Intelligente Quacksalberei?
Die Blutgruppendiät soll der Schlüssel zum Schutz vor vielen Krankheiten sein. Außerdem soll man schlank werden. Wirklich? Oder ist das einfach nur fauler Zauber?
von Petrik Wawrzyniak
Gesund leben, Spaß am Essen haben und das Idealgewicht halten. Wer möchte das nicht? Ein beliebtes Mittel dazu ist die Diät. Und unter den über 500 Diäten ist eine, die auf den ersten Blick einen besonders wissenschaftlich fundierten Eindruck. Benutzt sie doch medizinische Begriffe und Mediziner und Ernährungsberater beschäftigen sich damit. Es handelt sich dabei um die sogenannte Blutgruppendiät eines amerikanischen Heilpraktikers: Peter J. D'Adamo.
Die Blutgruppendiät basiert auf dem, seit den 40er Jahren bekannten, AB0-System. Es umfasst die Blutgruppen A, B, AB und 0. D'Adamo geht von einer Ur-Blutgruppe aus, aus der sich die anderen - durch die unterschiedlichen Umweltbedingungen in den verschiedenen Regionen der Welt - herausentwickelt haben. Diese Ur-Gruppe ist seiner Meinung nach die Gruppe 0 (für manche Wissenschaftler ist es die Gruppe A). 0 sei demnach das Blut der Jäger und Sammler, die auf Getreide und Milch verzichten sollten. Die Gruppe A stehe für die Bauern, für die Fleisch und Milch schädlich seien. Die Gruppe B sei der Himalaya-Mensch. Er solle Getreide meiden und nur in geringen Mengen Fisch konsumieren. Die Gruppe AB ist für D'Adamo eine genetische Mischgruppe aus Kaukasiern (überwiegend Gruppe A) und den mongolischen Nomaden (überwiegend B). Für sie gelte Obst in geringen Maßen und der Verzicht auf Getreide und Milch.
D'Adamo folgend verträgt demnach jede Blutgruppe Lebensmittel besser oder schlechter. Schuld daran seien spezielle Proteine, die sogenannten Lectine, die zu schadhaften Verklumpungen des Blutes führen sollen. Durch Einhaltung eines blutgruppenspezifischen Ernährungsplanes soll die Aufnahme von schädlichen Lectinen vermieden werden. Dadurch wird das Gewicht reduziert und es könnten sogar so genannte Zivilisationskrankheiten wie Diabetes Mellitus und Magengeschwüre geheilt werden. Den Krebs- und Aids-Patienten verspricht er sogar eine Verbesserung der Lebensqualität.
Das Problem hierbei ist jedoch, dass fast alle medizinischen Erklärungen und Schlußfolgerungen dieser Diät von seriösen Wissenschaftlern nicht bestätigt werden können. Sowohl die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) als auch Dr. Gerd Ludescher, leitender Arzt für den Bereich Ernährung eines Berliner Klinikums, können den Ausführungen über die Lectine nicht nachvollziehen. Laut Ludescher „gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine einzige seriöse wissenschaftliche Studie, die eventuelle positive oder negative Auswirkungen der Lectine genauer untersucht hat". Verklumpungen im Blut auf Grund der Lectine seien bisher nicht dokumentiert worden und sind für ihn wie auch die DGE eine wissenschaftlich nicht nachvollziehbare Behauptung.
Genauso verhält es sich mit der Heilwirkung bei so genannten Zivilisationskrankheiten. Auch hier fehlen genaue wissenschaftlichen Untersuchungen, die Ärzte medizinisch nachvollziehen könnten. Soviel zu der medizinischen Seite. Aber wie verhält es sich mit dem Abnehmen und Wohlfühlen. Ist es nun eine Diät oder nicht?
Hierfür schaut man sich den Mechanismus des Körpers und die Grundstruktur vieler Diäten an. Der Körper braucht an Nährstoffen Proteine, Fette und Kohlenhydrate. Darüber hinaus benötigt er noch Spurenelemente wie Calcium, Jod und Eisen, sowie Mineralstoffe wie Kalium und Natrium und Vitamine. Proteine sind in tierischen Produkten enthalten, Kohlenhydrate stammen hauptsächlich aus pflanzlichen Produkten. Durch einen biochemischen Prozess des Körpers können sie sich gegenseitig als Energieversorger ersetzen.
Wichtig ist hierbei, dass der Kohlenhydratanteil der Nahrung nicht unter zehn Prozent fallen darf, da es sonst zu Stoffwechselstörungen kommen kann. Ist für die Aufnahme von essentiellen Fettsäuren und auch fettlöslicher Vitamine gesorgt, kann auf die Zufuhr von Fett auch völlig verzichtet werden. Etwaige Mangelzufuhr kann durch Produkte aus der Industrie ausgeglichen werden (z. B. durch Tabletten).
Und genau dieser Mechanismus der Nährstoffzufuhr ist die Grundstruktur vieler Diäten. Es wird auf die Zufuhr von einem oder zwei Nährstoffen verzichtet. Dadurch ist der Körper gezwungen, sich an seinen so genannten Fettreserven zu bedienen. Diese legt sich der Körper aus evolutions-gentechnischen Gründen bei einer Überversorgung von Nährstoffen zu, um in schlechten Zeiten davon zu leben. Sofern eine Diät nicht nur darauf ausgerichtet ist, durch Entwässerung des Körpers kurzfristig Gewicht zu verlieren, spielt sie dem Körper quasi schlechte Zeiten vor.
Das Abnehmen an sich ist also kein geistiger Aspekt, sondern ein rein körperlicher. Für das Wohlfühlen hingegen spielt die Psyche eine entscheidende Rolle. Eine gesunde Ernährung und das Wissen, mit Bewegung, bzw. Sport auch etwas für den Körper getan zu haben, schütten u. a. im Kopf Endorphine aus (auch Glückshormone genannt), die dieses Gefühl mit auslösen. Die Blutgruppendiät an sich, benutzt hierbei nichts anderes.
Durch die Selektion der Nährstoffe und der auch damit zumeist verbundenen Reduzierung der Nährstoffaufnahme, kann es zu einem Gewichtsverlust kommen. Zwingend notwendig ist dies jedoch nicht. Vielmehr sollte diese „Diät“ als eine Art Entgiftung, bzw. als eine Nährstoffumstellung ansehen werden. Denn auch hier wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass man die Nahrungsmittel zu sich nehmen sollte, von denen man meint, dass man sie verträgt. Auch wenn diese auf der Negativliste stehen.

Petrik Wawrzyniak
studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin.
Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im WS 03/04 an der Freien Universität Berlin, Inst. f. Publizistik. |