06.06.2004

Karakorum: Die Stadt der Khane



Fotos: Deutsche Stiftung Welterbe

 

Einst flossen Milch und Honig in der mongolischen Steppe. Jetzt graben deutsche und mongolische Archäologen in der Zentralmongolei die ehemalige Hauptstadt der Welt aus

Von Werner Pluta

Enttäuschung überfiel den Reisenden. Vielleicht hatte er erwartet, in der  Hauptstadt eines Weltreiches goldene Dächer vorzufinden oder Brunnen, aus  denen Milch und Honig flossen. Statt dessen notierte "Die Stadt ist nicht einmal so stattlich wie der  Marktflecken St. Denis." Und dafür war der flämische Franziskaner im  Dienste von König Ludwig IX. und Papst Innozenz IV. zehn Monate lang quer  durch ganz Asien gereist.

Wilhelm irrte: Als er zu Ostern des Jahres 1254 Karakorum betrat, war die  Stadt das Zentrum eines Imperiums, das vom Pazifik bis zum Mittelmeer  reichte. Die Bedeutung der Stadt war immens - obwohl die Mongolen Nomaden  waren und der Khan nicht einmal das ganze Jahr über in seiner Hauptstadt  lebte. "Man kann ein Reich vom Rücken der Pferde erobern, indes nicht vom  Rücken der Pferde verwalten", hatte der chinesische Berater Yelü Chucai  seinem Herrn Dschinghis Khan gesagt. Also befahl dieser 1220 die Gründung  einer Hauptstadt, die sein Sohn und Nachfolger Ögedei 1235 vollendete. Noch  im Jahr 1346 kündet eine Inschrift von der Bedeutung der Stadtgründung:  "Indem sie eine Hauptstadt gründeten, schufen sie die Voraussetzungen für  einen Staat."

Doch die Nomaden verfügten selbst über keine Kenntnisse im Städtebau. Sie  waren auf Handwerker aus dem Ausland angewiesen. Manche von ihnen kamen  freiwillig, die meisten waren Kriegsgefangene. Und alle haben ihre Spuren  in der Stadt hinterlassen.

Denn Karakorum war ein weltoffene, eine internationale Stadt. Hier lebten  neben mongolischen Beamten Menschen aus aller Herren Länder: Chinesen,  Inder, Georgier, Sarazenen, Deutsche, Russen und Ungarn. Sie standen als  Beamte in mongolischen Staatsdiensten, unterhielten Gesandtschaften, waren  Handwerker. Die Stadt war geprägt von religiöser Toleranz: "Es gibt zwölf  heilige Tempel unterschiedlicher Nationen, zwei Moscheen, wo das Gesetz von  Mohammed ausgerufen wird, und eine christliche Kirche befindet sich ganz am  Ende der Stadt", notierte Rubruk erstaunt in seinem Reisebericht.

Seit vier Jahren suchen die Wissenschaftler vom Institut für Vor- und  Frühgeschichtliche Archäologie der Bonner Universität gemeinsam mit  Kollegen vom Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) und von der  Mongolischen Akademie der Wissenschaften in der mongolischen Steppe nach  den Resten der mongolischen Hauptstadt. Geforscht wird an mehreren Stellen:  Während die Forscher vom DAI den Palast der Khane freilegen, gräbt das Team  von der Bonner Uni im alten Stadtzentrum.

Dort waren "vortreffliche Künstler und Handwerker" ansässig, die, so  berichtet der persische Gelehrte al-'Umari "feine Textilien und  Luxusartikel" produzierten. Sie lebten in Häusern aus Ziegeln, die nach  chinesischer Bauart mit Fußbodenheizungen und beheizten Betten ausgestattet  waren - gegen den harten mongolischen Winter. Die Funde der Archäologen  zeugen von einem lebhaften städtischen Leben: Schmiede schwangen ihre  schweren Hämmer. Auf ihren Ambossen entstanden Pflugscharen, Wagenbeschläge  und Kultgegenstände. Goldschmiede fertigten in ihren Werkstätten kunstvolle  Schmuckstücke. In den Ruinen einer Glashütte überstanden Perlen und  Spielsteine aus Glas die Jahrhunderte.

Die blühende Metropole zog auch Kaufleute aus aller Welt an. Auf sicheren  Straßen zogen sie vom Mittelmeer in den Fernen Osten, beschützt von  Erlassen der Mongolenherrscher. Zahlreiche Überreste zeugen vom frühen  Welthandel: ausländische Münzen, Porzellan mit chinesischen Inschriften,  ein kleines chinesisches Gefäß mit Quecksilber für die Feuervergoldung.

Zu den schönsten Funden, die die Bonner Archäologen im Stadtzentrum von  Karakorum zutage förderten, gehören ein Amtssiegel aus dem Jahr 1371 mit  chinesischen und mongolischen Inschriften und ein Goldarmband mit  chinesischen und mittelasiatischen Mustern aus der zweiten Hälfte des 13.  Jahrhunderts. Das ist nicht nur des Goldes wegen ein wichtiger Fund, es ist  gleichsam ein gefrorener Moment der Geschichte: Das Armband sollte  offensichtlich eingeschmolzen werden. Die Steine sind herausgebrochen, es  ist zusammengedrückt.

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts führte  Kubilai Khan Papiergeld ein, das, wie Marco Polo berichtet, aus der Rinde  des Maulbeerbaumes gefertigt wurde. Gleichzeitig schränkte er privaten  Goldbesitz ein. Wer sein Gold nicht in Austauschbanken gegen Papiergeld  eintauschte, dem drohten drakonische Strafen. Die Preziosen wurden  eingeschmolzen und in Barren gegossen. Beim Fundort des Armbandes, so die  Schlussfolgerung der Bonner Archäologen, muss es sich um eine solche  Austauschbank handeln. Ein echter Glücksfund also.

Einen halben Kilometer südwestlich vom Zentrum lag der Palast. Hier  regierten die Herren der eurasischen Welt, in einem "Palast wie eine  Kirche, mit einem Mittelschiff und zwei Seiten hinter zwei Säulenreihen",  wie Rubruk ehrfürchtig feststellt. Und hier flossen tatsächlich Milch und  Honig - aus einem silbernen Brunnen. Er hatte die Form eines Baumes und war  ein Werk des Kunstschmieds Guillaume Boucher, eines französischen  Kriegsgefangenen. "Innerhalb des Baumes gehen vier Röhren bis zum Gipfel  empor. Eine dieser Röhren lässt Wein aus sich herausfließen, die andere  vergorene Stutenmilch, die dritte ein Honiggetränk, die letzte Reisbier."

Die quadratische, 35 Meter große Palasthalle, ein Holzskelettbau, ruhte auf  64 Säulen und erhob sich auf einem etwa drei Meter hohen Podest über der  Steppe. Die Wände bestanden waren nur zur Hälfte aus festem Mauerwerk, der  obere Teil war offen oder mit Stoff verhängt. Der Palastboden war mit grün  glasierten Kacheln ausgelegt. Diese wurden wahrscheinlich sogar vor Ort  hergestellt - die Ausgräber fanden im Palastbezirk mehrere Brennöfen.

Doch anders als die europäischen Herrscherhäuser war der Palast des  Zehntausendfachen Friedens in Karakorum kein Wohnort. Es war vielmehr ein  "funktionaler Bau", erklärt DAI-Grabungsleiter Hans-Georg Hüttel. Hier  hielten die Khane Hof, empfingen Gesandte, gaben Audienzen. Denn auch wenn  die Mongolenherrscher eine Hauptstadt erbaut hatten, sie blieben Nomaden,  die das Zelt dem gemauerten Haus vorzogen - nicht nur, wenn sie mit ihrem  Hof durchs Land zogen, sondern auch, wenn sie in der Hauptstadt weilten.

Feste Häuser gab es wohl nur im Stadtzentrum. Denn auch die Untergebenen  zogen vielfach die Filzbehausungen den gemauerten vier Wänden vor.  Luftbilder legen nahe, das die Bewohner der Außenbezirken im Nordwesten in  Gers lebten. Eine Tradition, die weiterlebt: Auch in der heutigen  Hauptstadt Ulaan Baatar leben noch viele Bewohner in Gers.

Bouchers Brunnens haben die Archäologen in der Palasthalle bisher nicht  gefunden. Dafür stießen sie auf Reste eines buddhistischen Heiligtums. Die  Postamente, Stupas und Reste von Statuen fanden die Forscher unter den  verkohlten Dachbalken - ein Hinweis darauf, dass dieser Teil des Palastes  noch stand, als das buddhistische Heiligtum eingebaut wurde. Der Palast  wurde offensichtlich umfunktioniert. Eine Erkenntnis, die ein neues Licht  auf die Religionsgeschichte der Mongolei wirft: Bisher waren die  Wissenschaftler davon ausgegengen, dass der Buddhismus in Zentralasien erst  im 16. Jahrhundert Fuß fasste. Die neuen Funde legen jedoch nahe, dass das  schon im 13. und 14. Jahrhundert geschah.

Die Pracht in der mongolischen Steppe indes währte nicht lange. Schon 1259  verlegte Dschinghis Khans Enkel Kubilai seine Residenz nach China, wo er  die Kaiserdynastie der Yuan gründete. 1368 vertrieben die Chinesen die  Mongolen aus dem Reich der Mitte, zwölf Jahre später eroberten sie  Karakorum. Dennoch behielt die Stadt ihre Bedeutung als nationales Symbol.  1415 beschloss eine mongolische Reichsversammlung sogar den Wiederaufbau.  Im späten 16. Jahrhundert schließlich verfiel die Stadt und wurde zum  Steinbruch für das benachbarte buddhistische Kloster Erdene Zuu.

Was folgte waren Jahrhunderte der Fremdherrschaft durch die Chinesen und  fast 70 Jahre Sozialismus sowjetischer Prägung. Vor allem den Herren im  Kreml und ihren Statthaltern in Ulaan Baatar war Dschinghis Khan als  Eroberer Russlands verhasst. Doch nun besinnen sich die Mongolen wieder auf  ihre große Vergangenheit und deren Protagonisten. Das Konterfei des  "ozeangleichen Herrschers", so die Bedeutung des Titels "Dschinghis Khan",  ziert heute T-Shirts, Geldscheine und Wodkaetiketten. Seinen Namen tragen  Hotels, Andenkengeschäfte und die beiden bekanntesten mongolischen  Biersorten: Chinggis Beer und Khan Bräu - beide gebraut nach deutschem  Reinheitsgebot. Und nun fordert eine Initiative sogar, dass Karakorum  wieder Hauptstadt der Mongolei werden soll.

 

 

 

Werner Pluta

Mit einem einem ausgeprägten Faible für Ostasien und vor allem für China lebt und arbeitet Werner Pluta in Hamburg, zur Zeit als freier Wissenschaftsjournalist, u.a. für Spiegel Online, Bild der Wissenschaft, Focus, Die Zeit, c't

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