwand erforderlich. Bei den Chemiebetrieben in Höchst gibt es jede Menge heißes Kühlwasser, dass über einen Wärmetauscher abgezapft werden kann.
Nun würde es keinen Sinn machen, einfach nur heißes Wasser in einen Container zu pumpen. "Wasser ist ein schlechter Wärmespeicher", erläutert Eureca-Geschäftsführer Ronald Strasser. "Im Wasser gespeicherte Wärme geht viel zu schnell verloren. Wir benutzen das heiße Wasser dazu, um ein Wärmeträgeröl auf etwa 90 Grad zu erhitzen und es in den Container zu pumpen. Dort zirkuliert es dann über mehrere Stunden und bringt dabei ein Salz zur Schmelze."
Dieser Vorgang ist der eigentliche Clou bei dem patentierten Verfahren. Bei dem Salz handelt es sich um handelsübliches Natriumacetat. Das schmilzt bei 58 Grad Celsius und speichert dabei in großem Umfang Wärme. Diese Energie kann dann zu einem späteren Zeitpunkt, gewissermaßen per Knopfdruck, wieder abgezapft werden.
Die Fachleute sprechen von einem "Latentwärmespeicher", bei dem man sich den Phasenübergang von fest nach flüssig zunutze macht. "Jeder kennt das Phänomen", erläutert Ronald Strasser, "wirft man ein Stück Eis in ein Wasserglas, so bleibt die Temperatur solange konstant bei Null Grad, bis das Eis geschmolzen ist. Führt man dann zusätzlich Wärmenergie hinzu, so tritt bei 100 Grad Celsius erneut eine Phasenumwandlung ein: Das Wasser verdampft."
Ähnliches passiert mit dem flüssigen Natriumacetat, das Dennis Baum mehrmals am Tag vom Industriegelände in Höchst zu einem nahegelegenen Bürokomplex in Sulzbach transportiert. Hier wird der Container mit der Heizungsanlage des 17.000 Quadratmeter großen Verwaltungsgebäudes der Chemiefirma Clariant verbunden.
Nach und nach wird dem Container die Wärme entzogen. Dabei beginnt das flüssige, heiße Natriumacetat zu kristallisieren und verwandelt sich schließlich in eine schmutzig-graue Matsche. Bei diesem Prozess wird konstant eine Wärme von 58 Grad Celsius abgegeben. Je nachdem wie kalt es ist, muss Dennis Baum tagsüber zwischen fünf und sechs Container heranschaffen. Nachts reicht ein Container, um das Gebäude zu beheizen.
Das Verfahren schont nicht nur die Umwelt, sondern vor allem den Geldbeutel, schwärmt Clariant-Projektleiter Stefan Trapp: "Bislang wurden im Schnitt jährlich 400.000 Liter Heizöl benötigt, um das Gebäude zu heizen. Mit dem neuen System können wir den Verbrauch auf Null runterfahren."
Mindestens ebenso wichtig ist ihm, dass bei diesem Verfahren, abgesehen vom Lkw-Transport, keine Kohlendioxid-Emission stattfindet. Solche frohen Botschaften, dass weiß man bei Clariant, fördern das Image. Nach dem Motto "Tu Gutes und rede darüber" hofft der Chemiekonzern bei dieser umweltfreundlichen Heizungsanlage auf möglichst viele Nachahmer.
So ganz uneigennützig ist das alles nicht: Clariant recycelt nicht nur die im Produktionsbetrieb in Höchst anfallende Abwärme, sondern ist auch einer der großen Produzenten von Natriumacetat, das bei dem Verfahren in beträchtlichen Mengen benötigt wird. Noch steht man erst am Anfang der Umsetzung dieser Geschäftsidee und setzt vor allem auf die Ballungsräume, wo industrielle Abwärme in großen Mengen anfällt und auf diesem Wege ortsnah zum Beispiel auch in Blockheizkraftwerken entsorgt werden könnte.
Übrigens braucht Lkw-Fahrer Dennis Baum in den Sommermonaten nicht um seinen Job zu bangen. Auch in dieser Jahreszeit kutschiert er mit seiner heißen Suppe im Gepäck zwischen dem Industriepark und dem Bürogebäude hin und her. Die Heizung ist zwar längst heruntergefahren, dafür aber muss die Klimaanlage tagsüber laufen. Die pfiffigen Tüftler haben auch dafür inzwischen eine Lösung parat. Sie erzeugen einfach aus Wärme Kälte. So gibt es jetzt für die rund 600 Büroangestellten bei Clariant das ganze Jahr über ein prima Klima. |