Das Filmen ist ein Spiel


 

Vom Perfekten zum Humanen: Am 8. Juli kommt der neue Film „Five Obstructions“ von Lars von der Trier als visuelles Generationen-Duell in die deutschen Kinos.

 

Von Marguerite Seidel

 

„Ich hasse Zeichentrickfilme!“ Jørgen Leth ist entgeistert. Lars von Trier grinst und stimmt zu: „Ich auch!“ Sie blicken sich an und wiederholen einer nach dem anderen mit Abscheu: „Ich hasse Zeichentrickfilme!“ Aber es muss ein Zeichentrickfilm sein, genau darum geht es. Lars von Trier verehrt die Arbeit seines ehemaligen Lehrers Jørgen Leth, den er vor über zwanzig Jahren an der Danish Film School kennenlernte.

Trotzdem, oder gerade deshalb, lockt er den heute 67jährigen dänischen Dichter, Radsportkommentator, Experimental- und Dokumentarfilmer aus seiner etablierten Künstlerwelt und fordert ihn zu einem filmischen Generationen-Duell heraus. Die beiden Filmemacher haben einen Pakt abgeschlossen, der das Kräfteverhältnis zwischen Lehrer und Schüler, eigenen und fremden ästhetischen Überzeugungen, zwischen Original und Remake auf die Probe stellt.

Leths erster Kurzfilm „The Perfect Human“ ist für Lars von Trier ein Kultfilm. Leth soll nun diesen Film fünf Mal neudrehen und sich dabei den Regeln von Triers unterwerfen, der diese „Perle“ Schritt für Schritt zerstören will.
Also zieht Jørgen Leth los, um wohl oder übel einen Zeichentrickfilm zu machen. Er muss mit den Karten trumpfen, die Lars von Trier ihm zugespielt hat. Dieser glaubt, als Spielleiter im Vorteil zu liegen: „Es gibt wenige Bereiche, in denen ich mich als Experte bezeichnen würde. Einer davon ist Jørgen Leth. Ich weiß mehr über ihn, als er selbst. Das Projekt könnte heißen ‚Hilfe für Jørgen Leth.‘“

„Five Obstructions“ beginnt mit der Sichtung des Originalfilms „The Perfect Human“, der 1967 unter dem Eindruck der perfektionistischen Werbefilmwelt entstand. Leth beobachtet darin aus einer ironisch-anthropologischen Perspektive die Verhaltensweisen und Gesten eines perfekten jungen Mannes (Claus Nissen) und einer perfekten jungen Frau (Maiken Algren), die sich elegant schwarz gekleidet in einem weißen Raum bewegen.

Die wesentlichen Fragen, die den Beobachter und Kommentator der Szene beschäftigen, sind: wie sieht der perfekte Mensch aus, wie isst er, wie fühlt er sich an, was tut er oder wie fällt er. Die Kamera streift über die makellose Haut eines Frauenbeins, die Nassrasur glättet das Gesicht des Mannes, Fisch wird auf einem Silbertablett serviert und Chablis aus einem Kristallglas getrunken, ein Ohr in Großaufnahme gezeigt. In einer klinischen Atmosphäre wird die Sezierung des modernen, schönen und wohlhabenden jungen Menschen vorgenommen.

Gewinner und Verlierer

Lars von Trier hingegen versucht Jørgen Leth zu sezieren. Er will die ausgefeilte Ästhetik seiner Bilder brechen und dessen Distanz zum Gefilmten auflösen. Leth soll soweit gegängelt werden, dass seine Autorität als Künstler sich auflöst und seine Arbeit von der gewohnten Perfektion befreit wird. Kurz gesagt, von Trier probiert alles, damit Jørgen Leth einen schlechten Film macht. Immer wieder lotet er im Gespräch die Abneigungen Leths aus, um daraus dann die nächste „obstruction“, die nächste Behinderung, zu formulieren.

„Five Obstructions“ dokumentiert dieses Projekt und setzt sich chronologisch aus den Gesprächen in von Triers Büro in Dänemark, Szenen aus dem Originalfilm, Bildern von den einzelnen Filmdrehs und den Remakes zusammmen. Leth geht jeweils nach Erhalt seiner Anweisungen los und kommt ein paar Monate später mit einem neuen Film zurück, auf dessen Schwächen die nächste „obstruction“ aufbaut.

Auf diese Art und Weise entstehen vier Filme, die Lars von Trier zwar alle nicht schlecht findet, doch zu seiner Enttäuschung und Freude gewinnt Leths Vision vom Filmemachen immer wieder die Oberhand über die Regeln. Letztendlich ist die Umsetzung eine Frage des Budgets. Wer genug Geld hat, einen Profizeichner, wie Bob Sabiston („Waking Life“, 2001)  zu bezahlen, der wird nicht völlig scheitern, auch wenn er keine Ahnung vom Zeichentrickfilm hat.

 

 „Five Obstructions“
Ein Film von Lars von Trier & Jørgen Leth


Nach einer Idee von Lars von Trier, basierend auf „The Perfect Human“ von Jørgen Leth, 1967

Mit: Alexandra Vandernoot, Patrick Bauchau, Jørgen Leth, Lars von Trier, Claus Nissen, Maiken Algren, Daniel Hernández Rodríguez, Jacqueline Arenal

Dänemark / Belgien 2003, Länge: 1h30min
Filmstart Deutschland: 8. Juli 2004
 

So sind alle Filme technisch perfekt und zeigen eigentlich nichts, was besonders aufregend wäre. Einzig der Film, der persönlichen Mut erfordert und in dem sich Leth offensichtlich den Regeln Lars von Triers widersetzt, gibt dem Thema des Originals eine neue Tiefe. Leth soll am schlimmsten Ort der Welt drehen, jedoch ohne diesen zu zeigen. Er wählt das Rotlichtviertel von Bombay und trennt den filmischen Raum durch eine transparente Wand vom Straßenleben an.

Wir sehen Leth selbst als perfekten Menschen an einem Tisch sitzen und einen Fisch mit einem Glas Chablis genießen, während sich hinter der transparenten Wand die Ärmsten dieser Welt drängen und ihm beim Essen zusehen. Obwohl er sich der Regel widersetzt, den Drehort nicht abzubilden, ist diese Gegenüberstellung zwischen Arm und Reich der einzige Film, der sowohl den Zuschauer als auch Leths eigene moralische Vorstellungen berührt und die Trennung zwischen Mensch und Filmemacher aufhebt.

Die fünfte „obstruction“ vereinigt schließlich die Bilder der Zusammenarbeit der beiden Filmemacher in einem Dokumentarfilm, der das Projekt auf seine eigene Art zusammenfasst. Leth wird als Regisseur aufgeführt, aber der Text, den er zu den Bildern liest, stammt aus der Feder Lars von Triers und beschließt den Film mit den Worten, dass sich der Angreifer oft am meisten enthülle.

Gegen Langeweile

Lars von Trier will mit diesem Experiment vom Perfekten zum Humanen vordringen, aber sein Schüler ist widerspenstig. In einem Interview mit der britischen Tageszeitung The Guardian erzählt Leth, dass von Trier diese verrückte Theorie habe, dass etwas Wahres erst entstehe, wenn man gebrochen wäre. Aber er halte das für eine romantische und sentimentale Auffassung, die mit ihm nicht funktioniere. Er breche nicht zusammen. Nicht er.

Lars von Trier sagt im Film, dass das, was Jørgen Leth die Spielregeln nennt, für ihn wesentlich sei, das heißt, sich selbst Limits und formale Beschränkungen setzen zu können: „Ich wollte nun ihm diese Geißel auferlegen!“

In „Five Obstructions“ geht es aber weder um Jørgen Leth, noch um „The Perfect Human“ und dessen Remakes oder gar darum welcher der beiden Männer Recht hat. Es geht darum, über Film nachzudenken, ihn zu hinterfragen und über das eigene Spielbrett als Filmemacher zu blicken. Der distanzierte und sorgfältig komponierte Blick Jørgen Leths gerät an den emphatischen Stil des Lars von Trier, der versucht in das Bild einzudringen, anstatt es von außen zu beobachten, doch keiner setzt sich gegen den anderen durch.

 


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