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Der Moment, in dem es funkt!



Bild: photocase.de

 

Oft werden die großen Gefühle unter ganz ähnlichen Umständen hervorgerufen! Begehren erwacht vor allem dann, wenn wir das Gefühl haben, selbst begehrt zu werden.

 

Von Bas Kast

 

In seinem Buch "Über die Liebe" beschreibt der französische Schriftsteller Stendhal (1783–1842) einen alten Brauch der Salzburger: In die Tiefe eines verlassenen Salzbergwerks warfen sie entblätterte Äste, um diese dann zwei, drei Monate später wieder heraufzuholen.

Nun waren die Äste mit funkelnden Kristallen bedeckt. Selbst "die kleinsten Zweiglein, nicht größer als die Kralle einer Meise", so der Romancier, waren "überzogen mit zahllosen schillernden, blitzenden Diamanten". Man erkannte den gewöhnlichen Zweig gar nicht wieder.

Dasselbe, sagt Stendhal, passiert mit der Person, in die wir uns verlieben, nur schneller. Sie "kristallisiert" in unserem Kopf. Eine bestimmte Art, sich zu bewegen, ein Lächeln, etwas in der Stimme, Details, die sonst keiner bemerkt, bekommen plötzlich eine besondere Bedeutung. Gewöhnliche Eigenschaften fangen, in Liebe getaucht, vor unserem Geist an zu glänzen wie die Salzburger Zweige.

Aber wodurch wird diese Kristallisation im Kopf eigentlich in Gang gesetzt?Die US-Psychologin Dorothy Tennov ist der Frage nachgegangen. Mit zahlreichen zutiefst Verliebten führte sie Interviews, ließ sie seitenlange Fragebögen ausfüllen. Einige vertrauten der Psychologin sogar ihr Tagebuch an. Herausgekommen ist eine der einfühlsamsten Studien über die Entstehung der Liebe, die es gibt.

Dabei stellte die Forscherin im Laufe der Gespräche etwas Verblüffendes fest: Nicht selten werden die großen Gefühle unter ganz ähnlichen Umständen hervorgerufen. Die Wissenschaftlerin entdeckte in den zahllosen Beschreibungen einen gemeinsamen Kern – eine Art universeller Auslöser der Leidenschaft.

So meinte eine Studentin, sie habe sich in dem Moment zu einem ihrer Hochschullehrer hingezogen gefühlt, als sie merkte, "dass er in der Cafeteria blieb, um noch mit mir allein sprechen zu können, als die anderen Studenten gegangen waren". Es schmeichelte der jungen Frau, wenn der Professor daran dachte, ihr die Kopie einer seiner Arbeiten mitzubringen, die sie interessieren könnte.

"Alles war schön", hat ein Mann namens Teddy den Abend beschrieben, an dem er sich in Sue verknallte, zu der er sofort eine "körperliche Anziehung" spürte. Am schönsten aber "war die Tatsache, dass sie das Gleiche zu spüren schien".

Und eine Frau namens Hilary hat ihre Empfindungen folgendermaßen formuliert: "Ich verliebte mich in Bernard, weil ich dachte, er könnte umgekehrt auch mich lieben."

Jeder der Verliebten sprach zwar über einmalige Erlebnisse. Irgendwann aber fiel der Forscherin auf, dass sich die verschiedenen Erfahrungen durch eine ganz bestimmte Übereinstimmung auszeichneten.

Es war etwas, das man den "Fingerzeig der Zuneigung" nennen könnte. Ein Blick, ein Kompliment, eine aufmerksame Geste, irgendwas, das wir so interpretieren können, als habe der andere ein Auge auf uns geworfen – das war oft der Beginn der Leidenschaft. Das Begehren, beobachtete die Psychologin, erwacht dann, wenn wir das Gefühl haben, selbst begehrt zu werden.

Dorothy Tennov hat damit eine Regel entdeckt, die zweifellos zu den wichtigsten Gesetzen zwischenmenschlicher Beziehungen gehört: Willst du, dass andere dich mögen, so entwickle ein aufrichtiges Interesse für sie. Denn jemandem das Gefühl zu geben, dass man ihn beachtet, dass man ihn gern hat, dass er etwas Besonderes ist, gehört zu den stärksten Aphrodisiaka, die jedem von uns zur Verfügung stehen.

"Wenn du geliebt werden willst, liebe!", wusste schon der römische Philosoph Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.). Dieser Satz hat bis heute nichts von seiner Wahrheit eingebüßt.

Aber ist es das schon? Ist das alles, was man braucht, um die Liebe in einem anderen Menschen zu wecken? Nein. Es fehlt noch etwas. Wir verlieben uns schließlich nicht in jeden, der Interesse an uns zeigt!

Der Befund der Psychologin Tennov hatte sich eher beiläufig aus den Gesprächen ergeben. Um ihn systematisch zu überprüfen, befragte der amerikanische Psychologe Arthur Aron Hunderte von Menschen, Jung und Alt, frisch verliebt und seit Jahren verheiratet, ob sie sich an den Moment erinnern konnten, in dem sie sich in ihren Partner verliebt hatten.

Die Psychologin Tennov sollte Recht behalten: Auch in Arons Studie erwies sich das Gefühl, beachtet und geschätzt zu werden, als ausschlaggebend.

Aber da tauchte noch etwas auf: Attraktivität. "Wenn man einen Blick auf die Befunde wirft", fasst Arthur Aron das Ergebnis zusammen, "bekommt man den Eindruck, dass wir einfach nur auf einen attraktiven Menschen warten, der etwas tut, das wir als folgendes Zeichen deuten können: Ich mag dich. Nicht die Zuneigung irgendeiner Person erweckt unsere großen Gefühle, sondern die Zuneigung einer attraktiven Person.

Nur, was ist das genau, "Attraktivität"? Sie setzt sich aus zwei Komponenten zusammen. Die erste ist das Äußere, das Gesicht, der Geruch, der Körper. Der zweite Baustein ist noch komplexer. Es ist das, was wir als "Persönlichkeit" oder "Charakter" bezeichnen.

 

weiter: Die fünf Traumeigenschaften

 

 

 

Bas Kast


geboren 1973, studierte Psychologie und Biologie in Konstanz, Bochum und am MIT in Boston. Er arbeitet als Wissenschaftsredakteur beim "Tagesspiegel" in Berlin.  

 

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Bas Kast: Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt

S. Fischer, Frankfurt/M 2004, 17,90





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