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 Die Erfindung der Photographie
Den Wunsch, die Welt in Bildern festzuhalten, scheint der Mensch schon kurz nach der Erfindung des aufrechten Ganges gehegt zu haben. Doch von den steinzeitlichen Höhlenzeichnungen bis zum knipsenden Urlauber mit Wegwerf-Kamera sollte es noch ein weiter Weg sein - gespickt mit Zufällen.
Von Martin Schneider
Einen entscheidenden Meilenstein auf dem Weg zur modernen Kamera setzte der französische Maler und Physiker Louis Jacques Mande Daguerre (1787-1851), indem er mit der Daguerreotypie die erste praktisch nutzbare Technik des Fotografierens entwickelte. Trotz langjähriger, intensiver Bemühungen war es der Zufall, der ihm dabei den entschiedenen Fingerzeig gab.
Was der französische Philosoph Jean Jacques Rousseau mit der Erfindung der Fotografie zu tun hat, ist in den einschlägigen technikhistorischen Werken in aller Regel nicht verzeichnet. Sein Ruf Retour à la Nature aber – Zurück zur Natur – prägte Kunst und Philosophie in der zweiten Hälfte des 18 Jahrhunderts derartig, dass die Natur zum Maß aller Dinge wurde; ihre möglichst getreue Wiedergabe war Ansporn für alle Künstler – ob Poeten oder Maler.
Die Werke der romantischen Landschaftsmaler wie van Delft, Canaletto oder Turner zeugen noch heute davon, und auch der 1787 geborene Louis Daguerre erfuhr seine Malerei-Ausbildung in diesem Zeitgeist, als er, gerade siebzehnjährig, aus der Provinz nach Paris kam. Als Lehrling für Bühnenmalerei an der Pariser Oper konnte er sich im Naturalismus derart üben, dass er bald ganze Landschaften in wirklichkeitsnaher Perfektion auf die Leinwand zu bannen verstand. Höhepunkt seines malerischen Schaffens war das „Diorama“, das er 1822 an einem belebten Pariser Boulevard eröffnete. In dem riesigen Rundbau stellte er auf bis zu 14 mal 22 Meter großen, durchscheinenden Leinwänden Landschaften, Gebäude oder historische Ereignisse dar. Daguerres Diorama war vor allem wegen seiner ausgeklügelten Licht- und Geräuscheffekte berühmt, und schon ein Jahr später eröffnete er in London ein ähnliches „Natur-Schauspiel“.
Damit die nach Natur gierenden Besucher ständig neue Reize bekamen, musste er die gigantischen Gemälde immer häufiger auswechseln; trotz einer Vielzahl von Assistenten kam er mit dem Malen kaum mehr nach. Um sich die Arbeit etwas zu erleichtern, fertigte er – wie viele andere Künstler seiner Zeit – die ersten Skizzen seiner gigantischen Gemälde an, indem er die Projektionen einer camera obscura nachzeichnete. Dieser Vorläufer des Fotoapparats war schon seit dem 13. Jahrhundert bekannt.
Es ist nichts weiter als ein schwarzer Kasten mit einer kleinen Öffnung auf einer Seite; das eintreffende Licht erzeugt auf der der Öffnung gegenüberliegenden Wand ein seitenverkehrtes und umgekehrtes Bild. Ausgeklügelte Spiegeleinrichtungen richteten das Bild wieder auf, sodass es von den Künstlern in wahrhaft „Kammer“-großen, begehbaren camerae obscurae nachgezeichnet werden konnte. Was zu Daguerres Künstlerglück allerdings fehlte, war, dass die Camera das Bild selbsttätig, ohne es nachzeichnen zu müssen, festhielt. Neben seinen künstlerischen Bemühungen wurde die Umsetzung dieser Idee bald zu seinem zweiten Lebenszweck, ja fast zur Manie, der er jede freie Minute widmete.
In seinem Atelier stapelten sich fortan neben Farbtöpfen alle erdenklichen Chemikalien und polierte Metallplatten, auf die er die Bilder der Camera Obscura zu bannen hoffte. Er setzte auf silberbeschichtete Kupferplatten. Schon 1727 nämlich hatte der deutsche Anatomie-Professor Johann Heinrich Schulze bewiesen, dass das Schwarzwerden von Silbersalzen, das seit dem 16. Jahrhundert bekannt war, durch Licht und nicht durch Hitze ausgelöst wurde. Schulze bewies dies dadurch, dass er Wörter auf einer Silbersalzschicht belichtete. An das Abbilden der Natur oder gar daran, das Belichtungsergebnis permanent zu fixieren, dachte er nicht. Da musste halt erst ein Maler kommen.
Daguerre probierte die verschiedensten Kombinationen von Chemikalien aus, die er auf die Platten auftrug – vor allem verschiedenste Silbersalze. Nach vielen Stunden Belichtungszeit, und auch nur, wenn die Sonne gleißend vom Himmel stach, zeichnete sich dann auf der Platte tatsächlich ein schemenhaftes Bild der Welt ab – in der leider während der Belichtungszeit eine Menge passiert war. Auch wenn an die Aufnahme sich bewegender Objekte ohnehin nicht zu denken war, war auf jeden Fall die Sonne gewandert und warf die unterschiedlichsten Schatten, die das „Bild“ – sofern man Silberjodid-Verfärbungen überhaupt als ein solches bezeichnen konnte – extrem verzerrten.
Überdies handelte es sich stets um ein negatives (und speigelverkehrteres) Bild, da sich das Silbersalz durch Belichtung nun mal dunkel verfärbte. Und bei allem durfte Daguerre die belichteten Platten nie außerhalb seines abgedunkelten Arbeitszimmers betrachten, da sich sonst die Platte komplett schwarz verfärbte – eine Fixierungsmethode war noch nicht gefunden.
Nach drei Jahren vergeblichen Experimentierens bekam Daguerre von seinem Optiker, der ihm zuverlässig die verschiedensten Linsen für seine Camera Obscura schliff, die Adresse von Nicéphore Niepce, einem Erfinder und Lithographen in der Provinzstadt Chalon-sur-Saône, 300 km südöstlich von Paris. Der bezog beim gleichen Optiker ebenfalls Linsen für Camera-Obscura-Experimente und hatte ebenfalls die fixe Idee, die Bilder der Camera fix auf eine Platte zu bannen.
Auch bei ihm war es ein künstlerisches Anliegen, das ihn auf diese Idee brachte. Um Lithographien herzustellen, mussten auf Papier erstellte Zeichnungen mühsam auf den lithografischen Stein übertragen werden, der dann zum Druck genutzt wurde. Niepce suchte nach einer „Automatisierungsmöglichkeit“ für diesen Vorgang, und bestrich den Stein mit einer speziellen Asphalt-Lösung. Nach stundenlanger Belichtung unter der Sonne härteten die helleren Bereiche aus, während die dunkleren flüssig blieben und ausgewaschen werden konnten.
Seit 1826 experimentierte er über seine lithographischen Versuche hinaus auch mit einer Camera Obscura. Er trug seine Bitumen-Lösung auf eine Zinnplatte auf und hoffte so, das Kamerabild einzufangen. Tatsächlich gelang ihm dies auch, und seine „Heliographie“, wie er es nannte, aus seinem Fenster in den Hof seines Anwesens aus dem Jahre 1827 gilt als erste erfolgreiche fotografische Darstellung – mit achtstündiger Belichtungszeit.
Nach einiger Zeit des Abtastens schlossen Daguerre und Niepce Ende 1829 einen richtigen Vertrag, gemeinsame Sache zu machen. „Herr Niepce bringt in die Gesellschaft seine Erfindung ein. Herr Daguerre bringt ... seine Talente und seine Geschicklichkeit ein“, heißt es in dem Vertrag, und weiter: „Die Erfindung darf selbst im Falle des Ablebens eines Teilhabers nur unter dem Namen Niepce-Daguerre veröffentlicht werden“.
Dass es viel „Talent und Geschicklichkeit“ bedürfen würde, aus „Herrn Niepces Erfindung“ ein praktikables Abbildungsverfahren zu machen, war Daguerre sicher sofort klar. Niepces Verfahren ergab zwar den „Druckstock“ für ein einigermaßen erkennbares Bild, allerdings war die Bitumenlösung noch weit lichtunempfindlicher als Daguerres Silbersalze, und die Bilder waren noch unschärfer als Daguerres eigene Produkte – nicht zuletzt aufgrund der langen Belichtungszeit.
Die Fusion der beiden Erfinder Niepce und Daguerre sollte allerdings nicht so recht in Gang kommen. Mehr oder weniger forschten beide an ihren jeweiligen Standorten vor sich hin, Synergieeffekte gab es kaum. 1831 gelang Daguerre immerhin eine weitere Verbesserung der Technik (die Historiker streiten sich, ob die Grundidee dazu von Niepce stammte). Noch vor der Belichtung setzte er die silberbeschichteten Kupferplatten Joddampf aus; das sich dadurch bildende Silberjodid reagierte besser auf Licht als alle seine vorherigen Salzmischungen.
Dennoch blieben die Belichtungszeiten unerträglich lang, die Bilder höchst schemenhaft. Nach dieser Entdeckung schien aber auch Daguerre mit seinem Erfinderlatein am Ende; und als Niepce –22 Jahre älter als Daguerre – im Sommer 1833 einem Schlaganfall erlag, gab es wenig Hoffnung, dass aus dem gemeinsamen Projekt noch irgendetwas werden konnte – bis der Zufall zur Hilfe kam. Wie genau die wohl wichtigste Entdeckung in der Geschichte der Fotografie ablief, darüber kursierten bald verschieden ausgeschmückte Legenden – Laborbücher hatte der Pariser Hobbyforscher nicht geführt. Ungefähr jedenfalls muss es sich so zugetragen haben.
Daguerre ließ sich auch nach dem Tode seines Kompagnons nicht entmutigen und verwendete jede freie Minute und jeden Francs, den er erübrigen konnte, auf seine Obsession, die Wirklichkeit auf seine Metallplatten speichern zu können. Irgendwann im Frühjahr 1835 begann sich der strahlende Himmel überraschend zuzuziehen, als Daguerre gerade wieder einmal mit einer seiner mehrstündigen Belichtungen begonnen hatte. Ohne Sonne lief gar nichts, das immerhin wusste Daguerre inzwischen, und so zog er die nur kurz belichtete Platte aus der Kamera heraus.
Wie zu erwarten war, war nicht das geringste darauf zu erkennen; um sie später erneut zu verwenden, legte er sie in den Laborschrank, in dem er auch seine Chemikalien aufbewahrte. Als er tags drauf den Schrank öffnete, traute er seinen Augen nicht. Auf der gestern noch leeren Platte war nun ein deutliches Bild zu erkennen – viel schärfer als alle seine bisherigen Aufnahmen und noch dazu positiv! Daguerre war klar, dass das Geheimnis des Verfahrens irgendwo im Holzschrank verborgen sein musste. Irgendeine der im Schrank aufbewahrten Chemikalien musste für die Entstehung des Bildes verantwortlich sein.
In tagelanger Kleinarbeit soll Daguerre der Ursache für das vermeintliche Wunder auf die Spur gekommen sein. Jeden Tag stellte er eine neue, nur kurz belichtete Platte in den Schrank, aus dem er zuvor eine der darin aufbewahrten Chemikalien entfernt hatte, und überprüfte, ob es immer noch zur wundersamen Bildentstehung kam. Als er sämtliche Chemikalien entfernt hatte und die Bilder nach wir vor entstanden, entdeckte er in den Ritzen des Regalbodens einige unscheinbare metallisch glänzende Tropfen.
Wie sich herausstellte, handelte es sich um Quecksilber – ob aus einem zerbrochenen Thermometer, wie manche Biografen berichten, oder einfach ausgelaufen aus einer Vorratsflasche, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Daguerre jedenfalls überprüfte experimentell, dass es tatsächlich das Quecksilber war, das die Bilder entstehen ließ. Er exponierte seine nur 20 bis 30 Minuten belichten Platten über einer erhitzten Tasse Quecksilber; die aufsteigenden Dämpfe ließen das positive Bild entstehen.
Die „Daguerreotypie“, wie Daguerre seine Erfindung ganz gegen die ursprüngliche Absprache mit seinem Kollegen Niepce nannte, war ein direktes, positives Foto. Es entstand dadurch, dass das einfallende Licht das Silberjodid auf der Platte photochemisch in elementares Silber verwandelte, das sich mit dem Quecksilber zu einem hell strahlenden Amalgam verband. Leider konnte Daguerre seine Fotos noch nirgends herumzeigen.
Setzte er sie weiter dem Licht aus, verwandelte sich auch das restliche Silberjodid auf der Platte zu Silber, die Umrisse des ursprünglichen Motivs waren vor diesem Hintergrund kaum zu erkennen. Es sollte zwei weitere Jahre dauern, bevor Daguerre eine Methode fand, seine Bilder zu fixieren, indem er das nach der Belichtung auf der Platte verbliebene Silberjodid mit einer Salzlösung auswusch, wodurch das bloße Kupfer der Platte zutage trat.
Die französische Akademie der Wissenschaften erkannte schnell die Bedeutung der neuen Erfindung – und ehrte sie mit einer üppigen Auszeichnung: Daguerre wurde eine jährliche Rente von 6000 Francs zugesprochen, und auch Niepces Sohn durfte sich über 4000 Francs jährlich freuen. Daguerres Lichtbilder wurden zum Renner in Europas Metropolen; wer etwas auf sich hielt, ging zum Daguerreotypisten, um geduldig vor den schwarzen Ablichtungsgeräten auszuharren. Der doch zumeist etwas angestrengte wirkende Blick der frühen Portraits zeugte von der doch immer noch minutenlangen Belichtung, die nötig war.
Auch bei Daguerre also mischte sich der Zufall keineswegs aus heiterem Himmel ein. Wie ein besessener hatte der Forscher über viele Jahre an seiner Idee gearbeitet. Wie sehr sie ihn umtrieb, zeigt eine Anekdote, die noch zu seinen Lebzeiten die Runde machte. Nachdem der Pariser Chemiker Jean Baptiste Dumas im Jahre 1825 gerade eine Vorlesung beendet hatte, stellte sich ihm schüchtern eine junge Dame als Madame Daguerre vor.
Ihr Gatte, damals noch als Maler bekannt, habe die fixe Idee, die Bilder einer Camera Obscura fixieren zu können – sie fürchte um seinen Verstand, da er nachts kaum noch schlafe und tagsüber von nichts anderem mehr rede. Ob Monsieur Dumas, als erfahrener Chemiker, denn glaube, dass so etwas prinzipiell möglich sei – oder ob ihr Ehemann tatsächlich dem Wahnsinn nahe sei.
Nein, es sei beim derzeitigen Wissensstand nicht möglich, antwortete der Chemiker, allerdings heiße das nicht, dass es nie gelänge – und schon gar nicht sei jemand verrückt, der es versuche. Das bemerkenswerte an dieser Geschichte ist, dass sie sich zwölf Jahre vor der tatsächlichen Entdeckung Daguerres zutrug. Über ein Jahrzehnt lang also versuchte Daguerre alles, seine Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Und dennoch war es dann ein nicht planbares Moment, das die richtige Tür öffnete.
Darüber hinaus ist die Entdeckungsgeschichte des Vorläufers unserer heutigen Fotografie auch ein schönes Beispiel dafür, dass die Zeit reif war für eine Erfindung – ein Phänomen, das sich in der Technikgeschichte häufig findet. Die nötigen „Zutaten“ waren weit genug entwickelt – zum Beispiel die Camera Obscura und ihre Anwendung in der Malerei oder die Chemie der Silbersalze– sie mussten „nur noch“ zu etwas Neuem zusammengefügt werden.
Kein Wunder, dass Daguerre kein einsamer Kämpfer war, sondern dass auch Niepce „nahe dran“ war, die Fotografie zu erfinden. Und auch in England gab es eine fast zeitgleiche Entwicklung, die sogar letztendlich das Rennen machen sollte. Zwar hatte Daguerres Methode, die im übrigen nicht lizenzrechtlich geschützt war, zunächst enormen Erfolg (seine „Gebrauchsanleitung“ dafür erlebte in zwei Jahren 29 Auflagen und Übersetzungen); mit der weiten Verbreitung aber wurden auch die Nachteile der Daguerreotypie immer deutlicher.
Die Herstellung der Bilder war teuer, und jeder „Schnappschuss“ war eine einmalige Sache. Die ersten Daguerreotypien waren damit Kunstwerken näher als heutigen Fotos. Der einzige Weg, zwei Kopien zu bekommen, bestand darin, zwei Kameras parallel zu betreiben. Das Abbildungsverfahren, das William Henry Fox Talbot beinahe zur gleichen Zeit in England entwickelte, hatte diesen Mangel nicht: Es lieferte zunächst ein Negativ, von dem sich beliebig viele seitenrichtige und positive Fotos auf Papier belichten ließen. Auch wenn Talbots „Kalotypien“ zunächst weniger brilliant waren als Daguerres „Fotos“, war es seine Methode, die den Siegeszug der Fotografie begründete.

Martin Schneider
Wissenschaftsjournalist. Nachdem er viele Jahre als freier TV-Journalist Labors und Institute rund um den Globus besucht hatte, übernahm er 1999 die Leitung der Wissenschafts-Redaktion des SWR in Baden-Baden.
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