08.02.2005

Ein lebensgefährliches Vergnügen



Ritter im 12. Jahrhundert

 

Das Turnoimentum - das Ritterturnier - scheint uns ganz selbstverständlich mit dem ritterlichen Leben, mit der höfischen Kultur verbunden zu sein. Hauptsächlich sind es jedoch die spätmittelalterlichen Schilderungen, die das allgemeine Bild geprägt haben.

von Robert Slawski

 

Was besitzen wir an Zeugnissen? Ein Dutzend Berichte von (geistlichen) Chronisten, die das Turnier an sich möglichst übergehen. Dazu eine gute Zahl von kirchlichen Verboten, die jedoch über die Veranstaltung selbst nicht berichten. Und dann die literarischen Schilderungen, die in Frankreich schon früh, in Deutschland erst am Ende des 12. Jahrhunderts aufkommen. Doch was von ihnen als Spiegel der damaligen Alltagswelt zu halten ist, bleibt umstritten. Nicht wenige Forscher sind bereit, ganze Bereiche der dort vorgestellten Ritterkultur für real nicht-existent zu erklären. Lied und Dichtung im Dienste eines visionären Wunschbildes, alles wie im Märchen? Beginnen wir genau dort.

Wernher der Gartenaere läßt zwei Generationen auftreten. Der alte Meier Helmbrecht spricht zu seinem Sohn: „Vor Zeiten, als ich noch ein Jüngling war und dein Großvater Helmbrecht mich mit Käse und Eiern zum Hofe schickte, wie es das Meierrecht will, da schaute ich mir die Ritter an und gab wohl acht darauf, wie sie sich benahmen. Sie waren höfisch und liebenswürdig .. und hatten Gewohnheiten, die den Damen sehr gefielen. Eine nannten sie „buhurdieren“: Sie stoben aufeinander los, als ob sie von Sinnen wären, eine Schar hin, die andere her... Als das vorbei war, tanzten sie unter heiterem Gesang.“

Der Dichter Wernher stellt das spielerische Turnier ganz richtig in einen festlichen Zusammenhang. Allerdings war das höfische Leben kein ständiges Fest. Fest und Turnier brauchten einen besonderen Anlaß und auch eine Einladung. Was wir aber entnehmen können: Der Buhurt war ein recht harmloses Vergnügen, ein Schaureiten, eine Art parademäßiges Exerzieren, bei dem nur die Schilde, keine Waffen getragen wurden. Um einen solchen Buhurt hatte es sich auch auf dem Mainzer Hoffest Barbarossas gehandelt, an dem -- den Chronisten zufolge -- an die 20.000 Ritter teilgenommen haben. Unter ihnen befand sich auch der Kaiser selbst, der damit die rangübergreifende Gemeinschaft im Ideal des Rittertums vorführte.

Daß sich um die Mitte des 12. Jahrhunderts eine gänzlich neue Art des Kampfspiels verbreitet, kann man im Sprachgebrauch verfolgen. Bei der Beschreibung eines Reiterspieles muß sich Otto von Freising auf die Volkssprache beziehen: „quod vulgo nunc turnoimentum dicitur“ -- das man jetzt gewöhnlich „Turnier“ nennt. Er berichtet vom Schaukampf vor den Toren der Stadt Würzburg im Jahre 1127. Hier warteten die staufischen Herzöge auf die Auseinandersetzung mit den Gefolgsleuten König Lothars, die sich einstweilen in die Stadt zurückgezogen hatten. Und damit sind wir bei dem ersten tatsächlich so benannten Turnier auf deutschem Boden bereits im welfischen Umkreis angelangt.

Zwar gab es vorher schon Kampfübungen als spielerisches Training, doch bald werden Todesfälle zuhauf vermeldet, und die Kette der Unglücksfälle reißt auch im folgenden  Jahrhundert nicht ab. Für das mittlere Elbegebiet berichtet eine Chronik von sechzehn Turnieropfern innerhalb des Jahres 1175. Wenn die Nachricht stimmen sollte, könnten wir von dieser vereinzelten Mitteilung ausgehend auf eine beträchtliche Anzahl von Turnieren auch in den anderen Landschaften schließen. Und wir können uns ausmalen, wie es dann erst im Machtbereich Heinrichs des Löwen ausgesehen haben mag. In solch einen Zusammenhang gehört eine Nachricht über einen Unglücksfall in Lüneburg im Jahre 1178: Der Obotritenfürst Pribislaw, inzwischen ein treuer Lehnsmann des Herzogs, wird bei einer Turnierveranstaltung tödlich verletzt. Damit haben wir den eindeutigen Beleg dafür, daß Reiterspiele auch am Welfenhof geübt wurden.

Zeugnisse aus Nordfrankreich und Flandern müssen uns weiterhelfen, um zu klären, was nun das neue „turnoimentum“ ausmachte. Es handelte sich demnach um einen Gruppenkampf zweier Scharen, die zu Pferde und mit scharfen Waffen antraten. Gegenüber der echten Fehde traf man zwei Beschränkungen: abgegrenzt wurden Bezirke, in denen die Parteien vor Verfolgung sicher waren und in die man die „Gefangenen“ brachte. Die zweite Beschränkung bezog sich auf den „Spieleinsatz“, der zumeist auf Pferd, Rüstung und Waffen begrenzt wurde. Schon bei diesem Einsatz ist mancher arm geworden. Andere kamen zu solchen Turnieren, um materielle Gewinne im wahrsten Sinne des Wortes nach Hause zu tragen. Formelle oder standesmäßige Teilnahmebeschränkungen gab es im 12. Jahrhundert offenbar noch nicht.

Für die Durchführung war freies Feld nötig, schließlich sind Teilnehmerzahlen von 500 oder mehr Rittern bezeugt. Und so wird es beschrieben: „Welch ein Schauspiel hätte sich dir geboten! Die in voller Rüstung im Scheinkampf sich einübenden Krieger, auf kleinstem Raum schwenkende wilde Rosse, sich aufeinanderstürzende Krieger zu Pferd, krachend brechende Lanzen! Was für ein Geschrei hättest du gehört von Verfolgern und Verfolgten! Kunstvoll vorgetäuschtes Fliehen hättest du erblickt, plötzliches Kehrtmachen der Fliehenden und jähen Wandel des Glücks bei denen, die den Angreifern schon im Rücken waren, Krieger, bald in dichtem Rudel, bald plötzlich sich auseinanderziehend, um durch scheinbares Zurückweichen den Angreifer in eingebogener Front zu empfangen und durch Einschwenken der Flügel zu umfassen, tausend Künste, tausenderlei Täuschungsmanöver gab es zu lernen.“ (Lebensbeschreibung Alberos von Trier, um 1150, nach J. Bumke.)

Entscheidend war der Angriff in geschlossenen Formationen. Wenn sich die Gruppen schließlich ineinander verkeilt hatten, wenn das Turnier „stand“, setzte der Schwertkampf in voller Härte ein, wobei häufiger auch die Knappen beisprangen, die mit eisenbewehrten Keulen dazwischenschlugen. Ziel war die Entwaffnung und Entführung des Gegners in die eigenen Schranken. Hemmungen im Waffengebrauch gab es nicht, so lange nicht, bis der Ritter sich ergab. -- Das Gefecht zog sich meist über den ganzen Tag hin. Die Kampfbahn war hinterher übersät mit kostbaren Ausrüstungsstücken. Und spätestens jetzt kamen auch die Knappen, Knechte und Ausrufer zu ihrem Vorteil, die viele Stücke als Geschenk erlangten, um dann den Ruhm des Gönners laut zu verkünden.

Die Form des ritterlichen Massenkampfes mit scharfen Waffen war zweifellos die extremste, gefährlichste Phase des Turnierwesens. Seit dem Anfang des 13. Jahrhunderts können wir beobachten, wie das Turnier allmählich eine maßvollere, höfische Form annimmt. Vor allem die Tjost setzt sich jetzt durch und trägt mit ihrem Charakter des Zweikampfes zur stärkeren Hervorhebung der Individualität bei. Bei der Tjost galoppieren zwei Ritter mit eingelegten Lanzen und vollem Anlauf aufeinander zu. Es gilt, den Gegner aus dem Sattel „zu heben“ -- splitternde Lanzen, berstende Schilde, ein Bild von Kraft und Gewalt. Auch dem Publikum kommt nun eine entscheidende Rolle zu.

Natürlich war das erotische Moment bei den Turnieren immer gegenwärtig, zumal bei der jungen Form Tjost, Tjoste. Bereits im 19. Jahrhundert vermutete der Kulturhistoriker Alwin Schultz die Abfolge: Turnier, Bad, Bett und Beischlaf. Fragt sich nur, ob sein Beleg für den Einzelfall oder die Normalität steht -- wird eher Wunsch oder Realität gespiegelt? Recht sicher scheint zu sein, daß der umsichtige Gastgeber nach dem „turnei“ für eine Badegelegenheit sorgte. Berichtet wird auch, daß die Ritter nachher beisammen saßen, um den Spielverlauf zu kommentieren -- und um besondere Taten zu rühmen.

Was die Bedeutung des Turniers für den einzelnen wie für die höfische Gesellschaft dann im „Herbst des Mittelalters“ ausmachte, hat Johan Huizinga zusammengefaßt: Es war der Traum von Heldentum und Liebe, in dem sich sinnliches Verlangen und eine anthropogene Disposition trafen. „Gerade der ausgesprochen erotische Charakter fordert blutige Heftigkeit.“ Dem Turnier als festliche Darstellung der führenden Gesellschaftsschicht, die sich gleichsam wie in einem Theaterstück selbst inszeniert, kommt eine Bedeutung zu, die gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Zum Niedergang des Rittertums in seiner militärischen Bedeutung trug die fatale Neigung bei, auch den Krieg als Turnier zu verstehen. Und was geschah, als sich die Gegner, ob nun heimtückischer Adel oder geübte Bogenschützen, Bauernheere oder Söldnertruppen, nicht mehr an die Spielregeln halten wollten? Die katastrophalen Niederlagen häuften sich! Das Lob der alten Zeit hören wir, wenn Joinville rückblickend auf den Kreuzzug Ludwigs IX. von Frankreich verherrlichend schreibt (um 1300): „Wißt, daß es eine schöne Waffentat war, denn man schoß nicht mit Bogen und Armbrust, sondern es wurde Leib an Leib gekämpft mit Streitkeulen und Speeren.“

 

 

Robert Slawski


geboren 1958, aufgewachsen in Hamburg und in der Lüneburger Heide.  Studien in Geschichte und Geografie; seit 1982 als Dozent in der Erwachsenenbildung tätig. Kurse und Exkursionen, also dialogische Formen der Vermittlung, prägen bis heute die geistige Haltung des Autors. Dieser Text entstammt seinem Buch "Im Zeichen des Löwen", Zelter-Verlag Braunschweig.

 

 


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