Rot auf Grau


 

Mit seinem  Film "Zatoichi" zaubert Takeshi Kitano eine ganz spezielle Farbe in die Welt der Samuraifilme. Ausgezeichnet mit dem "Silbernen Löwen" von Venedig kommt er am 24. Juni endlich auch in die deutschen Kinos.

Von Marguerite Seidel

 

Auf einem Hügel sitzt ein alter, weißblonder Mann und ruht sich aus. Er sieht nicht die Gruppe von Männern, die sich leise an ihn heranschleicht, denn er ist blind. So kann er auch nicht den kleinen Jungen entdecken, der, angestiftet von den Erwachsenen, ihm behutsam den rot lackierten Blindenstock entwendet. Aber er hört das Lachen der Männer, als der Junge stolz seine Beute präsentiert.

Bei der Rückgabe des Stockes, entpuppt sich dieser plötzlich als verkapptes Schwert. Blitzschnell greift der alte Mann damit seine völlig überraschten Spötter an, die nun ebenfalls ihre Schwerter zücken. Doch bald hat der alte, blinde Mann mit präzis gesetzten Hieben alle getötet. Der Schein trügt, der Schwache offenbart seine Stärke und die Starken werden als Tölpel entlarvt. Denn eigentlich ist der gebrechlich wirkende Mann, der als Masseur und Spieler über die Dörfer im Japan des 19. Jahrhunderts wandert, der blinde Samurai Zatoichi.

Regisseur und Hauptdarsteller Takeshi Kitano ist in Japan vor allem als Komiker und Schauspieler bekannt. Dem Rest der Welt ist er eher als Regisseur und Hauptdarsteller von ironisch-brutalen Gangster- und Yakuzafilmen wie „Violent Cop“ (1989), „Hana-Bi“ (1997) oder „Brother“ (2000) ein Begriff.
Mit seinem neuen Film „Zatoichi“ wendet er sich erstmals dem Genre des historischen Samuraifilms zu und benutzt dafür eine in Japan populäre Filmfigur. Seit 1962 der erste Film über den blinden Schwertkämpfer gedreht wurde, folgten über zwanzig Fortsetzungen und eine Fernsehserie. Nach zehn Jahren Pause begleitet Kitano Zatoichi auf eine weitere Station seiner Reise durch das Japan des 19. Jahrhunderts.

Diesmal führt ihn der Weg in ein Dorf, das von einer Bande beherrscht und terrorisiert wird. Zatoichi findet bei der Bäuerin O-Ume (Michiyo Ookusu) Unterkunft und geht zum Zeitvertreib mit ihrem Neffen Shinkichi (Gatarukanaru Taka) in das örtliche Spiellokal. Als man dort probiert, den stets glücklichen Spieler auszutricksen, gibt er seine Identität preis und richtet die Betrüger mit seinem getarnten Schwert hin.

Der Film entfaltet sich zu einer klassischen Samurai-Geschichte, in der ein einsamer Kämpfer sich auf die Seite der unterdrückten Dorfbewohner schlägt. Seine stetigen Begleiter sind, neben seinen Gastgebern, vor allem die Geschwister O-Sei (Daigoro Tachibana) und O-Kinu (Yuko Daike), allerdings aus persönlichen Gründen: Seit der Ermordung ihrer Eltern vor zehn Jahren ziehen Bruder und Schwester als Geishas verkleidet durch das Land, um die Mörder aufzuspüren und den Tod ihrer Eltern zu rächen.

Takeshi Kitano hat Zatoichi eine auffallende Erscheinung verliehen. War der blinde Samurai in den bisherigen Filmen dunkelhaarig, so trägt er nun platinblondes Haar und hebt sich allein dadurch von den schwarzhaarigen Dorfbewohnern ab. Der ehemals braune Blindenstock ist in Kitanos Filmversion rot geworden und sticht aus dem durchwegs gräulichen Umfeld hervor. Schlicht gekleidet, auf den Stock gestützt und o-beinig schlurft Zatoichi durch eine wenig eindrucksvolle, in erdigen Tönen gehaltene Landschaft, die von gleich aussehenden Bauern im Takt der Filmmusik bearbeitet wird.

Nur das spritzende Blut, das im Kampf reichlich fließt, befleckt die sonstige Ödnis mit signalroter Farbe. Der bisher von Computeranimation unberührte Takeshi Kitano setzt dabei bewusst rote Pixeltupfen anstatt der sonstigen Ketchupspritzer auf die Bilder der blutigen Kämpfe und verfremdet die Szenerie mit, wie er sagt, diesem kleinen Cartoon-Touch. Beim Kampf im Regen, einer Hommage an Akira Kurosawas vielbewunderten Film „Die Sieben Samurai“ (1954), ist jedoch sogar die Farbe vergänglich. Das Blut mischt sich mit den Regentropfen und verdünnt sich, bis es schließlich weggewaschen ist.

Auch sonst verzichtet er auf pompöses Beiwerk und schafft mit den Bewegungen des Zatoichi einen fast asketischen Kampfstil. Es gibt keine weit ausholenden und spektakulären Schwertkämpfe wie in „Tiger and Dragon“ (2000) oder unlängst in „Kill Bill Volume 1“ (2003), auch keine schwerelos durch die Lüfte schwebenden Kämpfer. Der blinde Samurai verlässt sich auf sein scharfes Gehör und konzentriert sich auf jenen einen präzisen Schlag, der einen „Nachschlag“ nicht mehr nötig macht.

Zatoichi – Der blinde Samurai (Japan, 2003)

Regie: Takeshi Kitano
Buch: Takeshi Kitano nach einer Vorlage von Kan Shimosawa

Darsteller: Takeshi Kitano, Gatarukanaru Taka, Michiyo Ookusu¸ Daigoro Tachibana, Yuko Daike, Tadanobu Asano, Ittoku Kishibe, The Stripes, u. a.

Kamera: Katsumi Yanagishima

Musik: Keiichi Suzuki

Filmstart Deutschland: 24. Juni 2004

„Zatoichi“ ist mehr als eine Fortsetzung der Geschichte des blinden Masseurs und sogar mehr als nur ein weiterer Samuraifilm. Takeshi Kitano, stets um die Nuance bemüht, versucht die üblichen Komponenten neu zu mischen und verpasst sowohl der Figur des Zatoichi als auch dem Genre einen neuen, erfrischenden Anstrich. Der Kampf der Guten gegen die Bösen ist weniger manichäistisch, die Geschichte weitaus zeitloser und die Umsetzung humorvoller, als man zunächst meinen könnte.

Zatoichi ist nicht uneingeschränkt „der Gute“. Immerhin könnte er den Betrug mit den gefälschten Würfeln im Spiellokal lächelnd hinnehmen. Doch er verteidigt hier mehr seine Eitelkeit, als seine Würde und richtet stattdessen ein Massaker an. Sein stärkster Widersacher, der Leibwächter des Bandenoberhauptes, erledigt zwar für seinen Chef Auftragsmorde, doch auch er ist nicht einfach nur „der Böse“. Hattori (Tadanobu Asano) hat eine kranke Frau, die er dank des so verdienten Geldes zu heilen hofft.

Tiefe und Menschlichkeit bekommt die Geschichte auch durch das Schicksal des O-Sei, der nach der Ermordung seiner Eltern sexuell missbraucht wurde. Seine Schwester O-Kinu und er beschließen, fortan für sich selbst zu sorgen. Sie verkleiden sich als Geishas und prostituieren sich, um Männer anzulocken und sie auszurauben, bis sie den Mörder ihrer Eltern finden können. Als O-Sei seine Kostümierung schließlich ablegen kann, entscheidet er sich dagegen, da er sich inzwischen in seiner Rolle als Frau gefällt.

Kitano setzt außerdem einige humoristische Glanzpunkte auf den vorrangig ernsten und ernst genommenen Plot. Wenn ein Kämpfer eifrig das Schwert zückt und beim Ausholen seinen eigenen Kameraden hinter sich trifft, dann erinnert das doch stark an Slapstick. Auch der Nachbar, der halbnackt und laut schreiend um das Haus rennt, weil er für eine Zukunft als Samurai trainiert, grenzt an eine Karikatur des Genres.

Die bis zum Schluss verfolgte Dramaturgie der gedämpften Farben, kontrastiert durch das rote Blut, und das wiederkehrende Motiv des Arbeiters, dessen Bewegungen und Werkzeuge im Rhythmus der Filmmusik und der Montage verschmelzen, zersplittern am Ende in eine Vielzahl von gelb gekleideten Tänzern, die zu einem Hip Hop - Motiv steppen.
 
Takeshi Kitano hat einen Samuraifilm gemacht, dessen gefühlvolle und innovative Komposition und Interpretation in Venedig unter anderem mit dem Silbernen Löwen gewürdigt wurden. Seine Palette ist farbenfroh, die Untertöne ambivalent, oder wie Zatoichi sagen würde: „Selbst mit weitgeöffneten Augen sehen wir nicht alles“.

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