"Unbekannt und unbeachtet!"



Frieder Alberth

 

Interview mit Frieder Alberth von Connect Plus e.V. Der Verein unterstützt AIDS-Initiativen in Mittel- und Osteuropa zur Eindämmung der HIV-Epidemie.

 

Wie hat die EU-Osterweiterung Ihre Arbeit verändert?

Das ist natürlich schwer zu beantworten. Die größte Auswirkung der EU-Osterweiterung ist die Verschiebung der EU-Außengrenze an Russland und die Ukraine, zwei Hochprävalenzländer.

Also Länder mit einer ungewöhlich hohen AIDS-Rate. Was ist daran für Westeuropa so problematisch?

Die Lage in den beiden neuen Nachbarländern. In Russland gibt es kein Bewusstsein für HIV/AIDS. Es ist ein Tabuthema, es gibt wenig effektive Maßnahmen zur Prävention oder zur Behandlung. In der Ukraine sind mittlerweile 2% der Männer zwischen 16 und 30 mit dem HIV-Virus infiziert. Man hat die Epidemie dort in keinster Weise im Griff.

Und das hat Auswirkungen auf den Westen?

Man weiß, dass in der EU, zum Beispiel auffallend hoch in Portugal, viele ukrainische Prostituierte arbeiten, die dorthin gebracht wurden, verschleppt wurden. Die Ukraine hat in den letzten Jahren zwei Millionen Einwohner verloren hat, durch Geburtenrückgang und große Abwanderung. Das sagt uns, dass viele Menschen aus diesem Land in den Westen ausreisen.

Wie stellen sich die direkten Auswirkungen auf Deutschland dar?

Vor allem durch verstärkte Kontakte zwischen den Ländern. Dies ist an sich sehr zu begrüßen, bedeutet aber auch, dass die Grenzen offener sind. Seit Jahren wächst zum Beispiel das Flugaufkommen am Flughafen München, es gibt viel mehr Flüge zwischen Deutschland und der Ukraine oder Sibirien als noch vor wenigen Jahren. Sowohl durch verstärkten Tourismus, als auch durch Verwandtenbesuche vieler Russlanddeutscher.

Was sicher Folgen hat für die Ansteckungsgefahr…

Natürlich, man weiß, dass momentan 23% aller etwa 2000 Neuinfektionen jährlich in Deutschland im Ausland erworben werden. Sowohl über Migranten als auch über Tourismus.

Hat das auch mit Sextourismus zu tun? Wenn ich an dieses Thema denke, fallen mir als erstes Thailand und die Karibik ein.

Nein, nicht nur Asien ist ein Ziel für Sextourismus. Da müssen auch andere Länder mit einbezogen werden.

Hat sich denn generell eine Veränderung in den Statistiken ergeben, wer sich neu mit dem Virus infiziert?

Früher konnte man sagen, ca. 80% der Neuinfektionen in Deutschland betreffen Homosexuelle, 20% Drogenabhängige.Heute ist die Mehrheit der Neuinfektionen bei homosexuellen Männer zu finden, aber man muss eben sehen, dass fast ein Viertel der Neuinfektionen im Ausland erworben wird. Bei den östlichen Partner waren es bisher fast ausschliesslich Menschen, die Drogen nehmen. Dies verändert sich momentan.

Da die jedoch keine in sich abgeschlossene Gruppe im Sexualverhalten sind und außerdem die Beschaffungsprostitution eine große Rolle spielt, nehmen die Neuinfektionen in diesen Ländern in der heterosexuellen Bevölkerung stark zu.

Was kann man in Deutschland oder als Deutscher denn jetzt tun, um die Situation zu verbessern, um zu helfen?

Vor allem zwei Aufgaben stellen sich: Zum Ersten muss es eine Bewusstseinsbildung in Deutschland geben. Viele nehmen irrtümlich an, AIDS hat man im Griff, nur in Afrika wäre es unkontrollierbar. Das stimmt nicht, die Lage in Osteuropa ist noch viel zu wenig im Bewusstsein bei uns und leider auch noch viel zu unbeachtet in den Medien. Es gibt immer noch keine Heilung, die Medikamente auf dem Markt verzögern nur die Auswirkungen des HIV-Virus. Das muss wieder ins Bewusstsein.

In Deutschland haben wir über 20 Jahre Erfahrung in der Prävention und Behandlung, in der Beratung und Begleitung der Menschen die mit HIV und AIDS leben müssen. Dieses Wissen muss Osteuropa zur Verfügung gestellt werden.

Und wo ist das Problem?

Solange die deutsche Bundesregierung noch nicht einmal die Zuständigkeit für diesen Bereich geklärt hat ist nicht einmal die erste Hürde für effektive Unterstützungsmaßnahmen überwunden. Sofortmaßnahmen für einen Expertenaustausch, Programme zur Unterstützung der staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen in den Nachbarländern müssen auf den Weg gebracht werden.

Dieser Verantwortung müssen wir nachkommen. Jetzt, nicht erst in einigen Jahren.

Herr Alberth, ich wünsche ihnen viel Erfolg bei ihrer Arbeit!

 

Die Fragen stellte Tobias Bauer

 

Tobias Bauer 

studiert Publizistik, Politik und Ethnologie an der Freien Universität Berlin.

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im SS 04 an der Freien Universität Berlin, Institut für Publizistik.


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