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18.02.2005

Vom Dunst befreit


 

In seinem Film „Hans im Glück“ zieht der Schweizer Filmessayist Peter Liechti aus, um das Rauchen aufzugeben und denkt gleichzeitig über sein Leben und Land nach.

Von Marguerite Seidel

 

Einen Goldklumpen solange umzutauschen bis ein Schleifstein dabei herauskommt, das ist töricht! Bei aller Sympathie für den liebenswerten Einfaltspinsel Hans im Glück im gleichnamigen Märchen der Gebrüder Grimm: Seine Tauschgeschäfte sind zwar nicht völlig gedankenlos, aber äußerst verlustträchtig.

Hingegen gilt die Aufgabe der Zigarettensucht zugunsten eines sportlichen Fußmarsches als höchst vorbildlicher und den Eigenwert steigernder Schritt, der gesellschaftlich sowie gesundheitlich wirklich zu bejubeln ist. Langfristiges Denken hat nun mal den längeren Atem, sonst könnte man einfach getrost weiterrauchen. Doch das Kurzweilige hat bekanntlich auch seinen Reiz. Und das bekommt Peter Liechti tagtäglich zu spüren. Mit dem Rauchen aufzuhören ist ein hehres Ziel, es zu erreichen dafür umso schwieriger.

Was sich in seinen Lehrjahren fern der Heimat an Lastern angesammelt hat, das will der Filmemacher Peter Liechti nun nach Hause zurücktragen, um seine Sucht begreifen zu lernen und hoffentlich für immer abzustreifen.

Vom Wohnort Zürich aus zieht er los ins heimische St. Gallen, „das Rauchen loszuwerden“. Das tägliche Zigarettenpensum wird kurzerhand durch andere, das heißt filmische Zwänge, ersetzt, die den Rauchtrieb ins Abseits drängen sollen.

Mit Videokamera, Reisetagebuch und entsprechend schlechter Nichtraucher-Laune ausgerüstet, marschiert Liechti los und darf sich nach den selbstauferlegten Regeln ausschließlich zu Fuß und alleine fortbewegen.

In „Hans im Glück“ dokumentiert Liechti sich selbst über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren hinweg bei mehreren Versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören.

 HANS IM GLÜCK.
VON EINEM DER AUSZOG, DAS RAUCHEN LOSZUWERDEN (Schweiz 2003, Dok-Essay)

Produktion, Buch, Kamera, Text: Peter Liechti
Schnitt: Tania Stöcklin
Stimme: Hanspeter Müller
Mit: Anni Kugler, Altersheim Rotmonten, St.Gallen; Joseph & Helen Hautle, Enggenhütten, Appenzell; Max & Hedi Liechti, St.Gallen; Emil Haas, Brülisau, Appenzell; Herr Peterer & Mäxli, Appenzell; Herr Brülisauer, Kantonsspital St.Gallen; Norbert Möslang & Andy Guhl, St.Gallen; Voice Crack/Hecker, Zürich; Streichmusik Weissbad, Bollenwees AI; Michael Neff-Quartet, Appenzell
Laufzeit: 90 min.
Starttermin: 24. Februar 2005

Insgesamt drei Mal muss er den Weg nach St.Gallen auf immer neuen Routen finden und sich dabei nicht nur mit dem Rauchen auseinandersetzen, sondern auch mit seiner Schweizer Heimat und vor allem mit den Launen und Selbstbefragungen eines einsamen, nicht mehr ganz jungen Wanderers.

Zufällige Begegnungen, gefundene Momente und Ausblicke säumen seinen Weg, die Gedankenausflüge stimulieren oder nur dekorieren. Bissige Kommentare aus dem Off fügen die flüchtig aufgenommenen Bilder zu einer Art Filmtagebuch zusammen, das wesentlich durch die sarkastische, selbstkritische und druckreife Sprache seines Autors getragen wird.

Je länger der Marsch dauert, desto mehr entfernen sich die aneinandergereihten Filmschnipsel von der Rauchsucht, um schließlich doch wieder von einem eingeblendeten Schriftzug abgebrochen zu werden, der den Rückfall verkündet und somit den nächsten Marsch einläutet.
Die Rückfälle sind zwar äußerst bedauerlich für die Gesundheit des Filmemacher, aber für den Film sehr erfreulich, denn gut Ding will bekanntlich Weile haben.

So braucht Liechti alle drei Wanderungen, um eine Entwicklung zu durchlaufen, die mehr Bestand als flüchtig gefilmte Szenerien und Stimmungen hat. Seine Bilder sind dabei jedoch alles andere als willkürlich, sondern ausgesucht und suggestiv. Fern von einem Erziehungsfilm über Zigarettenentwöhnung, der das Thema medizinisch seziert, versucht Liechti sich eher an einer Art Psychogramm des eigenen Raucherdaseins. Momente der Einsamkeit, der Griesgrämigkeit, Gewitztheit, der Zuneigung und Abscheu überfallen den Filmemacher in regelmäßigen Abständen und fordern nicht zuletzt auch die Zuschauer auf, die eigenen Ticks zu befragen.

Abschweifend und assoziativ setzt sich Liechti also weniger mit dem Rauchen, als mit dem Älterwerden auseinander. Er begegnet dabei seinen putzmunteren Eltern, einer alten Frau, die sich im Altersheim trotz oder gerade wegen ihres klaren Verstandes zu Tode langweilt, gestrandeten lungenkrebserkrankten Rauchern, vergnügt an Zigaretten ziehenden Kindern, altersweisen Sennern und wirft dadurch im Vorbeigehen auch einen Blick auf die hassgeliebte Schweiz.

Einem älplerischem Nanni Moretti gleich trifft Liechti bei seinen verschiedenen Exkursionen auf vielerlei Gestalten und kuriose Situationen, die auf die Schweiz ein Zwielicht von charmanter Bodenständigkeit und geschmacklosem Folklorekitsch werfen. In Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen körperlichen Grenzen, der Natur und der heimischen Kultur wird das Rauchen schließlich irgendwie nebensächlich. Was zählt ist, dass die Bilder der Schweizer über die der eklig überquellenden Aschenbecher die Oberhand gewinnen.

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