 Backpulver im Tank
Mit Diamanten unter der Haube und Natriumborhydrid im Tank können Sie locker 500 Kilometer weit fahren: Willkommen im Auto der Zukunft!
Das hätte sich Ian Fleming, Schöpfer des Geheimagenten 007, vermutlich nie träumen lassen: Während es seinem Superhelden James Bond in dem Thriller “Diamonds are forever” nur mit Mühe gelang, einem Schurken seine auf Diamanten basierende Strahlenwaffe zu entreissen, zeigten Chemiker nicht minder eindrucksvoll, dass die Klunkern auch für friedfertige Zwecke zu gebrauchen sind.
“Mit Hilfe von Diamanten lassen sich reibungserhöhende Beschichtungen herstellen,” erläutert Wolfgang Haggenmüller, Sales Manager der Wacker Ceramics in Kempten. So möchte Haggenmüller die Innovation auch keineswegs als Geheimwaffe, sondern vielmehr als Geheimtipp verstanden wissen. “Durch Reibungserhöhung können große Kräfte in Motoren wesentlich besser übertragen werden als bisher”, erläutert er.
Kraftübertragung wird um den Faktor drei erhöht
Im Fokus der weltweit patentierten Erfindung stehen dünne Schichten, in denen winzige Diamanten in Mengen von wenigen Milligramm in einer Nickelmatrix eingebunden sind. Zahlreiche Praxistests zeigten, dass die Erfindung in der Lage ist, die Kraftübertragung in Motoren gegenüber herkömmlichen Modellen um den Faktor drei zu erhöhen. Wie sich das in der Praxis auswirkt, konnte die Volkswagen AG am Beispiel eines 2,5-Liter-TDI-Motors bereits eindrucksvoll demonstrieren, indem unter Beibehaltung des Grundtriebwerks die Leistung des Turbodieselmotors von 75 auf 111 Kilowatt gesteigert werden konnte.
Mit Hilfe der so genannten ”Powerball-Technologie”, bei der Wasserstoff in chemischer Form in Natriumborhydrid gespeichert und “on demand” freigesetzt werden kann, hat der DaimlerChrysler-Konzern unlängst wiederum eine wichtige Hürde genommen. Die Technologie sei ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer baldigen breiten Einführung von Kraftfahrzeugen mit Brennstoffzellen, berichtet das Unternehmen.
Kann “Backpulver” eines Tages Erdöl ersetzen?
Ein vor kurzem im kalifornischen Sacramento vorgestellter Chrysler Minivan bezieht seinen Energievorrat aus einem mitgeführten Reaktor, der die chemische Verbindung Natriumborhydrid, bei der es sich um ein modifiziertes Backpulver handelt, als stabile alkalische Lösung enthält. Durch Eintauchen eines Katalysators wird Wasserstoff “nach Bedarf” freigesetzt. Das dabei entstehende Natriumborat ist nicht toxisch und kann nach vollständiger Umsetzung wieder mit Wasserstoff beladen werden, was der chemischen Rückverwandlung in Natriumborhydrid entspricht.
Damit das System funktioniert, sind an einer Tankstelle pro Station zwei Tanks erforderlich. In dem ersten befindet sich eine frische alkalische Lösung von Natriumborhydrid, während der zweite die resultierende Boratlösung aufnimmt, die bei jeder Betankung abgelassen werden muß.
Angaben von DaimlerChrysler zufolge konnte der Minivan auf Testfahrten mit einer einzigen Füllung eine Strecke von rund 500 km zurücklegen, was signifikant höher als die Reichweite bisheriger Konzepte auf der Basis von Brennstoffzellen sei und an die Reichweite gewöhnlicher Benzin- oder Dieselmotoren heranreiche.
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Dr. Rolf Froböse
ist Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalist in den Bereichen Chemie, Biotechnologie, Umwelt, Energie, Raumfahrt, Medizin, IT-Technik
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