19.01.2005

Wir dürfen Afrika nicht vergessen!



Fotos: Chris Alt

 

Woher sollen die zugesagten deutschen 500 Millionen Euro für Südasien eigentlich kommen? Es wäre nicht das erste Mal, dass in Berlin Nothilfe aus dem Entwicklungshilfeetat entnommen wird. Geht die aktuelle Hilfe gar zu Lasten der Hilfe für Schwarzafrika?

 

von Franz Alt


Die Tsunami-Killerwellen haben die Welt aufgeschreckt. Die sich globalisierende Welt erlebt ihre erste globale Katastrophe. Doch wer seit Jahrzehnten über Naturkatastrophen berichtet weiß, wie rasch eine rein emotionale Spendenbereitschaft sich wieder verflüchtigen kann. Und erfahrene Entwicklungspolitiker wissen, dass Geld zwar wichtig ist, aber nicht das Wichtigste. Am wichtigsten ist die Nähe zu den Betroffenen und zu den Ärmsten. Effektive Entwicklungspolitik muss ganz unten beginnen - in den meisten Entwicklungsländern heißt das: in den Dörfern.

 Der Erfolg der kleinen Hilfsorganisationen wie Rupert Neudecks "Grünhelme" oder die Andheri-Hilfe Bonn ist ihre Nähe zu Millionen Dorfbewohnern. Mit relativ wenig Geld und einem minimalen bürokratischen Aufwand erreichen sie sehr viel. Das Geheimnis ihres Erfolges ist, dass sie mit den Menschen vor Ort arbeiten und nicht nur für sie. Wenn die Betroffenen nicht eingebunden sind, kann Hilfe zur Selbsthilfe nicht funktionieren.

 1970 haben sich die reichen Staaten erstmals verpflichtet, 0,7 Prozent ihres Bruttosozialproduktes für Entwicklungspolitik zu geben. Die skandinavischen Staaten sowie Luxemburg und die Niederlande haben als einzige dieses Ziel erreicht oder leicht überschritten. Deutschland gibt zurzeit 0,28 Prozent. Ein Armutszeugnis für unser reiches Land. Wenn alle Industriestaaten sich so daneben benehmen wie Deutschland, kann die UNO ihre Millenniumsziele, nämlich die Zahl der Hungernden und Verhungernden zu halbieren nicht - wie beschlossen - bis 2015, sondern allenfalls bis 2115 erreichen. Indien, Thailand und Indonesien können sich bereits weit eher selbst helfen als Somalia, der Sudan oder der Kongo. Die Intensivstation unserer Erde liegt in Schwarzafrika.

Zusage zur Umsetzung der 0,7 Prozent-Regelungen liegen bis 2007 von Island, für 2010 von Belgien, für 2012 von Frankreich und Spanien und für 2013 von Großbritannien vor. Englands Außenminister Gordon Brown hat soeben einen "Marschallplan für Afrika" vorgeschlagen. Nichts ist politisch dringlicher, wenn unser Nachbarkontinent nicht völlig in Elend, Korruption und Chaos versinken soll.

 Wie gut, dass wenigstens Horst Köhler Hilfe für Afrika zu seinem Herzensanliegen gemacht hat. Der Bundespräsident hat schon in seiner Antrittsrede deutlich gemacht, dass effiziente Entwicklungspolitik in Afrika der Lackmustest für die europäische Humanität sei. Tatsache ist, dass in Afrika jedes Jahr Millionen Menschen verhungern und verdursten, während wir uns über Dosenpfand, Zahnersatz und vielleicht 10 Prozent weniger Rente aufregen.

Es kann dem reichen Europa niemals wirklich gut gehen, wenn es dem armen Schwarzafrika immer schlechter geht. Hunger ist das größte Umweltgift und die furchtbarste politische Zeitbombe. Im letzten Sommer war Europa nicht mal fähig, die im Mittelmeer von der Cap Anamur geretteten 37 Boot-People aufzunehmen! Wir wissen sehr wohl, dass zurzeit jedes Jahr mehrere Tausend afrikanische Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Wir lassen sie bewusst ertrinken und verdrängen ein Problem, das immer größer wird.

 Wiederaufbauhilfe in Südasien ist dringend nötig, aber sie darf nicht auf Kosten Schwarzafrikas gehen.  So wie die USA nach 1945 erfolgreich einen Marschallplan zum Wiederaufbau Westeuropas organisierten, so muss und kann Europa heute einen Marschallplan für Afrika auf die Beine stellen. Das sind wir heute den Afrikanern als unseren direkten südlichen Nachbarn schuldig.
 
1960 hatte US-Präsident John F. Kennedy eine ganze Generation mit seiner Idee von "Peace-Corps" begeistert. Ein "Marschallplan für Afrika", initiiert von Europa, könnte heute eine ähnliche Begeisterungswelle in ganz Europa und Afrika auslösen. Die Afrikaner schaffen es nicht allein.

 Die beispiellose Hilfsbereitschaft  für die Flutopfer Asiens ist ein Zeichen der Hoffnung für eine gerechtere Welt. Statistisch hat inzwischen jedes Flutopfer eine Zusage von 1000 Dollar. Doch für Afrika fließen die Gelder spärlich. Der UN-Koordinator für  humanitäre Hilfe, Jan Egeland sagt: „Ich mache mir mehr und mehr Sorgen über all’ die anderen Notstandgebiete die vergessen und vernachlässigt werden.“Allein im Sudan und im Kongo sterben täglich tausend Menschen an Hunger, Aids und Seuchen.

Solange auch in Deutschland der Militärhaushalt etwa sechsmal höher ist, als der Haushalt für Entwicklungspolitik sind die Prioritäten noch immer falsch. Entwicklungspolitik ist Sicherheits- und Friedenspolitik.

 

 

 

Dr. Franz Alt

mehrfach ausgezeichneter Fernsehjournalist und Autor.  Gemeinsam mit seiner Frau Bigi engagiert er sich mit seiner Website "Sonnenseite" zu Themen rund um Ökologie und Menschenrechte

 http://www.sonnenseite.com/ 

 

 


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