  Der amerikanische Bürgerkrieg ist für viele Amerikaner ein Trauma, bis in unsere Gegenwart hinein. Doch der Krieg hätte damals leicht auch auf Europa übergreifen können. Mit Unterstützung der Südstaaten.
von Peter Schönau
Der Konflikt zwischen den von Präsident Abraham Lincoln geführten Nordstaaten und den Südstaaten unter Jefferson Davis, die eine Abkopplung von der Union anstrebten, schwelte bereits eine ganze Weile. Seit der Übergabe von Fort Sumter an die konföderierten Truppen unter General Beauregard am 13. April 1861 befanden sich beide Seiten faktisch miteinander im Krieg.
Für die industrialisierten Nordstaaten unter Abraham Lincoln ging es um die Aufrechterhaltung der Union, um die Bewahrung eines weitgehend einheitlichen Staatenbundes. Die Südstaaten mit ihrer landwirtschaftlich geprägten Wirtschaftsstruktur wollten hingegen die staatliche Eigenständigkeit. Ihre Seperationsbestrebungen empfanden sie als Sicherung ihrer eigenen Kultur, die feudalistischen Traditionen verhaftet war, was die Sklavenhaltung auf großen Landgütern mit einschloss.
Wie der Krieg vier Jahre später endete, ist bekannt. Weniger bekannt ist ein Vorgang, dessen Hauptduellanten die Union auf der einen Seite, und Großbritannien, unterstützt durch Österreich, Preußen, Frankreich und Rußland auf der anderen Seite waren, und der dazu hätte führen können, dass sich der Hof von St. James eindeutig auf die Seite der Konföderation gestellt und seine neutrale Haltung in diesem Konflikt zu deren Gunsten aufgegeben hätte: verbunden mit einer Ausweitung des Konflikts, der bis zu einem bewaffneten Konflikt zwischen den europäischen Mächten und den Vereinigten Staaten hätte eskalieren können. Doch selbst, wenn diese ultima ratio ein unwahrscheinliches Szenario ist, hätte ein offenes Eintreten der wichtigsten europäischen Mächte für die Sache des Südens, unterstützt durch wirtschaftliche Sanktionen gegen den Norden einerseits, und eine Öffnung der Kontinentalmärkte für den Süden andererseits, die Waagschale der militärischen Balance zu Gunsten der Konföderation beeinflussen können. Rein psychologisch war das Terrain bereits geebnet. Die Sympathien der Briten und Franzosen waren eindeutig auf der Seite des Südens. Ein offensichtlicher Verstoß der Union gegen die internationalen Gesetze der Neutralität musste die antiunionistische Haltung in diesen Ländern noch verstärken und es auch für Preußen, Österreich und Rußland schwieriger machen, eine ausgleichende Position zu beziehen.
Der casus belli war die Aufbringung des britischen Postdampfers Trent in neutralen Gewässern durch die USS San Jacinto unter dem Kommando von Kapitän Charles Wilkes. Die Trent war auf dem Wege von Havanna nach Southampton. An Bord befanden sich als Passagiere unter anderem die Herren Mason and Slidell, Botschafter der Konföderation der Südstaaten in London und Paris (wenn es auch richtiger wäre, sie in Anbetracht der mangelnden diplomatischen Anerkennung der Konföderation durch Großbritannien und Frankreich eher als Emissäre oder als fünfte Kolonne zur Wegbereitung einer besseren Stimmung zu Gunsten der Konföderation in diesen Ländern zu bezeichnen). Als die USS San Jacinto die Trent mit einem Schuss vor den Bug stoppte, waren die Absichten von Captain Wilkes ganz klar. Die Spitzeldienste der Union hatten ihn darüber informiert, wer sich in Havanna an Bord der Trent begeben hatte. Seine Aufgabe war es, sich dieser beiden Männer zu bemächtigen und die "Rebellen", wie es in der offiziellen Sprachregelung der Union hieß, in Haft zu nehmen und sie der Jurisdiktion der Nordstaaten zu überstellen. Eine sehr eigenwillige Interpretation der Neutralitätsbestimmungen (juristisch wurden die beiden Herren als "Konterbande" deklariert) gab ihm den Deckmantel für sein Vorgehen.
Mit genauen Instruktionen versehen, entledigte sich Lieutenant Fairfax dieser heiklen Aufgabe. Hier ein Auszug aus dem Bericht an seine Vorgesetzten:
"Um 13.20 Uhr ging ich neben dem britischen Postdampfer Trent in einem bewaffneten Kutter in Begleitung des zweiten Ingenieurs und eines Bootsmanns längsseits. Ich enterte die Trent alleine und ließ die zwei anderen Offiziere im Boot zurück, mit dem Befehl, erst einzugreifen, wenn es sich als notwendig erweisen sollte, Gewalt anzuwenden.
Der erste Offizier wies mir den Weg zum Achterdeck, wo ich auf den Kapitän traf. Ich sagte ihm, wer ich sei, und bat um seine Passagierliste. Er lehnte es ab, sie mir zu zeigen. Ich sagte ihm, dass ich Informationen dahingehend besäße, dass sich die Herren Mason, Slidell und Eustis in Havanna bei ihm eingeschifft hätten, und dass ich mich darüber vergewissern wollte, ob sie sich an Bord befänden, bevor ich dem Dampfer die Weiterfahrt erlaubte. Herr Slidell, der seinen Namen offensichtlich gehört hatte, kam zu mir und fragte mich, ob ich ihn zu sehen wünschte. Bald darauf kamen Herr Mason, Herr Eustis und Herr Macfarland dazu, ich informierte sie über den Zweck meines Besuchs. Der Kapitän der Trent widersetzte sich jeder Durchsuchung seines Schiffes, er weigerte sich auch, mir die Schiffspapiere oder die Passagierliste zu zeigen. Auch die vier erwähnten Herren protestierten gegen ihre Festnahme und die Verbringung auf ein US-Schiff.
Die Diskussion wurde laut, was die beiden Offiziere, die ich im Kutter zurückgelassen hatte, in Begleitung von sechs bis acht bewaffneten Männern an Bord brachte. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, Herrn Mason und Herrn Slidell davon zu überzeugen, mich freiwillig zu begleiten, beriet ich mich mit unserem zweiten Ingenieur und befahl ihm, zum Schiff mit der Information zurückzukehren, dass die oben erwähnten vier Herren sich an Bord befänden und dass man sie nur unter Zwang dazu bringen würde, sich auf die USS San Jacinto zu begeben.
Die Aufregung auf dem Achterdeck wuchs weiter, was zum Erscheinen des Bootsmanns mit weiteren Bewaffneten führte. Ich war jedoch der Meinung, dass die Anwesenheit bewaffneter Männer unnötig und nur dazu angetan war, die an Bord anwesenden Frauen zu beunruhigen. Deswegen wies ich den Bootsmann an, wieder seinen Platz auf dem Deck unter uns einzunehmen.
Es muss weniger als eine halbe Stunde nach meinem Betreten der Trent gewesen sein, als der zweite bewaffnete Kutter unter Leutnant Greer längsseits ging. Nachdem die an Bord befindlichen Marines vor der Hauptkajüte Aufstellung genommen hatten, in die die vier Herren zurückgegangen waren, um ihre Sachen zu packen, versuchte ich erneut, sie zu bewegen, mich an Bord zu begleiten. Als sie sich weiter weigerten, mir freiwillig zu folgen, rief ich vier oder fünf Marines zu Hilfe. Zu zweit packten wir Herrn Mason an den Schultern und übergaben ihn an Leutnant Greer, damit er ihn in den Kutter setzte.
Ich wendete mich Herrn Slidell zu, der mir klarmachte, dass er mir nur unter Anwendung von Gewalt folgen würde. Mit der Hilfe von mindestens drei Marines wurde auch er an Leutnant Greer übergeben. Die Herren Macfarland und Eustis enterten den Kutter schließlich freiwillig.
Als wir Herrn Slidell in Gewahrsam nahmen, gab es unter den Passagieren erhebliche Unruhe, was Leutnant Greer veranlasste, die Marines in die Kajüte zu schicken. Aber ich befahl ihnen, sofort wieder ihre frühere Position vor der Kajüte einzunehmen.
Abschließend möchte ich betonen, dass ich meinen Auftrag ausgeführt habe, ohne mehr Zwang anzuwenden, als ich hier beschrieben habe.
Der Postmeister, ein pensionierter britischer Marineoffizier, schien einiges zur Korrektheit meines Vorgehens zu sagen zu haben, aber ich vermied absichtlich jeden offiziellen Meinungsaustausch mit ihm.
Während der gesamten Operation spürte ich die feindselige Haltung von Besatzung und Passagieren.
Es fielen Worte wie "Piraterie", "Dafür werden die Yankees bezahlen" und ähnliches. Die Sympathien lagen eindeutig auf der Seite des Südens."
In Europa schürte dieser Vorfall die Antipathien gegen die Yankees, während die öffentliche Meinung in den Nordstaaten das Handeln von Captain Wilkes über den grünen Klee lobte, und Außenminister Seward (der in seiner Anfangszeit zu allem bereit schien, was die Briten reizen konnte) verteidigte das Vorgehen der USS San Jacinto. Der Marineminister sah sich sogar am 30. November zu einem offiziellen Glückwunschreiben an Captain Wilkes veranlaßt.
Das Außenministerium der Konföderation protestierte beim Hof von St. James gegen einen "...Akt ungesetzlicher Gewalt..."
Die juristische Prüfung durch die britische Regierung kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass das Vorgehen des Kommandanten der San Jacinto illegal gewesen war.
Am 30. November 1861 forderte das Foreign Office den britischen Gesandten auf, dem US-Außenministerium zu verstehen zu geben, dass man diesen Vorfall am Hof von St. James als einen groben Verstoß gegen die - im übrigen auch von den Vereinigten Staaten - getragenen Prinzipien des internationalen Rechtes ansehe und von der Regierung der Vereinigten Staaten Satisfaktion erwarte, die nach Lage der Dinge nur in der Freilassung der inhaftierten Personen und ihre Überstellung unter britischen Schutz bestehen könne.
Bestärkt in ihrer Haltung wurde die Regierung Ihrer Majestät von den Unterstützungsbekundungen aus Wien, Paris, Berlin und St. Petersburg, deren Regierungen sich den Protest der Briten zu eigen machten.
Während der amerikanische Kongress auf seiner Sitzung Anfang Dezember noch eine Resolution verabschiedete, in der Captain Wilkes für sein tapferes und patriotisches Verhalten durch die Inhaftierung der Herren Mason und Slidell gedankt wurde, ließ Außenminister Seward auf der anderen Seite durchblicken, dass der Captain möglicherweise seine Vollmachten überschritten habe. Doch zu einer offenen Entschuldigung war man in Washington nicht bereit, geschweige denn zu einer Herausgabe der Gefangenen.
Die Fronten verhärteten sich. Am 19. Dezember 1861 gab Earl Russel dem US-Geschäftsträger zu verstehen, dass ein Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten nicht mehr ausgeschlossen sei. Inoffiziell ließ das Foreign Office verlauten, dass eine nicht zufriedenstellende Beilegung der Affäre zum Rückruf des britischen Botschafters führen würde. Man wolle diese Konsequenz jedoch noch nicht offen äußern, um den Eindruck einer Drohung zu vermeiden. Wenn allerdings Mr. Seward zugegeben habe, dass die Aufbringung der Trent von der Regierung nicht autorisiert worden sei, sei damit schon ein Schritt in die richtige Richtung getan. Aber die wesentliche zu erfüllende Bedingung sei die Freilassung der Herren Mason und Slidell.
Das Gespräch ging so weit, dass der US-Geschäftsträger den Gesandten Earl Russell fragte, ob die Abberufung des britischen Botschafters eine sofortige Kriegserklärung zur Folge haben würde. Earl Russell erklärte, dass noch nichts entschieden sei. Man werde auf die Antwort der Vereinigten Staaten warten und dann über das weitere Vorgehen beraten (Quelle: Brief von Earl Russell an Lord Lyons v. 19.12.1861).
Am 25. Dezember intervenierte auch Berlin mit einer Note von Graf Bernstorff an Baron Gerolt, die zur sofortigen Weitergabe an US-Außenminister Seward bestimmt war.
Wenige Tage später, leitete Wiliam H. Seward mit einem langen Schreiben an Lord Lyons den Rückzug ein. Eine Reihe gewundener juristischer Formulierungen sollten den Eindruck erwecken, dass die US-Regierung weiter zu ihrem Vorgehen stehe. Doch der allein entscheidende Satz kam am Schluss: "The four persons in question are now held in military custody at Fort Warren, in the State of Massachusetts. They will be cheerfully liberated. Your lordship will please indicate a time and place for receiving them."
Und so geschah es auch. Am Neujahrstag des Jahres 1862 wurden die Herren Mason und Slidell freigelassen und in Provincetown, Cape Cod, auf einem Kriegsschiff seiner britannischen Majestät der Obhut der britischen Krone übergeben.
Die Vernunft hatte gesiegt. Doch wenn dies nicht der Fall gewesen wäre? Es hätte ein Szenario ergeben, bei dem ein Sieg der Südstaaten oder zumindest ein Abnutzungskrieg wahrscheinlich gewesen wäre, an dessen Ende die Südstaaten und die Nordstaaten von Amerika gestanden hätten. Dass dies entscheidende Konsequenzen für die Weltgeschichte gehabt hätte, kann man sich leicht ausmalen.

Peter Schönau wurde 1944 in Rendsburg (Schleswig-Holstein) geboren. Er lebt heute als Übersetzer und Schriftsteller in Italien.
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