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29.01.2005

Wer liegt da wohl im Grabe?



NS-Prominenz am "Heinrichgrab" Bild: Internetprojekt "Vernetztes Gedächtnis"

 

Als vor 70 Jahren eine Gruft in Braunschweig geöffnet wurde, war sich die Wissenschaft einig: Bei dem erstaunlich gut erhaltenen Skelett handelte es sich um Heinrich den Löwen. Doch Jahrzehnte später zeigte sich, dass auch Wissenschaftler manchmal sehr betriebsblind sein können!

von Robert Slawski

 

Wo beginnen wir die beinah endlose Geschichte? Die Gewißheit, daß nichts gewiß ist, drückte Karl Jordan 1969 aus. Das Resümee einer jahrelangen Kontroverse: "Ob bei den Ausgrabungen im Dom zu Braunschweig 1935 des Herzogs Gebeine gefunden sind, läßt sich mit letzter Sicherheit nicht sagen." Immer jedoch bleibt, daß ein Nochmal-drüber-Nachdenken überraschende Erkenntnis bringen kann. Eine überraschende Wendung nahm der Fall dann schließlich doch.

Am besten beginnen wir an dem Grabmal des Herzogs †1195 und seiner zweiten Ehefrau Mathilde †1189 im Braunschweiger Dom, in der Vorzugslage, weit in Richtung Hauptaltar vorgeschoben. Die beiden Grabplatten und ihr hohler steinerner Unterbau („Tumba“) aus der Zeit um 1230/40 präsentieren sich heute wieder so, wie noch im Frühjahr 1935.

Daß hier im Juni jenes Jahres etwas Besonderes im Gange war, erfuhr die Öffentlichkeit zunächst nicht. Aber es häufte sich hoher nationalsozialistischer Besuch. Mit dabei die Großideologen Alfred Rosenberg und Heinrich Himmler, an ihrer Seite Braunschweigs Ministerpräsident Klagges. Erst als Adolf Hitler am geöffneten Grab stand, wurde ausführlicher berichtet.

Die von vielen Unzulänglichkeiten geprägte Grabung hatte im Erdboden einen Steinsarg unter dem Bildnis der Mathilde zutage gefördert, daneben eine fast vollständig vergangene Bestattung, von der allerdings die bergende Lederhülle noch gut erhalten war. Die große Überraschung waren die Gebeine im Sarkophag: Sie lagen völlig ungestört und unberührt, geradezu klassisch exakt vor Augen. Wenig später traf der damals schon berühmte Anthropologe Eugen Fischer ein. Für alle beteiligten Fachleute war klar, dies konnte nur der Herzog sein. Hatte Gerhard von Steterburg nicht den Reitunfall 1194 mit Verletzung des Unterschenkels beschrieben? Zeigte nicht dieses Skelett eine Anomalie des linken Beines?

Ein wenig peinlich, daß jene Gestalt nur knapp über 1,60 Meter maß. Zu allem Überfluß fand man noch eine dunkle Haarlocke. Damit zerstob der Traum vom „germanischen“ Heldenrecken. Etwas irritierend auch der Fundort, nämlich unter der Grabplastik von Mathilde. Aber das ließ sich ja durch ein einfaches Vertauschen der steinernen Platten korrigieren!

Die Ergebnisse im einzelnen durften nicht publiziert werden, dennoch wurde einiges bekannt. Der Landesarchäologe Hermann Hofmeister verfaßte einen internen Bericht, der ebenfalls unter die Peinlichkeiten einzureihen ist. In Argumentation und Schlußfolgerung ist das Dargelegte nur abenteuerlich zu nennen, nicht eigentlich wissenschaftlich. Verschiedene Würdigungen auf den Sachsenherzog, wie etwa Heinrich Reinckes „Gestalt, Ahnenerbe und Bildnis“, dokumentieren schlimme intellektuelle Auswüchse in jener Zeit.

Im Inneren des Domes machte man sich an die großzügige Umgestaltung. Das Gebäude wurde 1940 als „nationale Weihestätte“ seiner neuen Zweckbestimmung übergeben: staatlich verordnete Verehrung des Ostlandfahrers. Gemeint war Heinrich der Löwe, der allerdings -- Aberwitz der Entwicklung -- schon gar nicht mehr so hoch im Kurs stand. Die reichsweite Propaganda rückte inzwischen die „imperialen Vorbilder“ ins rechte Licht, während ein gegen den Kaiser opponierender Herzog nicht mehr gut geeignet schien, Staatstreue zu verkörpern.

In den Untergrund hatten die Gebrüder Krüger in der Zwischenzeit eine „Herzogsgruft“ aus Granit eingesenkt. Fotografien zeigen uns den Innenraum der Kirche nunmehr als „Weihehalle“ mit einer Fahnenstaffage und dem „Ostland-Bilder-Zyklus“ in der hochgelegenen Fensterzone. Die überladene Inneneinrichtung aus dem 19. Jahrhundert hatte man vollständig entfernt. Zugleich war die Evangelische Kirche hinausgedrängt worden, was um so leichter fiel, als die besitzrechtlichen Verhältnisse einige Unklarheiten erkennen ließen.

Nachdem dann die insgesamt zwölf Jahre des „Tausendjährigen Reiches“ vorbei waren, stand die Räumung der Kriegstrümmer auf dem Programm, was ebenso lange dauern sollte, und die Entnazifizierung, auch des Domes. Also den tragbaren Kram hinaus, die Sgraffito-Bilder abgeschlagen und die herzoglichen Grabplatten zurück in ihre ursprüngliche Anordnung. Die Verlegung der Treppenanlage zum Hochchor sei nur erwähnt. Aus Schaden klüger geworden, bemühten sich die kirchlichen Stellen um einen Vertrag mit der niedersächsischen Regierung, als weitere Absicherung erfolgte die Zuordnung eines Gemeindebezirkes -- künftig sollten sich bei Mißbrauch des Domes doch einige Bürger mehr zum Protest aufgefordert fühlen.

Den wissenschaftlichen Streit um die Grabungsergebnisse eröffnete die Publikation der Befunde durch Eugen Fischer im Jahre 1952. Für das folgende Jahrzehnt lassen sich mühelos ein Dutzend Fachpublikationen nennen, die sich dem Thema -- und den Kontrahenten -- widmeten. Der Haupteinwand von Matthias Hackenbroch und anderen: Es handelt sich gar nicht um eine Beinverletzung im hohen Alter, sondern um eine Hüftgelenksluxation, die entweder angeboren oder in früher Kindheit erworben war. Den Grabungsfotos wurden solche von modernen Mißbildungen gegenübergestellt. Da blieb keine andere Schlußfolgerung, als daß die kleine Gestalt aus dem Dom eine Gehbehinderung mit sich durchs Leben getragen hatte.

Die Vorwürfe ließen Eugen Fischer, der über achtzigjährigen Autorität seines Faches, keine Ruhe. Er begann eine umfangreiche Serie von Experimenten an Knochenmaterial, wobei Gebeine künstlich entkalkt worden sind, um ihr Schwundverhalten zu beobachten. Denn auffällig war am Skelett der rätselhaften Person die Verkümmerung des linken Beines, wie die Kritiker meinten: seit früher Kindheit. Die naheliegende Frage, welche spezifischen Geschlechtsmerkmale denn aus dem Knochenbau herauszulesen sind, stellte Fischer nicht. Und auch niemand sonst.

Die Sensation brachte ein Vortrag im Oktober 1973, der vor geschichtlich interessierten Braunschweiger Bürgern gehalten wurde. Dr. Tilmann Schmidt, Tübingen, bot in seinem Referat zunächst ein schönes Stück an Gelehrsamkeit, ging er doch sämtlichen greifbaren Belegen auf Bestattungen in Lederumhüllungen nach. Der Knüller verbarg sich in wenigen Sätzen des zweiten Abschnittes. Die Person mit dem geschädigten Bein, aufgefunden im Sarkophag unter dem Erinnerungsmal für das Fürstenpaar, war -- eine Frau!

Die unumstößlichen Beweise lieferte die Skelettaufmessung des Anthropologen Eugen Fischer selbst, sie war sorgfältig notiert im Staatsarchiv Wolfenbüttel niedergelegt worden. Der Rest war einfach durch den Vergleich mit den Geschlechtertabellen in einem Lehrbuch der Anthropologie zu klären.

Seien wir mal ehrlich: Das hätte auch ein Student (resp. eine Studentin) im fünften Fachsemester zuwege gebracht. Warum keiner der renommierten Wissenschaftler darauf gekommen war? Der Volksmund sagt: „Den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen.“

Eine letzte Frage blieb jedoch offen, ob es nämlich wirklich die Grablege des herzoglichen Paares war, die man unter dem kunstvollen Grabaufbau angetroffen hatte. Es geht vor allem um die drei bis vier Jahrzehnte, in denen die (heutigen) Gedenkplatten noch fehlten. Sämtliche Indizien sprechen für eine Erinnerungskontinuität von den Beerdigungen bis zur Positionierung der steinernen Bildwerke, aber eine absolute Gewißheit gibt es nicht.

Der Tübinger Forscher publizierte seine Ergebnisse und stellte sich damit der wissenschaftlichen Kritik. In Fachkreisen wartete man ab, ob nicht doch jemand ein Haar in der Suppe finden, sprich: einen methodischen Mangel aufspüren würde. Währenddessen ging das Leben weiter, der Elmkalk der Grabplatten leuchtete bei günstigem Licht hell in der Sonne, wissenschaftliche Kritiker fanden sich keine mehr und allmählich mehrten sich die zustimmenden Äußerungen. Die öffentliche Meinung allerdings, die folgt eigenen Gesetzen.

Fragt man in Braunschweig nach dem Heinrichsgrab, so hört man auch heute noch: der Herzog sei klein von Statur gewesen, und -- hat er nicht gehinkt? Nachhaltige Verwirrung stiftete ein Handblatt als Wegweiser zu den Grabstätten in der Dom-Krypta. Die Aufstellung der Sarkophage scheint die lange gehegte Auffassung zu bestätigen, sofern man dem Mann die kantige Form zuordnet (hierin ruhte das weibliche Skelett), der Frau das Totenbehältnis mit dem gewölbten Aufsatz. Und dieser, nach 1935 geschaffene und nicht entfernte zweite Sarkophag ist der unbewältigte Rest des nationalsozialistischen Zwischenspiels. Den unterirdischen Weiheraum selbst können wir als notwendiges Mahnmal gegen Barbarei und Geschichtsverfälschung betrachten.

 

 

 

Robert Slawski


geboren 1958, aufgewachsen in Hamburg und in der Lüneburger Heide.  Studien in Geschichte und Geografie; seit 1982 als Dozent in der Erwachsenenbildung tätig. Kurse und Exkursionen, also dialogische Formen der Vermittlung, prägen bis heute die geistige Haltung des Autors. Dieser Text entstammt seinem Buch "Im Zeichen des Löwen", Zelter-Verlag Braunschweig.

 

 

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Der Artikel ist ein Auszug aus dem Buch "Im Zeichen des Löwen".  Klicken Sie hier, um es portofrei bei unserem Partner amazon.de zu bestellen:







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