 Die Kapsel am Haken: Aus der Traum!Es war so schön geplant: Beladen mit wertvoller Fracht sollte die Kapsel an einem Gleitschirm zur Erde schweben. Ein Hubschrauber hätte den Schirm mit einer Schleppleine an den Haken genommen und die Kapsel sanft zu Boden gebracht. Doch leider ging es gründlich schief!
Von Rainer Kayser
Die Szene hätte aus einem James-Bond-Film stammen können. Doch was sich am 8. September über den Salzseen von Utah abspielte, war nicht der Dreh eines neuen Action-Thrillers, sondern die Schlussszene eines mißglückten wissenschaftlichen Abenteuers.
Die amerikanische Raumsonde Genesis warf nach einer rund drei Millionen Kilometer langen Reise einen Kanister mit Materie von der Oberfläche unserer Sonne ab, unverfälschter Stoff aus der Geburtsstunde unseres Sonnensystems. Aus der Analyse dieser Sonnenmaterie erhofften sich die Astronomen Aufschluss über die Entstehungsgeschichte der Planeten. Warum ist der Mars staubtrocken, besitzt die Venus eine dichte, giftige Atmosphäre, ist die Erde eine wasserreiche, lebensfreundliche Welt? Die Sonnenmaterie sollte helfen, diese Fragen zu beantworten.
Genesis hat den Stoff, aus dem die Träume der Forscher sind, in zerbrechlichen Detektorscheiben eingefangen – selbst bei einer Landung am Fallschirm könnten die Scheiben durch die Wucht des Aufpralls zerbröseln, fürchten die Wissenschaftler. Deshalb beauftragte die Nasa den besten Stunt-Piloten Amerikas damit, den zur Erde schwebenden Kanister einzufangen und ohne Erschütterung zum Erdboden zu bringen.
„Ich soll was machen?“ fragte Cliff Fleming verdutzt, als ihm das Angebot unterbreitet wurde, mit seinem Hubschrauber einen vom Himmel fallenden Kanister mit Sonnenmaterie aufzufangen. „Ich hielt mich wahrhaftig für das Opfer eines törichten Scherzes“, erinnert sich der Flieger, der sonst Filme wie „Stirb langsam 2“ und „Dantes Peak“ um waghalsige Flugsequenzen bereichert.
Das Drama, in dem Fleming nun eine der Hauptrollen spielt, begann am 8. August 2001. Damals startete die 300 Millionen Dollar teure Sonde Genesis ins All. 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt sammelte sie mit ihren Detektoren 27 Monaten lang Atome ein, die von der Sonnenoberfläche ins All abströmen – gerade einmal 400 Millionstel Gramm. Das entspricht etwa einem Zehntel der Masse eines Sandkorns. Doch für die Astronomen ist diese winzige Menge von unschätzbarem Wert.
Die Sonnenmaterie soll den Forschern helfen die Frage zu beantworten, warum die chemische Zusammensetzung der Himmelskörper in unserem Sonnensystem so unterschiedlich ist - da doch Sonne, Planeten, Monde, Asteroiden und Kometen nach den heutigen Erkenntnissen alle gemeinsam aus einer einzigen großen Gas- und Staubwolke entstanden sind. In Modellrechnungen versuchen die Wissenschaftler zwar zu verstehen, wie diese Unterschiede im Laufe der Entwicklung unseres Sonnensystems zustande gekommen sein könnten. Doch dabei fehlt den Forschern ein wichtiger Baustein: Die exakte chemische Zusammensetzung der solaren Urwolke.
Diese Lücke hoffen die Forscher nun mit Genesis zu schließen. Denn während im Zentrum der Sonne Wasserstoff per Kernfusion zu Helium verbrennt und sich dort die chemische Zusammensetzung permanent wandelt, hat sich an der Oberfläche der Sonne über Jahrmilliarden hinweg vermutlich nichts verändert. Die von Genesis eingefangenen Teilchen spiegeln deshalb, so die Hoffnung, unverfälscht die Zusammensetzung des Urnebels wieder.
Zwar lassen sich auch aus dem Licht der Sonne Rückschlüsse auf die Zusammensetzung der Materie an ihrer Oberfläche ziehen. Doch die für die Forscher wichtigen Stoffe wie Sauerstoff, Stickstoff und Eisen machen lediglich zwei Prozent der Sonnenmaterie aus –Messungen von der Erde sind deshalb zu ungenau. Die Analyse der von Genesis heimgebrachten Sonnenproben in irdischen Labors soll nun Daten liefern, die um das Zehn- oder gar Hundertfache genauer sind als die bisherigen Werte.
Verständlich also, dass die Forscher der Ankunft der Raumsonde entgegenfiebern – und darum bangen, dass die Detektorscheiben die Landung unbeschädigt überstehen. Bisher hat Fleming die Kapsel bei allen seit 1999 durchgeführten Tests stets im ersten Versuch erwischt und sanft zum Boden gebracht.
Missionschef Donald Burnett war deshalb optimistisch, dass der Einfang auch am 8. September ohne Probleme gelingt: „Das einzige was uns noch stoppen kann, ist schlechtes Wetter.“ Eine niedrige Wolkendecke könnte die Sicht des Piloten behindern, Sturm den Kurs des Gleitschirms unberechenbar machen. Und es gibt einen gewichtigen Unterschied zum Filmgeschäft, so Fleming: „Wenn am Set etwas schief geht, wiederholen wir die Szene. Hier muss es beim ersten Mal perfekt klappen – sonst war die jahrelange Vorarbeit der Forscher vergebens.“
Genau das ist jetzt eingetreten. Wider Erwarten öffnete sich der Brems-Fallschirm der Kapsel nicht. Dadurch konnte sich auch der Gleitschirm nicht öffnen und der Metallbehälter knallte vor laufenden Kameras ungebremst auf den Wüstenboden. Derzeit ist noch unklar, ob die Sonnenwind-Proben den Aufschlag überstanden haben.
Sollte dem nicht der Fall sein, bleibt den Wissenschaftlern nur noch die Auswertung der restlichen Mission: Die "Genesis"-Sonde ist nach dem Abwurf des Proben-Behälters wieder auf den Rückweg zur Sonne, um weitere Langzeit-Beobachtungen durchzuführen.
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