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Einhunderttausend Goldmark...



Pierre de Fermat (1607-1665)

 

...und eine Geschichte: Was das Fermatsche Problem mit der Familie Wolfskehl verbindet.

 

von Jürgen Lehn und Dagmar Lorenz

 

Diese Geschichte beginnt vor langer Zeit, im 17. Jahrhundert. Damals beschäftigte sich Pierre de Fermat (1607-1665), seines Zeichens Ratsherr und Jurist in Toulouse, in seiner Freizeit intensiv mit mathematisch-naturwissenschaftlichen Fragen.

Wie viele Gelehrte seiner Zeit, studierte er dabei eifrig das Buch "Arithmetik" von Diophant, das 1621 in lateinischer Übersetzung erschienen war. Durch diese Schrift angeregt, kam er zu dem Schluss, dass die Pythagoras-Gleichung "a zum Quadrat plus b zum Quadrat gleich c zum Quadrat" keine ganzzahligen Lösungen mehr zulässt, wenn man die Quadrate durch Kuben oder höhere Potenzen ersetzt.

Fermat konnte das Problem für vierte Potenzen tatsächlich lösen und nach seinem Tode veröffentlichte sein Sohn Samuel folgende Notiz Fermats, die dieser auf den Rand seines Exemplars von Diophants Buch geschrieben hatte:

"Es ist unmöglich, Kuben in zwei Kuben, Biquadrate in zwei Biquadrate, oder allgemein jede Potenz größer als die zweite in zwei ebensolche Potenzen zu zerlegen. Ich habe einen wahrhaft bemerkenswerten Beweis hierfür gefunden, aber der Rand ist zu klein, ihn zu fassen."

Seitdem, über 300 Jahre lang, haben sich die Mathematiker bemüht, diesen Beweis wiederzufinden.

Leonard Euler (1707-1783) und Carl Friedrich Gauß (1777-1855) lösten das Problem unabhängig voneinander für die dritte Potenz. Der Fall der fünften Potenzen wurde von den Mathematikern Peter Lejeune Dirichlet (1805-1859) und Adrien Legendre (1752-1833) im letzten Jahrhundert geklärt, aber das Problem für höhere Potenzen blieb offen.

Der Faszination, die das Fermatsche Problem seit seiner Formulierung auf die besten Köpfe der Mathematik ausübte, erlag auch ein Mathematiker aus Darmstadt:

Paul Friedrich Wolfskehl (1856-1906) war der jüngere von zwei Söhnen des reichen jüdischen Bankiers Joseph Carl Theodor Wolfskehl. Während sein älterer Bruder, der Jurist Wilhelm Otto Wolfskehl, nach dem Tode des Vaters das Bankhaus übernahm, promovierte Paul Wolfskehl zum Doktor der Medizin.

Um diese Zeit machten sich bei ihm die ersten Anzeichen einer Multiplen Sklerose bemerkbar. Es war ihm klar, dass er den Beruf des Arztes nicht lange würde ausüben können, und so entschloss er sich, noch Mathematik zu studieren. Er hörte Vorlesungen u.a. bei Ernst Eduard Kummer, einem berühmten Mathematiker, der sich selbst in vielen Arbeiten mit dem Fermatschen Problem auseinandergesetzt hatte, und er befasste sich selbst mit dem Problem.

Von 1887 bis 1890 hielt er an der Technischen Hochschule Darmstadt Vorlesungen über Zahlentheorie. Wegen der fortschreitenden Multiplen Sklerose musste Paul Wolfskehl seine Vorlesungstätigkeit 1890 aufgeben, veröffentlichte aber in der Folgezeit noch einige mathematische Arbeiten.

Er war schwer pflegebedürftig und wurde als Junggeselle daher von seiner Familie dazu gebracht, im Jahre 1903 eine ältliche Jungfer, die 53jährige Tochter eines Steuerrats, zu heiraten: eine "böse Xanthippe, die ihrem Ehemann die letzten Jahre seines Lebens zur Hölle machte", wie der Kasseler Mathematiker Klaus Barner im Zuge seiner Wolfskehl-Forschungen schreibt.

Im Jahre 1905 änderte Paul Wolfskehl sein Testament zugunsten dessen, "dem es zuerst gelingt,den Beweis des großen Fermatschen Satzes zu führen". Für die Lösung der Preisaufgabe setzte er seine Summe von 100.000 Mark aus und bestimmte, dass die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen das Geld verwalten und über die Zuerkennung des Preises entscheiden sollte.

Paul Wolfskehl starb im Jahre 1906. Er war jedoch keineswegs das einzige Mitglied seiner Familie, das sich um die Förderung von Wissenschaft und Kultur verdient gemacht hatte. Sein Bruder Wilhelm Otto Wolfskehl hatte einst die von der Schließung bedrohte Polytechnische Schule in Darmstadt gerettet und für deren Umwandlung in die Technische Hochschule Darmstadt gesorgt.

Einem anderen Mitglied der Familie Wolfskehl verdanken wir ein Stück Literatur: Der Lyriker und Publizist Karl Wolfskehl gehörte dem George-Kreis an - und - was fast noch bemerkenswerter ist - er bewahrte sich selbst in diesem esoterischen Klub der Verehrer um den Dichter Stefan George die eigene künstlerische Selbständigkeit.

Und der Wolfskehl-Preis? Die von Paul Wolfskehl ausgesetzte Geldsumme von 100.000 Goldmark war ein zu jener Zeit riesiges Vermögen. Wäre dieser Betrag damals in US-Dollar angelegt worden, so hätte sich bei normaler Verzinsung heute ein Kapital von ca. 3 000 000 DM angesammelt.

Indes sollte es noch eine geraume Zeit dauern, bis der Preis vergeben werden konnte - und in dieser Zeit schrumpfte sein Wert erheblich. Nach Inflation und Währungsreform blieben im Jahre 1948 gerade mal 7.500 DM übrig - eine bescheidene Summe, die inzwischen wieder auf ca. 75.000 DM angewachsen ist.

Bekommen hat den Preis schließlich der 1953 geborene Mathematiker Andrew Wiles, der im Oktober 1994 die letzte Lücke in seinem Beweis schließen konnte und damit das Fermatsche Problem löste.

Am 27. Juni 1997 wurde ihm der Wolfskehlpreis in der Göttinger Akademie der Wissenschaften verliehen. Es war aber auch höchste Zeit, dass das Problem gelöst wurde. Allzulange hätte sich Wiles nicht mehr Zeit lassen können, denn Paul Wolfskehl hatte verfügt, dass der Preis an seinem Todestag, dem 13.September im Jahre 2007 verfallen solle.

 

Nachtrag:

In einem 1984 erschienenen Dokumentarband "Juden als Darmstädter Bürger" von Eckhard G.Franz ist die Stammtafel der Familie Wolfskehl abgedruckt. Von den jüdischen Familienmitgliedern, die bis zum Jahre 1939 nicht emigriert waren, kamen zehn in Konzentrations- und Vernichtungslagern ums Leben: fünf davon in Auschwitz.

Der Lyriker Karl Wolfskehl emigrierte nach Neuseeland - und beeinflusste in den letzten Jahren vor seinem Tode noch eine jüngere neuseeländische Dichtergeneration. Aber das ist wieder eine andere Geschichte...

 

 

 

 

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