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Die Liebe kommt dann später!
Das Mittelalter faßt die Liebe, im Sinne von herzlicher Zuneigung, als eine Folge der Ehe auf, nicht als ihre Voraussetzung. Ein seltenes Beispiel, wie damals Eheanbahnung und Eheschließung verlaufen konnte, liefert Wernher der Gartenaere. Schauen wir ein Weilchen zu.
von Robert Slawski
„Hört nur, wie er sie begrüßte: „Willkommen, Frau Gotelind!“ Sie sprach: „Vergelt's Gott Herr Lämmerschling!“ Nun gingen freundliche Blicke zwischen beiden hin und her. Er sah hinüber, sie herüber. Lämmerschling schoß mit artigen Worten einen Pfeil auf Gotelind ab, und sie vergalt es ihm mit fraulichen Reden, so gut sie es verstand. Nun wollen wir Gotelind dem Lämmerschling zur Frau und Lämmerschling der Gotelind zum Mann geben. Da stand ein alter Mann auf, der verstand sich aufs Reden und wußte, wie man das macht. Er stellte sie beide in einen Kreis und sprach zu Lämmerschling: „Wollt ihr Gotelind zur Ehe nehmen, so sagt Ja“ ... Nun sprach er zu Gotelind: „Wollt ihr Lämmerschling gern zum Mann nehmen?“ (Die Frage wird jeweils dreimal wiederholt, dann folgt die Verkündung des Ehebundes.) Da fingen alle an zu singen, und er trat ihr auf den Fuß.“
Die abschließende Handlung symbolisiert den Beginn eines Herrschaftsverhältnisses des Mannes über die Frau. Das frisch getraute Paar des 13. Jahrhunderts hatte damit keine Probleme, die Festgesellschaft hielt es für normal, und an der rechtlichen Unterscheidung der Geschlechter war eben nicht zu zweifeln. An uns ist es, die andersartige Auffassung wahrzunehmen: Herrschaft bedeutete damals zugleich auch eine direkte Verpflichtung zum Schutz.
Wie der Handlungsspielraum und die Rollenverteilung innerhalb der Ehe ausgesehen haben, ist eine ganz andere Frage. Die Vorstellung, das Eheweib habe in erster Linie den Mann zu umsorgen, findet sich in jener Zeit noch nicht.
Wenn die Frau einerseits vom politischen Leben weitgehend ausgeschlossen blieb, so sah man doch andererseits das Haus in wirtschaftlicher Hinsicht als die ihr zufallende Sphäre an. Tägliche Erfordernisse in Haus und Hof, für Nahrung und Gewerbe, bestimmten die tatsächliche Aufgabenteilung. Beim Adel stellte sich der Alltag in ganz anderer Weise dar. Eine klerikale Schrift führt Erziehungsziele für adlige Mädchen auf: Die Vorbereitung auf das Leben an der Seite eines Mannes umfaßte dabei Anweisungen, wie die Herrschaft über das Gesinde mit Umsicht auszuüben sei.
Partizipation der Ehefrau auch an der politischen Herrschaft finden wir im Hochadel weit häufiger, als gemeinhin angenommen wird -- wiederum bestimmt von praktischen Erfordernissen. Herzog Heinrich der Löwe übergab seiner ersten Gemahlin bei längerer Abwesenheit die aktuellen Verwaltungsgeschäfte, Frau Clementia hatte sogar einen Bischofskandidaten auszuwählen. Genauso sehen wir die zweite Gattin Mathilde, während der abermaligen kurzen Verbannung des Herzogs im Jahre 1180, in der Rolle einer Regentin.
Für die nähere Bestimmung dessen, was „Ehe“ damals bedeutete, entsteht die erste Schwierigkeit schon dadurch, daß ein Großteil der Zeugnisse aus geistlicher Feder stammt. Da gab es eine lange Tradition, beginnend mit Paulus, die den Frauen eine nur geringe Rolle zuerkannte. Dennoch: Im 12. Jahrhundert sind deutliche Ansätze zu einer Neubestimmung festzustellen. Die Argumentationslinien verändern sich in einigen entscheidenden Punkten, nun wird beispielsweise die Erschaffung Evas aus der Rippe Adams als Zeichen für eine Gleichrangigkeit interpretiert.
Die Geistlichen hatten jedoch noch ein spezielles Problem, es war der seit dem 11. Jahrhundert nicht nur für Mönche und Nonnen eingeforderte Zölibat. Angesichts des postulierten Verzichtes auf die eigene Sexualität wundert es nicht, wenn „die Frau“ als die Versuchung schlechthin dargestellt -- und abgelehnt -- wurde. Die Bauern beurteilten die verordnete Ehelosigkeit übrigens ziemlich kritisch: Wie eine Quelle aus dem Elsaß berichtet, gönnte die Landbevölkerung jedem Priester seine „Beischläferin“, um die eigenen Frauen und Töchter vor Nachstellungen zu bewahren.
Machen wir es wie Berthold von Regensburg, Franziskanermönch und wortgewaltiger Volksprediger, und schicken die geistlichen Theoretiker einschließlich der Mönche und Nonnen nach Hause. „Alle die keusch leben, sollen nach Hause gehen. Ich möchte nicht, daß ein Geistlicher hier bleibt. Sie sollen nicht hören, was ich mit diesen Eheleuten zu reden habe.“ Und was hatte er seinem städtischen, meist aber bäuerlichen Publikum zu sagen? „Du sollst sie niemals an den Haaren ziehen und sie nicht schlagen, auch wenn es dir schwerfällt ... Du sollst sie wie dich selbst mit Kleidern, Essen und Trinken ausstatten. Sie hat Gott in ihrem Herzen, darum soll sie dir gleichgestellt sein.“
Und daß die Frau kein sexuelles Freiwild darstellt: „Wenn eure Hausfrau zu euch sagt, mir tut der Kopf weh, dann bedrängt sie nicht und seht zu, daß ihr sie nicht anrührt.“ Letztlich sind die patriarchalen Verhältnisse dann aber doch wieder hergestellt, wenn es der Frau nicht gelingen sollte, ihm sein Verlangen auszureden. Im Grundsatz machte der Prediger aber keine Zugeständnisse: Ehebruch sei für Frau und Mann eine schwere Sünde.
Will man allgemeingültige Aussagen treffen, so stellen sich bei der Beurteilung der mittelalterlichen Verhältnisse bis heute unüberwindbare Probleme. Was galt damals als normal, was wurde „gelebt“? Auch die sogenannten Bußbücher helfen kaum weiter. Unter den beschriebenen Vergehen finden wir ungewöhnliche Praktiken, Untreue, unstandesgemäße Verhältnisse, Homosexualität. Über den tatsächlichen Umfang der Vorkommnisse erfahren wir nichts. Bleibt nur die Feststellung, daß es all dies gegeben hat.
Was die seelische Dimension angeht, so finden wir gelegentlich auch Berichte, die aus heutiger Zeit stammen könnten. Die Interpretation der Minnelyrik birgt allerdings die nächste Schwierigkeit. Das 19. Jahrhundert nahm die in Versform verpackten Bilder von Rittern, die sich in Sehnsucht verzehrten, noch wörtlich. Die heutige Forschung betont den fiktionalen Charakter dieser Art von Dichtung.
Wahrscheinlich wurden die Lobpreisungen der holden Weiblichkeit von den Sängern einem Adel entgegengehalten, der sich im Alltag zumeist einer genau entgegengesetzten Haltung befleißigte. Die höfische Kultur kann möglicherweise unter einem anderen Blickwinkel besser erklärt werden: als Abgrenzung gegenüber den Unterschichten! Nicht zuletzt durch die Lieder und ihre Aufführung gewinnt eine dem (hohen) Adel angemessene Umgangsform ihre Konturen. Das Gegenbild wird durch den Begriff der „Dörperheit“ ausgedrückt, zu verstehen als Rückständigkeit, das Verhalten der Bauern eben, ungepflegt, ungesittet, tölpelhaft. Darunter fiel zum Beispiel eine wenig elegante, fast unverhüllt von Verlangen bestimmte körperliche Annäherung.
Nach der Analyse von Norbert Elias werden zuerst in den höfischen Kreisen Verhaltensmuster üblich, die einer Spontaneität in den Gefühlsäußerungen und Empfindungen entgegenwirken. Der Prozeß der Zivilisation als eine zunehmende Selbstkontrolle! Elias rechnet dazu auch die Verlagerung der Sexualität in den Intimbereich. Über die Jahrhunderte zu verfolgen ist der Verlust an unbekümmertem Verhalten bei der Nacktheit ebenso wie für das Schneuzen und andere körperliche Bedürfnisse. Im Mittelalter jedoch, wo sich häufig mehrere, sogar fremde Menschen das Bett teilten, kann die Zeugung von Kindern genauso wie das Sterben zu den Alltagswahrnehmungen gerechnet werden.
Sicher zu konstatieren ist ein umfassender Wandel im 12. Jahrhundert: Die Liebe avanciert zum Thema, die seelische Beziehung zweier Menschen kommt in vielfältiger Weise zur Sprache. Natürlich in der Lyrik und in der epischen Literatur. Daneben erfährt die „Liebeskunst“ des Ovid eine ungeahnte neue Wertschätzung, lehrhafte Erörterungen entstehen, selbst wissenschaftliche Traktate. Das wohl erstaunlichste Werk dieser Gattung stammt von Andreas Capellanus.
Bis auf den heutigen Tag ist nicht recht klar geworden, ob der Kaplan, der in einen Kreis von (jungen) französischen Intellektuellen gehörte, den Frauen freundlich oder feindlich gegenüberstand. Nach einer gründlichen Erörterung, in der die Rollen durchaus gleich verteilt sind, präsentiert er zum Abschluß fast alle Vorurteile seiner Zeit. Sollten diese wüsten Ausfälle gegen das weibliche Geschlecht nur zu einer kirchlichen Legitimation verhelfen? Wenn es denn so war: Genützt hat es nichts, das Buch wurde verboten. Und trotzdem weiterhin verbreitet. -- Obszönität ist aber in der Schrift nirgends festzustellen. Keinerlei Sensationsgier, der eigentliche Akt wird sehr vorsichtig umschrieben.
Wieweit der Informationsstand und die unvoreingenommene Beobachtungsfähigkeit im Hochmittelalter gediehen waren, finden wir bei der durch ihre mystischen Schriften berühmt gewordenen Äbtissin Hildegard von Bingen. Wenn auch die rein biologischen Vorgänge bei der Entstehung des Lebens noch nicht so gut bekannt waren, so liefert die gelehrte Klosterfrau doch eine genaue Beschreibung der physiologischen Vorgänge. Von Wärmeempfindungen und Kontraktionen, kurzum von Lust ist da in aller Deutlichkeit zu lesen. Diese Kenntnis hinderte Frau Hildegard jedoch nicht an der Einforderung dessen, was sie als höchstes Gut betrachtete: die durch die Seele wirkende Liebe. Auch wenn ihre überlieferte Empfehlung zuerst einmal die Gottesliebe meinte.

Robert Slawski
geboren 1958, aufgewachsen in Hamburg und in der Lüneburger Heide. Studien in Geschichte und Geografie; seit 1982 als Dozent in der Erwachsenenbildung tätig. Kurse und Exkursionen, also dialogische Formen der Vermittlung, prägen bis heute die geistige Haltung des Autors. Dieser Text entstammt seinem Buch "Im Zeichen des Löwen", Zelter-Verlag Braunschweig.
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