08.02.2004

Denker für die Freiheit



Immanuel Kant

Was der Königsberger Philosoph aus seinem „kategorischen Imperativ“ im Detail ableitete, stürzt Philosophieschüler auch 200 Jahre später in größte Verwirrung: Zum 200. Todestag des Philosophen Immanuel Kant.

 

von Josef Tutsch

 

Friedrich Schiller, eigentlich ein treuer Anhänger der kantischen Philosophie, war sichtlich irritiert: „Gerne dien ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung, und so wurmt es mir oft, dass ich nicht tugendhaft bin.“ Man weiß nicht, ob der alte Philosoph die Verse des jungen Dichters jemals gelesen hat; vermutlich hätte er zustimmend genickt. „Pflicht“, das sollte in der Tat bedeuten, dass die sittliche Vernunft sich gegen alle natürlichen Neigungen geltend machte.

Vielleicht kommt in der Realität unseres Lebens so etwas gar nicht vor, wie Kant unumwunden einräumte: Es sei unmöglich, einen einzigen Fall mit Gewissheit auszumachen, wo eine pflichtmäßige Handlung lediglich „aus Pflicht“ getan wurde.

Da trifft sich der Philosoph Immanuel Kant mit dem Theologen Martin Luther. Alle unsere guten Werke seien Todsünden, wenn sie nach Gottes Gericht beurteilt würden, hatte Luther gepredigt. „Durch Adams Fall ist ganz verderbt menschlich Natur und Wesen“, singt das protestantische Kirchenlied. Zwei Jahrhunderte exakter Wissenschaft hatten bekräftigt, wie sehr der Mensch an diese Natur gebunden ist:

„Alles, was geschieht, setzt etwas voraus, worauf es nach einer Regel folgt“, fasste Kant den Erkenntnisstand seiner Zeit zusammen. Die „Kritik der reinen Vernunft“ konnte zeigen, dass mit solchen Kategorien Naturwissenschaft möglich war, aber in dieser Welt strenger Kausalität war kein Platz für menschliche Freiheit. Und damit auch nicht für sittliches Handeln, also für die Forderungen der praktischen Vernunft.

Luther hatte das Dilemma mit einer Berufung auf die göttliche Gnade gelöst. Für den Philosophen kam dieser Ausweg nicht in Frage – schon deshalb nicht, weil die theoretische Vernunft Kants Gedankengängen zufolge gar nicht in der Lage sein konnte, die Existenz Gottes nachzuweisen.

 

 Kants Leben und Werk

1724 am 22.4. in Königsberg geboren
1781 „Kritik der reinen Vernunft“: Grundlegung der Mathematik und der Naturwissenschaft, Abweisung der Metaphysik als Wissenschaft
1788 „Kritik der praktischen Vernunft“: Neubegründung der Ethik
1790 „Kritik der Urteilskraft“: Begründung von Ästhetik und Biologie
1793 „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“: die Konsequenzen für die Religionsphilosophie
1795 „Zum ewigen Frieden“: der Gedanke der weltweiten Friedensordnung als politisches und rechtliches Konzept
1804 am 12. 2. in Königsberg gestorben 

Was Kant an diese Stelle setzte, hat das europäische Denken zweihundert Jahre lang in Atem gehalten: Zwar bleibt unser Erkenntnisvermögen auf die Erfahrungswelt beschränkt – gerade das aber hält die Möglichkeit offen, etwas zu denken, was der Naturkausalität nicht unterworfen ist, eben eine Welt der Freiheit. Beweis: „das moralische Gesetz in mir“, der Gerichtshof des Gewissens, der mein Handeln beurteilt, „als ob“ ich frei wäre. Damit war in Kants Philosophie die menschliche Freiheit in die Funktion eingetreten, die in der protestantischen Tradition die göttliche Gnade einnahm.

Bekanntlich hat Heinrich Heine die kantische Wendung in die saloppe Floskel gepackt, der Philosoph habe „den Himmel gestürmt und die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen“. In der Tat, von hier aus konnte die Entwicklung weitergehen zum halben oder ganzen Atheismus eines Fichte und Schopenhauer ebenso wie zu den mehr oder minder pantheistischen Neuformulierungen des Christentums durch Schelling und Hegel.

Hierzu musste man nur ein wenig über das spekulieren, was hinter der Erscheinungswelt liegen mochte: also vor allem über jenes „Ich“, dem ein freier Wille zugesprochen wurde. Bereits Kants eigene Formulierung vom Vermögen, einen Zustand „von selbst“ anzufangen, hatte das ethische Handeln des Menschen recht nahe an Gottes Schöpfungstat herangerückt.

Kant selbst widerstand übrigens der Versuchung, sich die Welt hinter den Erscheinungen näher auszumalen; nach den drei Schriften zur Vernunftkritik galt sein Interesse anderen Dingen, zum Beispiel der Politik und Geschichtsphilosophie.

Der Gelehrte, der so zurückgezogen und regelmäßig lebte (nach seinen täglichen Gewohnheiten könne man die Uhr stellen, behaupteten die Nachbarn) und den engsten Umkreis seiner Heimatstadt Königsberg nie verlassen hat, nahm lebhaften Anteil am Weltgeschehen. Und, bei seiner Ansicht vom „radikalen Bösen in der menschlichen Natur“ durchaus überraschend: Er sah die Dinge auf lange Sicht optimistisch; über die Jahrhunderte hin könne man einen „regelmäßigen Gang der Verbesserung der Staatsverfassung in unserem Weltteile“ entdecken. Auch in der Französischen Revolution sah der preußische Untertan einen Schritt hin zum vernünftigen Ziel der Weltgeschichte.

Kants Hoffnung richtete sich aber nicht so sehr auf gewaltsame Umstürze als auf den freien, öffentlichen Gebrauch der Vernunft. Das mag uns ein wenig naiv erscheinen – damals, unter den Bedingungen von Obrigkeitsstaat und Kirchenregiment, war das „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ eine revolutionäre Parole. Alle Staaten sollten eine „republikanische Verfassung“ haben, forderte Kant: Trennung von Regierung und Justiz, Freiheit und Gleichheit aller Staatsbürger.

Darin glaubte Kant auch einen Weg zum ewigen Frieden sehen zu dürfen, nämlich wegen der Drangsale, die ein Krieg mit sich bringt. „Wenn die Beistimmung der Staatsbürger dazu erfordert wird, um zu beschließen, ob Krieg sein solle oder nicht, so ist nichts natürlicher, als dass sie sich sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen.“ Man sieht: auch Philosophen, die seit 200 Jahren tot sind, können gelegentlich Beiträge zur aktuellen Diskussion liefern.

Was natürlich nicht bedeuten kann, dass bei einem solchen Klassiker die Antwort auf unsere Fragen in Alltag und Politik fix und fertig nachzulesen wäre. Wir sehen es am Prinzip der Menschenwürde, das aus Kants Philosophie ins Grundgesetz eingegangen ist: Die Fragen sind damit gestellt, aber keineswegs beantwortet. Kant hatte als Formulierung des Sittengesetzes vorgeschlagen: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

Was der Philosoph aus diesem „kategorischen Imperativ“ im Detail ableitete, hat Philosophieschüler in 200 Jahren in die größte Verwirrung gestürzt: Einen Mörder, der uns fragt, ob unser von ihm verfolgter Freund sich nicht in unser Haus geflüchtet hat, dürfen wir nicht belügen - es wäre ein Verbrechen.

Eine Moral für ein Volk von Märtyrern, möchte man da erwidern. Ist es bloße Bequemlichkeit, wenn wir genauer auf die Situation sehen wollen, bevor wir zu dem Schluss kommen, hier eine ethische Maxime anwenden zu können und anwenden zu sollen? Auch Kant selbst war sich durchaus bewusst, dass wo es konkret wird, sich oft „Spielräume“ auftun werden, also Diskussionen. 

Dennoch liegt hier wahrscheinlich der Punkt, wo wir uns nach zwei Jahrhunderten am stärksten von Kant entfernt haben: Aus seiner rein formal gedachten Ethik konnte er eine ganze Reihe sehr detaillierter „Tugendpflichten“ entnehmen - eine Selbstverständlichkeit, die uns heute fremd geworden ist. Auch Revolutionäre brauchen wohl einen festen Standort, von dem aus sie die Welt aus den Angeln heben können.

 

 

Josef Tutsch

Berliner Journalist mit einer langjährigen Liebe zu Themen aus Wissenschaft und Kutur.

Mitglied der Agentur Scienzz.com

 


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