 Vom Nebel der Kriege
Elf Lehrsätze über die Politik des Krieges: In dem herausragenden Dokumentarfilm "The Fog of War" kommt der ehemalige US-Verteidigungs- minister Robert McNamara zu Wort: Über die Kuba-Krise, Vietnam und die Zukunft des Krieges
Von Volker Lange
Zwei Männer treffen sich: Einer von ihnen erzählt über 20 Stunden lang aus seinem Leben. Der andere hört zu, fragt nur gelegentlich nach.
Kann man aus solchem Stoff einen Kino-Film machen? Man kann - zumindest wenn der eine Gesprächspartner Robert McNamara heißt, der andere Errol Morris. Kommen dann noch ausgedehnte Archiv-Recherchen und eine ausgefallene Aufnahmetechnik hinzu, entsteht eine Dokumentation, die an Spannung manchen Spielfilm übetrifft und folgerichtig dieses Jahr mit einem Oscar für die beste Dokumentation ausgezeichnet wurde.
Da ist Robert S. McNamara, amerikanischer Verteidigungsminister, Techniker des Vietnam-Krieges und zeitweilig einer der meistgehassten Männer der außerparlamentarischen Bewegung in Europa und den USA. Er galt in den 60er Jahren als hauptverantwortlich für die Eskalation des Vietnamkriegs, als Inbegriff amerikanischer Arroganz und als Symbolfigur des militärisch-industriellen Komplexes in den USA. Nach 1968 wurde er Präsident der Weltbank. Kubakriese, Vietnam, Sechs-Tage-Krieg: McNamara hat die zentralen Kriege und Krisen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts unmittelbar miterlebt. Er weiß viel. Viel mehr als er sagen kann. Selbst heute noch.
Und da ist Errol Morris, der bei uns kaum bekannte Dokumentarfilm-Regisseur (zu Unrecht!), der allerdings in den USA sich als hochdekorierter, wenn auch exzentrischer Filmemacher einen Namen gemacht hat. Als Student der Universität von Wisconsin demonstrierte er gegen den Krieg. „Obwohl diese Demonstrationen stattfanden, als er das Ministerium bereits verlassen hatte“, so Morris, „waren sie doch hauptsächlich als Protest gegen McNamaras Vietnampolitik zu verstehen“.
Nun portraitiert also der Demonstrant den Politiker. McNamara war 85 Jahre alt, als der Film aufgezeichnet wurde. Doch das Alter sieht und hört man ihm nicht an. Seine Gedanken sind klar und voller Schärfe. Etwa 160 Millionen Menschen wurden in 20. Jahrhundert bei Kriegshandlungen getötet. Es wird vielleicht als das gewalttätigsten Jahrhundert in der Geschichte der Menschheit eingehen. Waren die Flächenbombardements der USA gegen Japan nicht Kriegsverbrechen? McNamara gibt ohne Umschweife zu, dass die Amerikaner wohl nur deshalb nicht vor dem Kriegsgericht landeten, weil sie zu den Siegern dieses schrecklichen Krieges zählten.
Für das Interview benutzte Errol Morris sein sogenanntes „Interrotron“. Es funktioniert wie ein Teleprompter in einer Nachrichtensendung. Interviewer und Interviewpartner schauen jeweils in eine eigene Kamera. Doch vor der Linse ist das Bild ihres Gegenübers eingespiegelt.
So können sie sich gegenseitig in die Augen sehen und zugleich direkt in die Linse sprechen. Darauf kommt es dem Regisseur an: Augenkontakt ist wichtig für die Kommunikation. Er zwingt uns, wie gebannt den Ausführungen McNamaras zu folgen, die Phillip Glass mit seiner Musik emotional verstärkt. Das dies allzu sehr nach "Koyanisqatsi" klingt, ist vielleicht der einzige Schwachpunkt des Filmes.
Was ging während der Kubakrise und in der Frühphase des Vietnamkrieges im Weißen Haus vor sich? Der Regisseur lässt den Politiker monologisieren und hakt nur selten nach. Mit diesem Kunstgriff lässt er einem alten Mann seine ganze Widersprüchlichkeit zwischen Selbstmitleid, Verdrängung und Momenten scharfsinniger Wahrheitssuche. Diese Wiedersprüchlichkeit bleibt unauflösbar und berührt wohl deshalb so sehr, weil sie uns einen Menschen zeigt, der genau darin uns doch so sehr ähnlich ist.
McNamara rückt aber auch manches lieb gewonnene Vorurteil zurecht. Kürzlich erst freigegebene Tonbandaufnahmen aus dem Weißen Haus beweisen: Er selbst war nur bedingt jener Falke, als der er in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. McNamara war von Anfang an gegen einen Einsatz in Vietnam. Er unterbreitet Kennedy zunächst einen Plan zum vollständigen Rückzug aller amerikanischer Militärberater. Doch gegenüber seinem Nachfolger Lyndon B. Johnson zeigte er sich als loyaler Gefolgsmann, selbst wenn er die Bombardements Nordvietnams ablehnt. Nibelungentreue würde man das in Deutschland nennen.
„Um Gutes zu tun, kann es notwendig sein, sich auf das Böse einzulassen“ ist einer seiner 11 „Lehrsätze“, die er als Schlussfolgerung aus seinem Politikerleben zieht. Diese Lehrsätze geben dem Film ein Gerüst und sie fordern den Zuschauer heraus, selbst Position zu beziehen. Letztendlich können sie auch als eine Warnung an künftige Generationen verstanden wissen.
Anders als die filmischen Polemiken von Moore entzieht sich diese Dokumentation allzu einfachen Deutungsmustern. Ein Mensch erzählt uns von seinen Erfahrungen. Und wir können etwas daraus lernen – oder auch nicht.
Wer die Bestätigung seines Weltbildes oder einfache Antworten sucht, wird das Kino unbefriedigt verlassen. Wer sich jedoch auf den Sog des Filmes einlässt, der wird schnell feststellen, dass vieles, was McNamara hier über Vietnam sagt, hoch aktuell ist.
Die 11 Lehrsätze von Robert S. McNamara
Lehrsatz 1 Versetze Dich in Deinen Feind. Lehrsatz 2 Vernunft wird uns nicht retten. Lehrsatz 3 Es gibt etwas, das über uns steht. Lehrsatz 4 Maximiere Deine Wirksamkeit. Lehrsatz 5 Eine Richtlinie im Krieg sollte Verhältnismäßigkeit sein. Lehrsatz 6 Hol Dir die Fakten. Lehrsatz 7 Glauben und Sehen sind oft falsch. Lehrsatz 8 Sei bereit, Deine Argumente nochmals zu überprüfen. Lehrsatz 9 Um Gutes zu tun, kann es notwendig sein, sich auf das Böse einzulassen. Lehrsatz 10 Sag niemals nie. Lehrsatz 11 Du kannst die menschliche Natur nicht verändern
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