21.07.2004

"Der Image-Erfolg war gigantisch!"



André Schulz /chessbase

 

Schachcomputer ist nicht gleich Schachcomputer. Ein Interview mit André Schulz, Mitarbeiter der Hamburger Firma Chessbase, die unter anderem das Softwareprogramm Fritz entwickelt haben.

 

Von Gundula David


Deep Blue hat 1997 gegen Kasparow gewonnen. Im letzten Jahr spielte dann Kasparow gegen Deep Fritz. Inwieweit unterscheiden sich die beiden Programme?

Deep Blue ist eine Maschine, ein großer Serverrechner, der speziell auf Schach programmiert wurde. Deep Fritz ist ein Programm. Ein reines Programm, das unabhängig vom Rechner funktioniert. Die Programmierung von Deep Blue funktioniert nur auf dieser Deep Blue - Maschine und Deep Fritz können Sie als CD kaufen, das funktioniert auf jedem Notebook.

Gibt es heutzutage noch solche speziell angefertigten Computer wie Deep Blue es war?

Ja, gibt es. Es gibt ein paar Großrechner mit spezieller Programmierung, das sind nichtkommerzielle Uniprojekte.

Haben diese Computer in der Computerschachwelt noch eine wirkliche Bedeutung, auch von der Stärke her?

Sie haben eine Bedeutung. Es gibt zum Beispiel zurzeit ein Projekt mit Namen „Hydra“, das ist eine FPGA - Programmierung. Es gibt FPGA- Karten. Das ist so ähnlich wie bei Deep Blue, technisch ein bisschen anders, aber vom Prinzip her doch sehr ähnlich. Das wird auf eine Karte programmiert, man muss also so eine Karte kaufen. Das Ganze wird finanziert von einem schachbegeisterten Scheich. Außerdem gibt es ein Projekt namens „Ferret“.

Sehr bekannt sind diese Projekte aber nicht!

Diese Rechner spielen schon eine Rolle und treten auch manchmal bei Weltmeisterschaften an. „Hydra“ ist sehr aktiv, die anderen im Moment nicht so sehr. Auch von der Spielstärke her ist Hydra ein Spitzenprogramm. Es gibt 4 oder 5 Spitzenprogramme in der Welt, die sehr spielstark sind und da gehört Hydra auch dazu.

Gibt es bei den auf Schach programmierten Computern Vorteile bei der schachlichen Leistungsstärke?

Das ist schwer zu sagen. Die Großrechner sind doch sehr viel rechenstärker und das kann man dann schon ausnutzen. Deep Blue war ein Programm, das sehr viel berechnet hat. Sehr viel mehr als Fritz das kann, einfach weil der Rechner viel stärker ist, aber von der Spielstärke her wahrscheinlich doch nicht viel besser, weil die Programmierer der Softwareprodukte versuchen mehr im schachlichen Bereich zu programmieren. Meistens sind diese Großrechner von der Rechenstärke her stärker, aber das allein reicht oft im Schach nicht aus, gerade im Vergleich mit Menschen.

Hätte Deep Blue heute noch eine Chance bei einer Weltmeisterschaft?

Kann man nicht beurteilen. Die Deep-Blue-Entwickler haben irgendwann den Vergleich mit anderen Programmen öffentlich gescheut. Das wurde zwar intern getestet, aber nicht veröffentlicht. Es gab eine Vorversion, die bei einer Computerweltmeisterschaft 1995 mitgespielt hat und gegen Fritz verlor und damals wurde Fritz auch Weltmeister. Aber danach gibt es keine Vergleiche mehr, deshalb kann man darüber nur spekulieren.

Dann spekulieren Sie doch mal!

Deep Blue hat aus Sicht des Finanziers, also IBM, den größten Erfolg erzielt, den man machen kann, also Kasparow in einem Wettkampf schlagen. Mehr geht nicht. Jetzt kann man eigentlich nur noch  verlieren, gegen andere Programme oder wenn Kasparow eine Revanche will und sich darauf eingestellt hat. Deswegen wurde das Projekt gestoppt. Der Imageerfolg war gigantisch, die Aktie ist sogar in die Höhe gegangen nach dem Erfolg von Deep Blue gegen Kasparow.

Ein großer teurer Schachcomputer wirkt also besser als so eine kleine, preiswerte  CD mit einem Schachprogramm. Ist es das?

Die Rechner haben oft einen Imagenutzen. Seit Alan Turing, der den ersten programmierbaren Computer gebaut hat und auch das erste Schachprogramm geschrieben hat, wird Schach als Prüfstein oder Meßlatte für die Leistungsfähigkeit von Computern verwendet. Das war immer eine Imagegeschichte bei Großrechnern.

Das ist jetzt so ein bisschen in den Hintergrund getreten. Jetzt hat die Software das Regime übernommen. Programme kann man flexibler programmieren. Hat man einmal eine aufwendige Hardwareprogrammierung gemacht, ist die sehr schwer wieder umzubauen.

 

 

Gundula David

studiert Publizistik und Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin 

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im SS 04 an der Freien Universität Berlin, Inst. f. Publizistik.


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