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29.08.2004

Wenn Sport zur Sucht wird



Foto: photocase.com

 

Nicht nur Drogen müssen süchtig machen. Gerade Sport, der eigentlich der Gesundheit dienen soll, wird häufiger zur Droge vieler Menschen.

Anna-Maria Gerhart sprach darüber mit Prof. Dr. Jürgen Beckmann Sportpsychologe an der Universität Potsdam.

 

Herr Prof. Beckmann, das Thema Sportsucht wird immer häufiger ins Gespräch gebracht. Welche Risiken birgt die zwanghafte körperliche Betätigung?

Heute ist Sportsucht mittlerweile sogar klassifiziert im Bereich der Süchte, d.h. im Bereich der psychischen Erkrankungen. Sie zeigt die gleichen Wirkungen, wie andere Formen von Sucht. Wir haben also auf der einen Seite eine soziale Gefährdung zum Beispiel durch soziale Isolierung. Ein Marathonläufer beispiels-weise, der unter Sportsucht leidet und täglich seine Trainings-einheiten absolvieren muss, verliert seines Freundeskreis, isoliert sich und vereinsamt. Des weiteren nimmt er auch körperlichen Schaden, weil der Körper für solch ein Training nicht ausgestattet ist und ihm auch keine Pausen gegönnt werden.

Ab welchem Maß wirkt Sport nicht mehr gesundheitsfördernd?

Das Maß ist schwierig, festzulegen. Zunächst klassifiziert sich die Sucht darin, dass sich alles nur noch um die körperliche Betätigung kreist und dass jede Gelegenheit wahrgenommen wird, um den Sport zu betreiben. Das ganze Streben bekommt also Suchtcharakter, übernimmt völlig die Kontrolle der eigenen Verhaltenssteuerung. Weil alle anderen Interessen zur Seite geschoben werden, steht das Streben nach körperlicher Ertüch-tigung dominant im Zentrum der Orientierung. Das bedeutet natürlich, dass jeden Tag einige Stunden lang trainiert wird.

Nehmen wir mal an, ich stelle fest, dass ich ohne Sport nicht mehr leben kann: Gibt es spezielle Einrichtungen, an die man sich wenden kann?

Spezielle Einrichtungen gibt es nicht. Man sollte sich direkt an  einen Psychotherapeuten wenden. Am besten an  einen Verhaltenstherapeuten. Sicher könnte man sich auch an einen Analytiker wenden, bei einer Analyse dauert es aber relativ lange, bis man Erfolge sieht. Aus meiner Sicht bringt es auch nichts, wenn ein Analytiker extremes Sporttreiben auf verdrängte Todessehnsüchte zurückführt.

Welche Bewegungsgründe sind Ihrer Meinung ausschlaggebend, um sportsüchtig zu werden?

Es gibt eine Reihe von Aspekten, die mit in die Betrachtung kommen. Es kann sein, dass jemand Selbstbestätigung braucht und dass jemand durch sportliche Aktivität versucht, diese zu erhalten. Hier also stellt der Sport eine Kompensation von Defiziten dar.

Auf der anderen Seite erfolgen beim Sporttreiben Verstärkungserlebnisse. Mehrere Forschungen haben gezeigt, dass die Sporttreibenden beim Sport Spaß und Freude erleben. Wie auch beim Rauchen passieren im Gehirn zwei Dinge. Erstens kommt es zu einer Dopamin - Ausschüttung. Das sind Bekräftigungshormone, die dazu führen, dass man Freude und Spaß erlebt. Dies ist auch die Art und Weise, wie wir lernen. Denn nun wird das Verhalten, welches Spaß und Freude erzeugte, erhöht, um dieses Gefühl öfters zu erhalten.

Des weiteren kommt es bei Ausdauersport als auch beim Fitnesstraining ab einer bestimmten Schwelle, diese liegt bei ungefähr 4 Millimol Laktat, zu einer Ausschüttung von Endorphinen. Das sind die körpereigenen Opiate, die natürlich auch süchtig machen können.

Ist das dieses euphorische Gefühl, wenn man beim Laufen über seine eigenen Grenzen hinausgewachsen ist?

Genau! Der Marathonläufer erlebt den Runner’s High, welches das Suchtverhalten fördern kann. Dies ist in allen Sportarten erlebbar. Ein weiterer Grund kann auch der affektive Kontrast sein, nämlich das gute Gefühl der Erleichterung und des Stolzes nach der sportlichen Quälerei. Es ist der herbeigeführte Affektwechsel, der zu intensiveren Emotionserlebnissen führt, der das Suchtverhalten fördern kann.

All dies sind Komponenten, die natürlich heute erstrebenswert sind. Mit der Zeit kreist dann alles nur noch darum, dieses Gefühl wieder herzustellen. Das Fatale hierbei ist die Tatsache, dass je besser ich trainiert bin, desto weiter schiebe ich die Laktatschwelle heraus. Und so muss man mehr Sport treiben, um diese Effekte wieder zu erzielen.

Wenn nun die Sportsüchtigen sich für eine Therapie entschlossen haben, sei es aufgrund von physischen Problemen, die eine Reflektion ihres Handelns erzwingt, erleiden Sportsüchtige bei Sportabstinenz dann auch Entzugserscheinungen?

Natürlich. Es führt zu einer erhöhten Unruhe, zu Nervosität und körperlichem Unwohlsein.

Ist es denn nicht schwierig, von einem hohen sportlichen Niveau und hoher Muskelmasse den Sport schnell zu reduzieren?

Sportsüchtige haben nicht unbedingt mehr Muskelmasse. Das ist ja das Verrückte. Das Herz-Kreislauf-System ist natürlich gestärkt, aber Muskeln werden kaum aufgebaut, weil sie nicht nach den Richtlinien der Trainingslehre trainieren. Der Muskel wächst nur in der Phase der Entspannung. Und die fehlt bei Sportsüchtigen. Also kommt man in einen Übertrainings-zustand hinein, der dazu führt, dass ich eher wieder eine Atrophie, d.h. Muskelschwund bekomme.

Wenn der Therapeut alleine nicht helfen kann, wird dann ein Klinikaufenthalt angeordnet?

Je nach Grad der Sucht. Ein Klinikaufenthalt ist bei sehr stark Süchtigen empfehlenswert, da sie auf Entzug gesetzt werden, der natürlich Entzugserscheinungen mit sich bringt. Außerdem besteht die Gefahr, depressiv zu werden, da ohne sportliche Betätigung das Gefühl des Sich Gutfühlens nicht gegeben ist.

Wird das Thema auch in Ihrem Institut erforscht und in der Lehre behandelt?

Es gab einige Diplomarbeiten zu diesem Thema, aber es gibt noch nicht viele Forschungsarbeiten dazu. In Kalifornien wird es seit 10 Jahren intensiver untersucht, bei uns mehr sporadisch, was mit den eingeschränkten Kapazitäten und Mitteln zusammenhängen.

 

 

Anna-Maria Gerhart

 

studiert Anglistik/Amerikanistik, Publizistik und Politik an der Freien Universität Berlin sowie an der Humboldt Universität

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im SS 04 an der Freien Universität Berlin, Inst. f. Publizistik.

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