 |
Reiseziel Orient. Empfang in Byzanz
Stellen wir uns das einmal konkret vor: Jemand will eine Reise unternehmen, für die mindestens ein Jahr einzuplanen ist. Auch wenn das Ziel feststeht und bestimmte Etappen schon festgelegt sind -- was dazwischen liegt, das wird, das muß sich im Verlauf ergeben.
von Robert Slawski
Zuerst die freudige Erwartung, dann auch ein banger Gedanke an die Gefahren. Und was ist alles vorher zu klären? Was soll mitgenommen werden, wie steht es um die Reisebegleitung? -- Man mag jetzt an einen Abenteuertrip unserer Zeit denken, hier jedoch soll von einer Reise berichtet werden, die im Jahre 1172 unternommen wurde. Der Reisende war Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern.
Was bewog den Mann, sich auf eine solche Unternehmung einzulassen? „(Der Herzog) hielt es für ein seiner Seele Heil bringendes letztes Unternehmen, zur Buße seiner Sünden das Heilige Grab zu besuchen, um den Herrn an dem Orte, wo seine Füße wandelten, anzubeten.“ So sagt es uns Arnold von Lübeck, dem wir eine ausführliche Reisebeschreibung verdanken.
Hätten wir jenen Bericht nicht, der in seiner überlieferten Fassung aus dem ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts stammt, bliebe nur das übliche historische „Flickwerk“: eine Urkunde in Regensburg, eine aus Jerusalem, knappe Erwähnung als Chroniknotiz. Der Rest bliebe, wie in vielen anderen Fällen, in völliges Dunkel gehüllt. Ein glücklicher Zufall, daß der Abt des Lübecker Marienklosters zur Feder gegriffen hat, und er ist auch über Details gut im Bilde. Sehr wahrscheinlich war er selbst einer der Teilnehmer der Pilgerfahrt, vielleicht gehörte er damals als Benediktinermönch in die Begleitung des Abtes Heinrich aus Braunschweig.
Vor der Abreise müssen die politischen Verhältnisse geordnet werden. Am besten, man nimmt die vormals größten Gegner für das gottgefällige Unternehmen in die Pflicht: Erzbischof Wichmann von Magdeburg wird von Heinrich dem Löwen zum Statthalter bestimmt. Ehefrau Mathilde bleibt wegen Schwangerschaft in Sachsen. In den ersten Tagen des Januars kann der Herzog aufbrechen.
Während sich der Troß in Bewegung setzt und Richtung Süden zieht, können wir uns die Reisegesellschaft näher ansehen. Zu ihr gehören Bischof Konrad von Lübeck, die Äbte Heinrich und Berthold, an weltlichen Herren der Obotritenfürst Pribislaw, Gunzelin von Schwerin, weitere Grafen und Edelfreie. Die wichtigsten Hofbeamten sowie eine große Zahl anderer Dienstmannen des Welfen waren mit von der Partie. Die Zahl der Ritter im Gefolge des Herzogs kann auf etwa 500 geschätzt werden, was eine ungefähr dreimal so große Gruppe abgab, die sich auf den Weg machte. Es sei gleich angefügt, daß in Wien ein weiterer Trupp hinzustößt: Bischof Konrad von Worms reiste für den (westlichen) Kaiser in diplomatischer Mission nach Konstantinopel. Für weite Wege tat man sich zusammen.
Von Regensburg, wo Heinrich einen Hoftag hält, nach Wien; Besuch am Grab der Mutter im Kloster Heiligenkreuz. Der Herzog von Österreich will ebenfalls nach Ungarn. Man reist bequem, denn Heinrich Jasomirgott besorgt Boote. Unterdes zieht der Troß am Ufer mit. So vergeht Tag um Tag.
In Gran, der ungarischen Königsstadt, herrschen Trauer und Bestürzung. Der junge Herrscher Stephan war ganz unerwartet gestorben. In der allgemeinen Verwirrung läßt sich zunächst kein Wegbegleiter auftreiben, wie Arnold berichtet. Wir hingegen erkennen, wie die Reise ins Unbekannte organisiert werden sollte. Ortskundige „Wegweiser“ waren unbedingt nötig, und eine offizielle Sicherheitsgarantie, wenn nicht gar eine Eskorte, war angebracht. Die geistlichen Würdenträger wenden sich an ihre einheimischen Kollegen, die ihrerseits für eine angemessene Begleitung des Pilgerzuges sorgen.
Bis zur Grenze des byzantinischen Reiches, wo ein Gesandter den Zug schon erwartet, weiter auf der Donau. Außer einer Havarie in Stromschnellen -- Rettung schwimmend -- keine besonderen Vorkommnisse.
Die nächste Etappe zerrt allen an den Nerven. Dem Herzog geht es zu langsam, das Nötigste wird von Packwagen auf Pferde umgeladen. Das Gebiet heißt „Bulgarenwald“. Hier konnte auch ein Geleitrecht nichts bewirken, die Warnungen waren ernst zu nehmen. Der nächtliche Angriff der Serben traf auf umsichtige Vorkehrungen. Die Räubertruppe wird energisch zurückgeschlagen.
An dieser Stelle müssen wir innehalten. Ein Pilgerzug, bewaffnet? Das war ganz und gar ungewöhnlich. Auch Chronist Arnold empfand es später so und fügt an dieser Stelle eine Rede des Herzogs ein, in der Heinrich seine Abneigung gegen das unfriedliche Verfahren auf dem christlichen Pfade kundtut. Aber die Situation ließ eben keine andere Wahl. Also: „Kämpfen wir tapfer!“
Letztlich taucht bei diesen Ereignissen und angesichts der Bewaffnung wieder die alte Frage auf, ob nicht doch ein Kreuzzug, wenigstens ein bißchen davon, in der Absicht des Welfen gelegen hat. Jedoch spricht alles dagegen: das Auftreten Heinrichs in Byzanz, sein Verhalten in Palästina, der Rückweg mit Freundschaftsbesuch beim Sultan. Bleiben die Waffen. Aber wir erfahren später, wie der Vorrat nach und nach verschenkt wird. Was hätte man denn sonst den Herrschern im Osten anbieten sollen, was diese nicht schon längst besaßen? Die einzigen Güter von beträchtlichem Wert und einer hervorragenden Qualität, die das westliche Europa anzubieten hatte, waren tatsächlich diese Rüstungserzeugnisse.
Der Treck ist nun schon weit voraus, da die Reisegesellschaft zunehmend von der guten Verwaltungsorganisation des byzantinischen Reiches profitiert. Während wir also eilen, den Zug mit unseren Gedanken einzuholen, müssen wir noch über eine Eigenart im Sprachgebrauch bei Arnold von Lübeck nachdenken. Er schreibt nämlich vom „König der Griechen“, wenn er Kaiser Manuel I. von Byzanz meint. Was die griechische Nationalitätszuweisung angeht, so erklärt sie sich aus der dortigen Umgangssprache. Was die Vermeidung des Kaisertitels betrifft, so stehen wir plötzlich mitten im politischen Konflikt zwischen dem westlichen und dem östlichen Kaisertum. Beide sahen sich in der legitimen Nachfolge der römischen Imperatoren, wobei der Anspruch selbst nicht teilbar sein konnte. Wir allerdings müssen dem Byzantiner -- aus unabhängiger Perspektive betrachtet -- einiges mehr an Anrecht zugestehen. Denn dort in „Ostrom“ blieb seit dem Ausbau Konstantinopels im 4. Jahrhundert die antike Tradition ununterbrochen gewahrt.
Am Karfreitag ist Herzog Heinrich vor der östlichen Hauptstadt angelangt. Wenige Jahrzehnte später notiert Gottfried von Villehardouin: „Alle, die Konstantinopel noch nie gesehen hatten, starrten die Stadt an, weil sie nicht glauben konnten, daß es auf der Welt eine so reiche Stadt geben könne. Sie sahen die vielen Türme und hohen Mauern, welche die Stadt umgaben, die reichen Paläste und die hohen Kirchen ... “ Byzanz hatte zwar weite Teile Kleinasiens an die seldschukischen Türken verloren, war aber nach wie vor militärisch und ökonomisch eine Weltmacht.
Der Herzog sendet kostbare Geschenke, vor allem Waffen, und wird am Ostersonntag von Kaiser Manuel mit großem Zeremoniell begrüßt. Arnold: „Als nun der Herzog kam, wurde er glänzend empfangen, und als der Festzug begann, schritt der König in Begleitung des Herzoges einher. Der Pfad war ganz mit Purpur belegt, von oben mit goldbestickten seidenen Decken überhängt, und mit goldenen Lampen und Kronleuchtern verziert. Diesen betraten die versammelten Geistlichen und Bischöfe, begleitet vom Könige, bei welchem der Herzog und die Ritter, das heißt nur die fremden, sich befanden. So kamen sie in ein goldenes Zelt, welches von Gemmen und Edelsteinen von oben bis unten strahlte. Von da kehrten sie auf demselben Wege wieder in die Kirche zurück, wo sich der König auf seinen hohen Thron setzte, der Herzog aber auf einen anderen neben ihn. Dann begann die Messe.“
Die Stätten des Geschehens, das antike Hippodrom (Arena) und die wenig östlich davon gelegene Hagia Sophia prägen sich noch heute im Stadtbild Istanbuls aus. Was dort vor und in der Kirche geschah, läßt sich nur im Hinblick auf das byzantinische Hofzeremoniell vollständig würdigen. Die Bedeutung ist: Kaiser Manuel empfängt Heinrich den Löwen als „Sohn“ oder als „Bruder“. Dem Herrn aus Sachsen wurden königliche Ehren zuteil.
Der Kaiser stellt eines seiner größten Schiffe zur Verfügung, Herzog Heinrich und sein Gefolge vertauschen nun den festen Boden mit den schwimmenden Planken. Die Pferde läßt man in Konstantinopel zurück. Das Ziel der Seefahrt heißt Akkon (heute Akka, Israel). Und dieses Akkon sollte gut ein Jahrhundert später auch die letzte Bastion der abendländischen Christen in Palästina darstellen.
Arnold von Lübeck berichtet uns noch von einem schweren Sturm, den das Schiff und seine Besatzung zu überstehen hatte. Die Errettung erfolgte durch Gottes Hilfe, da war sich der Abt sicher. Wohl in den ersten Maitagen des Jahres 1172 hatte man den Hafen von Akkon erreicht. Die Pilger betraten das Heilige Land.

Robert Slawski
geboren 1958, aufgewachsen in Hamburg und in der Lüneburger Heide. Studien in Geschichte und Geografie; seit 1982 als Dozent in der Erwachsenenbildung tätig. Kurse und Exkursionen, also dialogische Formen der Vermittlung, prägen bis heute die geistige Haltung des Autors. Dieser Text entstammt seinem Buch "Im Zeichen des Löwen", Zelter-Verlag Braunschweig.
|