 Familie ein Auslaufmodell?
Die Bamberger Familienforscherin Dr. Marina Rupp findet, dass sich die Familienvorstellungen heutiger junger Menschen gar nicht so sehr von denen damaliger unterscheiden. Aber es ist schwieriger geworden, den Familientraum wahr werden zu lassen.
In Deutschland wagen zunehmend weniger junge Menschen den Schritt in die Ehe. Familien beruhen jedoch neben Verwandtschaft vor allem auf Heirat. Müssen wir uns von traditionellen Familienvorstellungen verabschieden?
„Das Modell Familie im klassischen Sinn ist nicht im Auslaufen begriffen. Sicherlich hat die Ehe in verschiedenen Staaten an Bedeutung verloren. So auch in der Bundesrepublik – in den alten Bundesländern und vor allem in den südlichen Ländern, ist für die meisten jungen Leute nach wie vor die Idealvorstellung, als Paar zu leben und Kinder zu bekommen. Typischerweise heiraten daher junge Menschen, die Kinder haben wollen oder bekommen."
Warum entscheidet sich ungefähr ein Viertel der jetzigen jungen Generation dennoch gegen Ehe und/ oder Kind?
„Oftmals handelt es sich dabei nicht um ursprünglich geplante Kinderlosigkeit, sondern um eine im Laufe der Biographie sich entwickelnde. Wenn wir davon sprechen, dass das Familienmodell im Auslaufen begriffen ist, müssen wir unterscheiden zwischen der Einstellung, der Wertschätzung und den Plänen von jungen Leuten und dem, was sie in ihrem Leben tatsächlich zu realisieren im Stande sind. Der ursprünglich vage und hypothetische Wunsch nach Kindern wird relativ häufig nicht realisiert, weil er inkompatibel ist mit bestimmten anderen Lebensplanungen, vor allem dem beruflichen Engagement – insbesondere von jungen Frauen. Das heißt, dass die zunehmende Kinderlosigkeit häufig einer Entwicklung geschuldet ist, die eine mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie kennzeichnet."
Was unterscheidet die heutige junge Frau und Mutter von der früherer Generationen?
„Die Frauen heute haben wesentlich mehr Selbstbewusstsein, sie sind wirtschaftlich eigenständig und unabhängig, weshalb auch die Ehe als Versorgungsinstitution deutlich an Bedeutung verloren hat. Dementsprechend übernehmen junge Mütter heutzutage zwar in der ersten Zeit nach der Geburt und solange die Kinder im Kleinstkindalter sind weiterhin die Hausfrauenrolle, kehren aber wesentlich früher als ihre eigenen Mütter in das Erwerbsleben zurück und sind zumindest halbtags berufstätig."
Kümmert sich demnach in naher Zukunft, auch vor dem Hintergrund fehlender Betreuungsmöglichkeiten, ein Heer von Hausmännern um den Nachwuchs?
„Sicherlich sind speziell die Arbeitsteilung und Kinderbetreuung einem starken Wandel unterworfen. Doch obgleich heute ein Mehr an väterlicher Beteiligung zu verzeichnen ist, muss jedoch noch immer eine Überbelastung der Frauen mit den klassischen weiblichen Tätigkeiten bei der Kindererziehung und im Haushalt festgestellt werden."
Trotzdem managen heute immer mehr Kind und Beruf sogar allein.
„Der überwiegende Teil erzieht allerdings nicht freiwillig allein. Alleinerziehen ist meist, nämlich zu zwei Dritteln, dem Scheitern einer Ehe mit Kindern geschuldet und daher für viele nicht die ideale Form der Elternschaft und als solche angestrebt gewesen. Häufig stellt es aber im Vergleich zu einer unbefriedigenden, unhaltbaren Partnerschaft die bestmögliche Alternative des Familienlebens dar. Auch hier unterscheiden sich die alten Bundesländer sehr stark, weil in den neuen Bundesländern Mutter- oder Vaterschaft durchaus gedacht werden kann, ohne einen Partner, was in den alten Bundesländern wesentlich seltener der Fall ist."
Patchworkfamilien, die für die USA zunehmend als typisch charakterisiert werden, sind also in Deutschland keine wahrgenommene Alternative?
„Stieffamilien entstehen, wenn sich zwei Partner treffen, von denen einer nach einer Phase des Alleinerziehens wieder eine Beziehung eingeht. Kommen weitere gemeinsame Kinder oder Kinder des anderen Partners hinzu, spricht man von einer Patchworkfamilie. Diese stellen in der Bundesrepublik tatsächlich nur einen relativ kleinen Anteil der Familien."
Trotz Steuerersparnismöglichkeiten durch das Ehegattensplitting und zukünftig erhöhter Pflegeversicherungsbeiträge für Kinderlose werden Singlehaushalte immer häufiger. Ist es für Topf und Deckel schwieriger geworden zusammenzufinden?
„Hier gilt es, bei den vielen kinderlosen Singlehaushalten auch an die hohe Zahl solcher zu denken, die aus der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung und der Tatsache resultieren, dass ältere Frauen ihre Männer in der Regel um eine erkleckliche Zeit überleben und daher alleine leben. Zunehmende Singlehaushalte bilden sich auch in der jüngeren Bevölkerung. Auch diese sind typischerweise phasenspezifisch: zum Beispiel während der Ausbildungszeit. Sie sind in der Regel nicht als Dauereinrichtungen konzipiert, auch wenn sie sich bei manchen – meist aber unfreiwillig – zu einer Dauerinstitution entwickeln, wenn eben kein entsprechender Partner gefunden wird. Die meisten jungen Menschen wünschen sich aber eine Partnerschaft von Dauer und Tragfähigkeit. Allerdings lässt sich nicht immer ein den hohen Erwartungen entsprechendes Pendant für eine lebenslange Partnerschaft finden."
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Die Fragen stellte Stefanie Richter

Stefanie Richter
studiert Publizistik und BWL an der Freien Universität Berlin.
Der Beitrag entstand im Rahmen eines Praxisseminars für Online-Journalismus im SoSe 2004 am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft |