08.02.2004

Können Seesterne riechen?



Foto: DIFA

Berlin hat wieder zwei neue Attraktionen: „Sea Life Berlin“ und „AquaDom“. Zwei privat finanzierte Aquarienwelten sollen mitten in der Stadt zum Besuchermagnet werden.  Höhepunkt: Die Fahrt in einem gläsernen Aufzug mitten durchs Aquarium.

 

von Jeannette Schuppan

 

Der Eingang ist noch von Baugerüsten umschlossen. Denn eigentlich entsteht hier ein Hotel- und Bürokomplex: Das sogenannte Domaquaree. Im Mai 2004 soll es fertig sein. Aber der wichtigste Untermieter,  das Sealifecenter, hat seit dem 1. Dezember 2003 vorsorglich schon einmal geöffnet. Vielleicht finden ja doch einige Gäste den Weg zur geplanten neuen Berliner Attraktion!

Die Atmosphäre im Eingangsbereich macht einen eher kühlen Eindruck. Lediglich ein kleines Wasserbecken gefüllt mit Fischen und Seesternen deutet auf den Bezug zum Meer hin. Vielleicht liegt es an den frühen Vormittagsstunden, dass es eher ruhig im Kassenbereich zugeht. Plätschernde Entspannungsmusik begleitet mein Warten. Und kurze Zeit später begrüßt mich Markus Koch, der sogenannte „Marketing Coordinator“ des Aquadom und Sealifecenters und nimmt mich mit auf eine Reise durch seine Meereslandschaft.



Markus Koch. Foto: JS

In einem separaten Raum mit einem kleinen Wasserbecken, eigens für Schulklassen hergerichtet, erläutert er mir die Hintergründe zu dem gesamten Objekt. Meine Augen schweifen ab. Auf kleinen Schultafeln an den Wänden stehen Fragen, wie sie Kindern oft durch den Kopf gehen.  Eine der Fragen fällt mir auf: Können Seesterne eigentlich riechen? Darüber habe ich noch nie nachgedacht! Können sie?

Wie in jedem Aquarium ist das Licht gedämpft. Doch statt gewaltiger Glaskästen gibt es hier gerade mal hüfthohe, offene Wasserbecken, die auf beiden Seiten den Parcours säumen. Sie laden dazu ein, mit beiden Händen hineinzufassen und erinnern mehr an Gartenteiche als an Aquarien.

Der Form nach zu urteilen sollen das hier die Spree und ihre Mündung in den Wannsee sein. Für mich ist das ziemlich unspektakulär, auch die Fische sehen irgendwie alle gleich aus. Interessanter wirkt dagegen die Kulisse des Hamburger Hafens, die mit den bekannten Hafengeräuschen unterstützt wird.

Doch ob in der Elbe andere Fische schwimmen als in der Spree, können nur Fischspezialisten erkennen. Ich jedenfalls nicht. Aber genau das ist die Spezialität dieser Aquariumkette. Sie zeigt uns in erster Linie nicht die bunten Exoten, sondern die heimischen Fischarten.

Da sich aber die meisten Besucher doch besser mit exotischen Fischen anlocken lassen, ist es auch keine Überraschung, dass inmitten der einheimischen Kulisse plötzlich der Atlantik aufzutauchen scheint: Nach einem kurzen Weg durch einen dunklen Tunnel steht man urplötzlich vor einem riesigen Bullauge. Dahinter tummeln sich Hundshaie und Rochen. Dann wird man weitergeleitet durch einen begehbaren Tunnel aus Acrylglas.

 

Aquadom im Überblick:

Gesamthöhe: 25m
Durchmesser: 11,08m
Dicke: 16-22cm Acrylglas
Aquariumhöhe: 14,04m
Inhalt: 900m³
Gesamtgewicht: 2000t
60 Fischarten und
ca. 2500 Fische

Es ist schon beeindruckend, mitten im blauen Wasser zu stehen und diese riesigen Fische über sich hinweg schwimmen zu sehen. Hier fühlt man sich wirklich wie im Ozean. Nur: Wie geht es den Fischen in einem solchen Aquarium? Markus Koch erklärt, dass nicht alle Fischarten für die Aquariumhaltung geeignet seien. Deshalb beschränke man sich hier auf solche Arten, bei denen die Aquarienhaltung problemlos möglich ist. Um so größer war der Schock für die Fischpfleger, als Anfang Februar ein Hundshai eingeschläfert werden musste.

Insgesamt dehnt sich das Sealife-Center auf 1.800 m² Aquariumfläche aus. Den Besuchern werden schon jetzt 3.000 verschiedene Süß- und Salzwasserfische gezeigt. Besonders stolz ist man bei Sealife darauf, dass man bei dem Konzept des Aquariums eng mit Greenpeace zusammenarbeitet. Deshalb, so Markus Koch, wehre man sich auch gegen den Wildfang von Fischen:  "Wir bedienen uns nur aus unseren eigenen Aufzuchtstationen in England!"

Das ist auch einer der Gründe, warum „Nemo“ – der Clownfisch – noch nicht einzuggehalten hat. „Zuerst müssen die Seeanemonen gewachsen sein, damit der Clownfisch als Anemonenfisch einziehen kann.“

Eigentlich hatte die Zentrale von Sealife diesen Standort gar nicht geplant. Es entstand aus der extravaganten Idee der Hotelkette, als Attraktion für die Gäste den Aquadom mitten in die Halle zu bauen. Worüber Architekt und Hoteliers wohl nicht nachgedacht hatten: Fische sind Lebewesen. Wer sollte da die Pflege übernehmen? Die Hotelpagen?

In ihrer Not wandten sie sich an "Sealife". Und dort witterte man die Chance, auch in der Hauptstadt eine Filiale zu eröffnen - die fünfte in Deutschland - und sagte zu.  

 



Aquadom-Konstruktion. Bild: DIFA/JS

Mit dem Abriss der damaligen Hotelanlage SAS im Jahr 2000, war also bereits der Wunsch für das freistehenden Aquariums vorhanden.

Die zylindrische Form war eine Idee des Bauherrn DIFA, aber erst durch das besondere Klebeverfahren der Spezialfirma konnte eine zusätzliche Konstruktion des Fahrstuhls erfolgen. Mit einer sechsjährigen Entwicklungsdauer entstand das größte, freistehende und tiefste Aquarium der Welt. Der Fahrstuhl im Aquarium ist weltweit einzigartig, aber er dient der künftigen Hotellobby lediglich als Besucherattraktion. Das Hotel als auch die Bürobereiche des Domaquarees werden im Mai diesen Jahres eröffnen.

Es war eine Herausforderung für Planer und Monteure, wie ich erfuhr. Denn der Einbau des Aquariums erfolgte erst, nach dem die Hotelanlage fertiggestellt war. Die Schwierigkeit bestand also darin, die äußeren Paneele über den Hotelbau zu heben. Mittels des größten Krans Europas wurden vier Segmente des Zylinders verladen.

Die spezielle Klebung des 22 cm dicken Acrylglases geschah unter Ausschluss der Öffentlichkeit, da die Firma Reynolds aus Colorado weltweit bisher die einzige ist, die sich auf die Spezialverklebung versteht. Es wurde also eine Plane rings um den Zylinder gehangen, hinter der die Firma die vier Segmente ohne sichtbare Kleberänder verschweißte. Man muss wirklich ganz genau hinsehen, um zu erahnen, wo sich die Schweißnähte befinden. Der Zylinder in dem heute der Fahrstuhl fährt, wurde komplett angeliefert und als letztes eingesetzt. Bereits das war eine Attraktion als die ununterbrochene Säule von 14 Meter Länge über die Dächer des Domaquarees schwebte.

 



Taucher im Aquadom. Foto: DIFA

Während das Sealife-Center schon in Betrieb ist, erinnert die große Halle mit dem Aquadom mehr an eine Baustelle, als an ein Hotel. Bisher wirkt dieses Aquarium noch sehr leer und trist. Die gewaltigen Stahlträger wurden zwar gekonnt durch Imitate von Steinsäulen kaschiert, doch an Wasserpflanzen mangelt es noch. "Aus verschiedenen Gründen", orakelt Rainer Kaiser, Berater des Architekten, "konnten wir nicht mehr Pflanzen in das Becken einsetzen. Wir hätten uns auch mehr Dekoration gewünscht".

Verständlich, sind doch er und sein Kollege Jürgen Lange Spezialisten vom Berliner Zoo, denen zuerst das Wohlergehen der Fische am Herzen liegt. Und damit haben sie viel zu tun: Derzeit befinden sich im Aquadom 60 verschiedene Arten und ingesamt ca. 2.500 Fische, gehalten "nach allen Kriterien einer modernen Schauaquaristik", so Lange.

Gegenwärtig wirken die Fische zwar ein bisschen einsam im leeren Aquarium. Aber Markus Koch verwies darauf, dass es noch Kleinfische sind, die noch wachsen werden. Sie wurden als Jungtiere eingesetzt, damit sie Zeit haben sich an ihre Umgebung zu gewöhnen. „Wenn dann im Sommer die Fischschwärme vorbeischwimmen werden, wird das Aquarium auch voller wirken.“

Während wir auf der unteren Plattform im Fahrstuhl stehen mischen sich bei mir Faszination und Angst. Es ist schon ein Erlebnis an den Fischen vorbei auf das Hotelgebäude zu schauen. Der Fahrstuhl ist doppelstöckig und eine Wendeltreppe verbindet die beiden Plattformen. Normalerweise haben hier 30 Personen Platz, aber ich bin froh, dass sich heute nur wenige Besucher hierher verirrt haben.

Ein kleiner Schwarm von Fischen schwimmt vorbei.  Der eine oder andere ist mir sogar bekannt und neben mir wahrscheinlich noch anderen Nemofans. Ein Kugelfisch, ein Papageienfisch nur Clownfische fehlen noch. Die Fische streiten sich offenbar um kleine Futterbrocken, die langsam von oben herabsinken.

Sie kommen von einem Taucher, der von oben in den Aquadom eingestiegen ist. Einmal täglich müssen die Tierpfleger ins Wasser, nicht nur zur Fütterung sondern auch zur Reinigung des Beckens. „Das ist in großen Aquarien nicht nur üblich, sondern auch nötig“ erklären die Betreuer. Denn nur so sei es möglich, dass wirklich alle Fische gemäß ihrem Futterplan ihr Futter erhalten.

In Zukunft soll es sogar für Hobbytaucher die Möglichkeit geben, in dem Aquarium zu tauchen.  "Dies ist keine große Belastung für die Tiere", versicherte mir Markus Koch, "zumal es sich höchstens um zwei Tauchgänge pro Woche handeln wird".

Ich bin am Ende meiner Reise angekommen. Einen Rückweg gibt es nur über zwei Brücken aus Milchglas hinüber zum Hotel, wohl auch um den Besucherfluss gezielt zum Hotel-Café zu leiten. Eigentlich kein Problem, nur Höhenangst sollte man nicht unbedingt haben.

Ach so, - und wie war das noch mal mit den Seesternen? Können sie nun riechen? Und weiß ein "Marketing-Coordinator" die Antwort? Er weiß sie: Seesterne sind Räuber und leben unter anderem von Muscheln. Um ihre Beute aufzuspüren, können die Stachelhäuter Muschelbänke auf eine Distanz von bis zu 12 Metern riechen. 

 

 

Jeannette Schuppan

 

studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin 

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im WS 03/04


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