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Eine Frage von Macht und Politik
War Heinrich der Löwe wirklich der weit voraus denkende Wirtschaftspolitiker? Der Chronist Helmold von Bosau sah das so: „Der Herzog aber sandte Boten in die Hauptorte und Reiche des Nordens, Dänemark, Schweden, Norwegen und Rußland, und bot ihnen Frieden, daß sie Zugang zu freiem Handel in seine Stadt Lübeck hätten.“
von Robert Slawski
Der Welfe hatte lange um diesen günstigen Handelsplatz ringen müssen. Sein eigener Lehnsgraf behielt die für Seeschiffe geeigneten Hafenanlagen am Zusammenfluß von Trave und Wakenitz lieber für sich. Bitten und Drohungen des Herzogs halfen zunächst nichts, weder die Salinenverschüttung in Oldesloe noch das von ihm verhängte Marktverbot über die schon bestehende Ansiedlung brachten ihm einen Erfolg. Seine Konkurrenzgründung, die weiter landeinwärts gelegene „Löwenstadt“, kümmerte vor sich hin, da größere Schiffe hier nicht hingelangen konnten. Schließlich jedoch gab Graf Adolf nach. Nun, im Jahre 1159, wurde mit großer Tatkraft das neue Lübeck angelegt. Das oben angeführte Zitat gehört in diesen Zusammenhang.
Für den Ostseehandel war das noch nicht alles: Heinrich der Löwe beendete die Seeräuberei, zudem wissen wir von einem Handelsvertrag mit Nowgorod und von Abmachungen für die Kauf“|leute auf Gotland. Auch wenn die Triebkraft hinter diesen Maßnahmen nur der Eigennutz gewesen wäre, die Spekulation auf die zu erwartenden Einnahmen: Man muß anerkennen, daß damit günstige Bedingungen für Handel und Gewerbe entstanden, die dann den wirtschaftlichen Aufschwung nach sich zogen. Auch die übrigen Stadtgründungen des Welfen sind unter dem Gesichtspunkt eines sich intensivierenden Fernhandels zu betrachten. Und auch in anderen Fällen läßt sich die Anwendung zweifelhafter Mittel erkennen, wie sie der Löwe im Falle Lübecks eingesetzt hatte, um seine Ziele zu erreichen.
Der Marktort München verdankt seine Entstehung einem unverhüllten Gewaltakt. Die große Salzstraße von Österreich nach Oberschwaben querte bei Föhring die Isar, an der Zollstation war eine größere Siedlung entstanden. Für deren Bedeutung spricht, daß hier Münzen geprägt wurden. Heinrich der Löwe läßt Brücke und Ort kurzerhand zerstören und einen neuen Übergang auf eigenem Gebiet einrichten, etwa zwei Kilometer flußauf gelegen. Die erhobenen Wegegelder gelangten nun in seine eigene Kasse. Selbst der Kaiser mußte sich mit der Angelegenheit beschäftigen, denn der geschädigte Bischof Otto von Freising beklagte sich bitter. 1158 wurde ihm ein Drittel der Einnahmen zugesprochen, die Gewalttat als solche war damit legitimiert.
Das nicht gerade rücksichtsvoll zu nennende Vorgehen, das zur Gründung der Städte Lübeck und München führte, läßt sich im Rahmen einer Logik verstehen, die den eigenen langfristigen Nutzen im Auge hatte. Dem gegenüber kann man eine ganze Reihe von Siedlungen nennen, die Heinrich in Schutt und Asche legte, lediglich um den wirtschaftlichen Rückhalt seiner jeweiligen Gegner zu schwächen. Diese Angriffe fanden im Rahmen von umfassenderen Kriegshandlungen statt.
In der Frage der Eroberung und Zerstörung war der Herzog einige Zeit bei seinem Vetter Barbarossa in die Lehre gegangen. Während des ersten Italienzuges 1154/55, der Friedrich I. die Kaiserkrone einbrachte, konnte der Welfe die Vernichtung der Städte Chieri, Asti und Spoleto tätig miterleben. Heinrichs eigene Verwüstungsspur führt hauptsächlich durch Ostsachsen. Im Verlauf der Kämpfe von 1166--68 war es jedoch erst einmal Bremen, das ziemlich zu leiden hatte.
In den Auseinandersetzungen mit dem Askanier Bernhard wurde 1175 Aschersleben bis auf den Grund zerstört. In den Jahren 1179 und 1180 verwandelten sich Halberstadt und Calbe a. d. Saale in ein Trümmerfeld. Ebenfalls in diese Zeit gehört die Verwüstung der thüringischen Städte Nordhausen und Mühlhausen. Die meisten dieser Orte erholten sich dann doch wieder, trotz ungeheurer Schäden. Dieser Sachverhalt spricht für die mittlerweile ausgeprägten Traditionen und die gute Wahl des Platzes, die den Neuanfang genau an alter Stelle als sinnvoll erscheinen ließen.
Auch die Städte Heinrichs des Löwen sind wiederholt Ziele von Angriffen gewesen. Sehen wir einmal von der Verwüstung Hannovers durch Heinrich VI. ab, so ist ein bemerkenswertes Zerstörungswerk für Haldensleben zu verzeichnen. Eine harte Belagerung konnte der stark befestigte Handelsplatz im Jahre 1179 überstehen, der zweite Versuch durch Erzbischof Wichmann von Magdeburg im Frühjahr 1181 gelang durch die damals ganz neue Technik der Überflutung. Wichmann ließ die Siedlung, die sich zur Konkurrenz von Magdeburg entwickelt hatte, vollständig zerstören.
Die eigentliche Hauptstadt des Welfen, Braunschweig, hielt mehrfachen Eroberungsversuchen stand. Daß die neuen welfischen Handels“-plätze mit starken Befestigungen versehen wurden, fiel schon den Zeitgenossen auf, die Chronisten sprechen davon. Während andere noch offene Märkte anlegten, schuf der Herzog mauerumwehrte Städte.
Noch einmal gefragt: Heinrich der Löwe als Friedensfeind und Zerstörer, ein Gewaltmensch, als den ihn seine Gegner hingestellt haben? Um des gerechten Urteils willen suchen wir nach Fällen, die auch anderes zeigen. Zum Beispiel der Verzicht, die slawische Festung Demmin durch Feuer zu vernichten, wozu ihm einer der technischen Fachleute nach längerer erfolgloser Belagerung geraten hatte. Nach dem zeitgenössischen Bericht wollte der Herzog eine erbitterte Feindschaft vermeiden, und gerade deshalb bemühte er sich, doch noch eine Verhandlungslösung zu erzielen. Oder aber die von Heinrich genehmigte kampflose Übergabe der Stadt Lübeck im Jahre 1181, als sich sein großes Spiel um den Vorrang vor dem Kaiser schon zu seinen Ungunsten neigte. Blinde Zerstörungswut ist das ersichtlich nicht.
Als Fazit ist festzuhalten: In der Politik des Löwen spielte Gewalt eine nicht unbeträchtliche Rolle. Darin drückt sich kaum ein Unterschied zu den übrigen fürstlichen Herren aus, allenfalls im Umfang -- und im Erfolg -- der Maßnahmen. Die Zerstörung von Städten war Mittel zum Zweck, nie Selbstzweck. Mit einer Ausnahme: Bardowick. Dessen Vernichtung kann als Akt der persönlichen Rache bezeichnet werden.
Die Aktion war so durchgreifend, daß kaum jemand weiß, wo dieser Ort, in dem schon zur Zeit Karls des Großen ein „internationaler“ Handel blühte, überhaupt zu suchen ist. Heute gelangen wir zehn Kilometer nördlich von Lüneburg in einen Marktflecken, aus dessen Gemüsefeldern eine große Kirche, der später wiederaufgebaute Bardowicker Dom, hervorragt. Eine kleine Löwenfigur am Südportal des Gotteshauses dient als Erinnerung an die Ereignisse des Jahres 1189. „Die Spur des Löwen“, so heißt es in lateinischen Worten, die darunter geschrieben sind.
Was wir genau wissen: Der Herzog belagerte und bezwang die damalige Stadt, glaubhaft wird von der Totalzerstörung berichtet. Die männlichen Bewohner sollen anschließend verschleppt worden sein. Worin der Grund für diesen Haß zu suchen ist? Eine Erzählung berichtet, die Bardowicker hätten dem Herzog, als er auf dem Weg in die Verbannung an ihren Toren vorbeizog, üble Schmähungen mitgegeben. Vielleicht stimmt es ja, wenigstens so ungefähr.
Wohl schon vor dem fatalen Ende der damaligen Stadt Bardowick wurde der großzügige Ausbau Lüneburgs in die Wege geleitet. Die Bedeutung dieses Ortes beruhte auf der Kalkberg-Burg, als welfische Nebenresidenz häufig besucht, und vor allem auf der Saline, der Salzgewinnungsanlage, die man als einen frühen Industriebetrieb auffassen muß. Die Wohnquartiere am Fuß des Berges und am Ilmenaufluß bildeten eine Art von Streusiedlung. Im Verlaufe des 13. Jahrhunderts werden die Flächen zwischen der alten Burgsiedlung und der Ilmenaubrücke, der Saline und dem Hafen dann vollständig in städtische Nutzung genommen.
Und wie ging es mit den Heinrichs-Städten weiter? Im Verlauf des Spätmittelalters haben sie sich ihrer Stadtherren entledigt, der Weg wurde frei zur „hansischen“ Selbständigkeit der Bürger. Diese Zeit endete fast überall mit dem dreißigjährigen Krieg, manchmal etwas früher, manchmal wenig später. Lübeck jedoch blieb eine Stadtrepublik bis ins Jahr 1937. Lüneburg können wir seit der Zeit des Absolutismus unter die einfachen Landstädte rechnen, der damalige Bedeutungsverlust kommt dem heutigen Stadtbild zugute. Göttingen erhielt 1736 seine Universität. Braunschweig und Hannover, Schwerin und München stiegen zu fürstlichen Residenzen auf.
Für die letzten 150 Jahre ist ganz summarisch festzuhalten: Je bedeutender diese Städte inzwischen geworden waren, desto umfassender fiel der moderne Wandel aus. Industrialisierung und zweiter Weltkrieg, Sozialismus oder Wirtschaftswunder haben ihre Spuren hinterlassen. Die vom Herzog geförderten Städte besitzen nach 800 Jahren jeweils ein ganz eigenes Profil. Vom kleinstädtischen Charme bis zum mondänen Hauch einer Metropole und vom reizvollen alten Stadtpanorama bis zur Großstadt mit historischen High-Lights ist alles vertreten. Für eine Besuchsreise wären wohl einhundert Gründe oder auch noch mehr anzuführen.
Für den Erfolg der Städtepolitik Heinrichs des Löwen kann man die gedeihliche Fortentwicklung selbst als Indiz nehmen. Aber mehr noch, die damaligen Gründungs- und Ausbauvorgänge prägen bis heute das Stadtbild: Das Grundmuster der Straßen und Plätze im inneren Stadtbereich hat sich fast immer erhalten, die damals begonnenen großen Kirchen bilden noch heute die sichtbaren Dominanten. Wer dem Braunschweiger Bohlweg zum Hagenmarkt folgt, in Lübeck von St. Marien in die Breite Straße einbiegt, in Lüneburg die Bäckerstraße entlangschlendert, um vom Sande zum Rathaus zu gelangen, der bewegt sich auf den unter Herzog Heinrich angelegten Wegen. Doch wer weiß das?

Robert Slawski
geboren 1958, aufgewachsen in Hamburg und in der Lüneburger Heide. Studien in Geschichte und Geografie; seit 1982 als Dozent in der Erwachsenenbildung tätig. Kurse und Exkursionen, also dialogische Formen der Vermittlung, prägen bis heute die geistige Haltung des Autors. Dieser Text entstammt seinem Buch "Im Zeichen des Löwen", Zelter-Verlag Braunschweig.
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