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 Die Kunst des Fälschens
Was antik aussieht muss noch lange nicht antik sein. Ein Berliner Labor hat sich darauf spezialisiert, Kunstwerke wissenschaftlich zu durchleuchten. Inzwischen sind sie der Schrecken der Kunstfälscher.
Von Kristy Augustin
Die Geister streiten sich, wenn es darum geht, was eigentlich Kunst ist. Doch egal, ob der eine ein Kunstobjekt für Schund hält und der nächste es für ein Meisterwerk, viel wichtiger ist die Frage, ob es denn “echt” ist.
Der Wunsch von Sammlern, sich die Wohnung mit großen Namen zu dekorieren, lässt den Kunstmarkt boomen. Ein erheblicher Anteil der zum Verkauf angebotenen Kunstwerke ist nicht echt. Scheinbar blind, lassen sich viele Sammler übers Ohr hauen.
Doch die Zeiten, in denen der Fälscher nur das Auge täuschen musste sind vorbei. Neben zahlreichen Kennern und Experten sind es vor allem die naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden, die den Nachahmern und Kopisten das Leben schwer machen. In jüngster Zeit ist die Forschung so weit fortgeschritten, dass bereits geringe Probenmengen genügen, um Kunstobjekte auf ihre Echtheit zu prüfen.
Professor Dr. Riederer ist seit 30 Jahren Direktor des Rathgen Forschungslabors in Berlin und hat im Laufe seiner Amtszeit einige Fälschungen enttarnt. Von rund 30.000 Stücken waren ca. 1000 nicht das, was sie zu sein schienen. Seine Erfahrung hat ihn gelehrt, dass Fälscher nur in den seltensten Fällen materialgetreu arbeiten. Viele vermeintliche Kunstkenner sind dabei leichte Beute. “Die meisten Fälschungen werden von Menschen gekauft, die ihr Geld anlegen wollen aber kein wirkliches Interesse am Objekt haben”, erklärt Dr. Riederer. Das Rathgen Labor kann allerdings nicht so leicht getäuscht werden. Gewappnet mit vier grundsätzlichen Untersuchungsmethoden hat es der Kunstfälschung den Kampf angesagt.
Die erste treffsichere Waffe im Repertoire ist die Materialanalyse. Schon allein mit Hilfe von Durchstrahlungstechniken kann die Fälschung ans Licht gebracht werden. Mit UV-Licht beschienene Materialien fluoreszieren in bestimmten Farben und geben Aufschluss über die Zusammensetzung eines Materials. Eine antike Marmor-Skulptur leuchtet im UV-Licht eher gelb-grün, eine frisch gehauene dagegen violett.
Den zweiten Schwerpunkt des Labors, machen die Untersuchungen von technologischen Merkmalen aus. Hier wird überprüft, ob das Objekt mit früher üblichen oder modernen Arbeitsverfahren hergestellt wurde. Bei einer vermeintlich gotischen Madonna aus Holz zeigte der Blick ins Innere mit Röntgenaufnahmen industriell gefertigte Nägel aus dem 19. Jahrhundert. Egal ob Nachahmung, bewusste Fälschung oder Kopie, die gotisch Madonna war nicht echt.
Die dritte Gruppe von Untersuchungsmethoden widmet sich der Analyse von Alterungsprozessen. Bei Gemälden ist das Bindemittel der wichtigste Zeuge in der Befragung nach Fälschung. Die Trickkiste der Fälscher beim imitieren von Alterungsprozessen ist groß. Durch hohe Temperierung , Rollen der Leinwand oder Aufzeichnen kann das Auge nicht aber das Mikroskop getäuscht werden. Auch eine falsche Patina (Grünspan) wird schnell im Labor enttarnt. Unterm Rasterelektronenmikroskop zeigen sich bei der Patina einer Bronze die Merkmale eines lang dauernden Wachstums: Ausgeprägte Kristallformen von Kupferoxid oder grünen Korrosionsprodukten. Die von Fälschern meist durch Säure erzeugte künstliche Patina zeigt unterm Mikroskop ihr wahres Gesicht: Keine große Kristallbildung und von der Säure zerfressenes Metall. Ertappt!
Die Thermoluminiszenz-Analyse wird im Labor vor allem bei Keramiken angewandt Mit der Analyse kann festgestellt werden, wann eine Keramik gebrannt wurde. Durch das Brennen wird die im Ton gespeicherte Radioaktivität auf Null reduziert. Im Laufe der Zeit, nimmt das Objekt wieder Radioaktivität auf. Im Labor wird der Ton auf 500 Grad erhitzt . Die seit dem Brennen gespeicherte Radioaktivität tritt als Lichtenegie wieder aus. Anhand der Temperatur, der Intensität und dem Spektrum, kann das Alter der Keramik zurückgerechnet werden. Das tatsächliche Alter der Keramik ist so tatsächlich nachgewiesen. |
Zu guter Letzt gibt es noch die Möglichkeit der absoluten Altersbestimmung. Vor allem durch die Thermolumineszenz Analyse wird anhand des radioaktiven Zerfalls das Alter eines Objekts ausgewertet.
Die Trickkiste der Forscher besiegt somit die Tricks der Fälscher, doch eine Grundlage haben alle diese Methoden gemein: Sie basieren auf dem Alter des Kunstwerks. Wie aber steht es mit der Fälschung moderner Kunst?
An diesem Punkt stößt die Laboruntersuchung an ihre Grenzen. Die Forschungsmethoden des Rathgen Labors greifen hier nicht. Ein Chagall Liebhaber dürfte nicht gerade in Tränen ausbrechen, wenn ihm das Labor bestätigt, das es sich bei seinem Gemälde um ein Werk des 20. Jahrhunderts handelt.
Micaela Kapitzky und Dr. Markus Krause sind Mitarbeiter des Auktionshauses Villa Grisebach in Berlin, das Kunst aus dem 19. und 20. Jahrhundert versteigert. Ihre meistgenutzte analytische Methode ist ein kritischer Blick. “Die Bilder werden ausgerahmt, Vorder- und Rückseite geprüft, sie werden unters UV-Licht gehalten, ein Restaurator wird befragt und in Grenzfällen werden zusätzlich Kenner und Experten befragt. Die Bilder müssen erst einmal beweisen, dass sie echt sind”, sagt Micaela Kapitzky. Die Experten des Auktionshauses verlassen sich auf die Schärfe ihrer Augen. Erfahrung, Wissen und Sensibilität für das Kunstwerk sind hier wichtiger als naturwissenschaftliche Methoden.
Erfahrung spielt aber auch im Rathgen Labor eine große Rolle. “Eine Menge hängt auch von der Erfahrung ab. Hier im Rathgen Labor wurden in den letzten dreißig Jahren ca. 30.000 Metalluntersuchungen durchgeführt, die eine Menge Erfahrung zu den unterschiedlichen Legierungen mit sich brachte”, erklärt Dr. Riederer.
Legierungen sind Zusammensetzungen mehrerer Komponenten, von denen mindestens eines ein Metall ist. Weißgold z.B. ist eine Legierung aus Gold, Palladium und/oder Nickel, Kupfer und Silber. |
Den meisten Fälschern ist das Phänomen der Münzentwertung seit der Antike unbekannt. Was den reinen Goldanteil angeht sind die Fälschungen oft wertvoller als ihre Originale. “Die Fälschung unterscheidet sich vom Original dadurch, dass sie echter aussieht.” Der Satz scheint Leitprinzip der Kulturgeschichte des Fälschens zu sein und stammt ursprünglich vom deutschen Philosophen Ernst Bloch.
Doch egal welche Methode der Schlüssel zur enttarnten Fälschung ist, ob Materialanalyse, Altersbestimmung oder Erfahrung, der Sammler freut sich wohl in den seltensten Fällen über einen negativen Untersuchungsbericht des Labors. Die meisten Leute, die Fälschungen kaufen sind eher daran interessiert ihr Geld anzulegen als an dem Objekt. Im Moment sind es vor allem die völkerkundlichen Objekte. Die Sammler wollen ihre Wohnung damit dekorieren, der nötige Sachverstand fehlt allerdings.
Für einen solchen Sammler flog Dr. Riederer bis in die USA, um einige tausend Stücke afrikanischer Volkskunst näher zu betrachten, die der Sammler für runde 30 Mio. Dollar (inklusive Bestechungsgeld zur Ausfuhr) erworben hatte. Mit wenigen Blicken erkannte Dr. Riederer, dass die Stücke unmöglich echt sein konnten. Die recht sonderbaren Skulpturen wiesen mitunter nicht nur Merkmale afrikanischer sondern auch ägyptischer Kunst auf. Doch der Sammler fühlte sich durch die ägyptischen Anklänge seines Schatzes nur in seiner These bestätigt, dass Afrikanische Kunst Einflüsse der Ägyptischen Kunst übernommen hatte. Das Ergebnis von Dr. Riederer würdigte er nur mit Beschimpfungen. Glauben ist eben alles, da muss auch die Wissenschaft kapitulieren. Egal ob Original oder Fälschung, der Stolz auf seine teuer erworbenen Stücke ist echt.


Kristy Augustin
studiert Publizistik, Filmwissenschaften und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin.
Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im SS 04 an der Freien Universität Berlin, Inst. f. Publizistik.
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Internet: Literatur:  | J. Riederer, "Echt und Falsch.", Berlin/Heidelberg, 1994
|  | J. Riederer, "Kunst und Chemie", Berlin, 1977
|  | J. Riederer, "Kunstfälschungen", Themenheft des Rathgen-Forschungslabors SMPK, Nr.3, Berlin 2001 |

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