 Marathon-Winter!
Im September war Berlin voll: Hunderttausende Sport-Freaks kamen in die Hauptstadt, um am Kult-Event Marathon teilzunehmen. Und jetzt im Winter? Da haben vier Frauen jede Menge Arbeit.
von Martina Jahn
„Das Schönste vor dem Start ist das Kribbeln im Bauch“, erinnert sich Jan Käbitz. Er ist in diesem Jahr seinen ersten Marathon in Berlin gelaufen. Mit Begeisterung denkt er an die schöne Strecke, die jubelnden Zuschauer und die mitreißende Stimmung zurück. Der 32-Jährige war aber nur eine der 31.533 „Nummer“, die zu dem legendären 30. Berlin-Marathon angetreten waren.
Einmal noch tief durchatmen bevor der Startschuss fällt und das Rennen beginnt. Und das nicht nur für die Läufer, sondern auch für alle Helfer und Partner der dafür verantwortlichen SCC Running Events GmbH.
Berlin-Marathon in Zahlen
Von 1974 bis 2002 haben 416.444 Teilnehmer/Innen aus über 100 Nationen teilgenommen. |
Die Firma ist im Zuge der Entwicklung immer größerer Läufe aus dem Berliner Sportclub SCC hervorgegangen. Der Club wurde schon im Jahre 1902 gegründet und kann auf eine erfolgreiche sportliche Bilanz zurückschauen. Da aber ein Verein nicht kommerziell tätig sein darf, wurde 1996 ein Unternehmen gegründet. Es organisiert seitdem neben dem Berlin-Marathon noch anderen, auch kleinere Laufveranstaltungen in der Stadt.
Wenn der Startschuss für die Läufer gefallen ist, haben sie die ganze Strecke noch vor sich. Die Mitarbeiter der Firma hingegen befinden sich im Endspurt. Fast 12 Monate waren sie unter Hochdruck damit beschäftigt gewesen, den größten und erfolgreichsten Lauf-Events in Deutschland zu organisieren.
Schon knapp vier Monate nach dem Berlin-Marathon, also zum Jahresbeginn, erscheint jeweils die neue Ausschreibung für das jeweilige Kalenderjahr. „Der Dezember ist der ruhigste Monat; sonst steht das Telefon nie still“, sagt Mitarbeiterin Judy Kumutat. „Jetzt werden noch die letzten Ergebnishefte versandt und dann können wir uns, wie auch die Läufer, von der diesjährigen Laufsaison erholen."
Zumindest bis zum Januar. Denn dann beginnt die neue Anmeldefrist. Wann genau, wissen die Frauen selbst noch nicht. Die Vorarbeiten müssen erst abgeschlossen sein. In der Marathonszene spricht sich der Anmeldestart jedoch in Windeseile herum. Bereits eine Minute nach Mitternacht kämpfen die ersten Laufbegeisterten um die begehrten Startnummern. „Viele Interessenten haben im letzten Jahr keine Startnummer bekommen und jetzt auf Nummer sicher gehen“, so Frau Kumutat in ihrem Büro nahe dem Olympiastadion. Denn die Plätze für den Berlin-Marathon sind begrenzt.
Den vier Damen vom „Meldewesen“ – so wird die Abwicklung von der Anmeldung bis zur Startnummernvergabe genannt – macht die Arbeit sichtbar Spaß. Trotz – oder vielleicht weil – sich über die letzten acht Jahre eine gewisse Routine eingeschlichen hat. Zusammen mit acht Kollegen bilden sie den Grundstock der Firma. Dazu kommen 60 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sind das nun alles Marathon-Freaks?
„Wir vier auf jeden Fall nicht,“ lacht Frau Kumutat. Ihr und ihren Kolleginnen macht es am entscheidenden Tag viel mehr Spaß, vor Ort zu sein um Probleme zu lösen und in die glücklichen Gesichter der Läuferinnen und Läufer zu schauen. „Dann noch jedes Jahr aus den Erfahrungen lernen und versuchen, es später noch besser zu machen, das ist unser Ziel“.
Jan Käbitz kannte die Anmeldeprozedur schon von kleineren Läufen und hatte sich vorsorglich schon ein halbes Jahr im voraus seinen Platz reserviert. Die Startpreise sind gestaffelt´. Je früher man bucht, um so billiger wird es, um den organisatorischen Aufwand etwas zu entzerren. Trotzdem müssen kurz vor Meldeschluss Helfer eingestellt werden, die einzig dafür zuständig sind, die Daten der vielen Marathonläufer in das System zu speisen.
Doch selbst ein Preis von 90 Euro, der kurz vor dem letzten Meldeschluss fällig wird, deckt allerdings die entstehenden Kosten noch lange nicht. Wie Vincent Dornbusch, Marketing-Verantwortlicher der Firma, erzählt, deckt die Teilnehmergebühr nur die Hälfte der Kosten. Der Rest des Geldes muss bei Sponsoren aufgetrieben werden.
2,5 Kilometer sind geschafft, und schon folgt der Griff zum ersten Wasserbecher. „Ich habe fast an jedem Stand wenigstens ein Schlückchen getrunken und später auch mit Bananen Energie getankt“, erinnert sich der Berliner Jan Käbitz. Die neun Erfrischungs- und sieben Verpflegungspunkte auf der Marathonstrecke werden von Berliner Sportvereinen oder Helfern der Feuerwehr, der THW-Jugend und der Berliner Wasserbetriebe betreut. Alle 2,5 Kilometer gibt es mindestens Wasser und an den Verpflegungspunkten auch Obst, heißen Tee und Mineralgetränke. Die Anzahl der Helfer pro Anlaufsstelle variiert zwischen 70 und 120, je nach Lage an der Strecke.
Berlin-Marathon in Zahlen • 180.000 Sicherheitsnadeln • 120.000 Bananen • 90.000 Programmhefte • 40.000 Äpfel • 38.500 Schwämme • 7.500 kg Nudeln • 6.000 l Sauce, 300 kg Tomaten • 880 Polizeibeamte • 2.560 kg Medaillen • 395 Ärzte und Sanitäter • 48 umgeleitete Buslinien
|
Der Materialaufwand bei einem solchen Rennen ist enorm. So wurden in diesem Jahr eine Million Becher für die Veranstaltung bereitgestellt und mit ihnen flossen 25.000 Liter Wasser in die trockenen Münder der Marathonläufer. Als Vergleich dazu enthält eine volle Badewanne 100 Liter und der Wasserverbrauch eines drei-Personen-Haushalts wäre mit dieser Menge drei Monate lang abgedeckt.
Sämtliche Zuarbeiten für den Lauf werden an externe Firmen abgegeben und auch das muss langfristig geplant werden. Die Stände für die Versorgung müssen angeliefert, aufgebaut und wieder abgeholt werden und die Entsorgung des Mülls muss geklärt sein.
„Das Wichtigste für einen reibungslosen Ablauf ist die territoriale Vorraussetzung“, sagt Reimer Sigbjoernsen, der bei der Firma schon seit mehr als zehn für die Streckenversorgung und den Materialeinsatz verantwortlich ist. Schon drei Monate vor der Veranstaltung fährt er mit seinen Helfern die 42,195 Kilometer lange Strecke ab. Dabei wird besonders auf den Standpunkt der Hydranten geachtet und darauf, dass sich zu dem Zeitpunkt des Marathons an den geplanten Punkten keine Baustellen befindet.
Die Zeit rennt und Jan und die vielen Tausend anderen Läufer nähern sich der Ziellinie. Dort erwartet sie viel Jubel, jede Menge Glückwünsche und eine Medaille. Es werden Wärmefolien gereicht, Massagen angeboten und für eine heiße Dusche nach den durchschnittlich vier Stunden ist auch gesorgt.
Aber nicht alle Läufer erreichen das Ziel und nicht alle gemeldeten Läufer treten überhaupt an. Sei es, dass sie gesundheitlich oder beruflich verhindert sind. Die Zahl der gemeldeten Teilnehmer lag 2003 bei rund 38.500, gestartet sind 7000 weniger und tatsächlich ins Ziel kamen um die 30.000 Läuferinnen und Läufer.
Übrigens: Wenn Sie darauf spekulieren, eine nicht abgeholte Startnummer zu ergattern: 7000 verfallene Startnummern am Morgen der Veranstaltung neu zu vergeben, ist organisatorisch gar nicht machbar.
Also heißt es sich in Geduld zu üben: Der nächste Marathon kommt bestimmt, nämlich Ende September. Schon wenn am 16. April der erste Meldeschluss und damit auch das Ende der ersten Gebührenstaffelung gekommen ist, wird Jan Käbitz schon angemeldet sein. 50 Euro kostet das „Kribbeln im Bauch“ mittlerweile, wenn man „pünktlich“ ist und auf Nummer sicher gehen will. In diesem Jahr wollte Jan „einfach mal mitmachen und gucken, wie ein Marathon ist.“ Im kommenden Jahr will er die vier-Stunden-Marke knacken.

Martina Jahn
studiert Publizistik und Kommunikations-wissenschaften und Anglistik an der Freien Universiät Berlin
Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im WS 03/04 am Inst. f. Publizistik. |