 Legende vom Widerstand der Physiker
Der Physiker und „Dozentenführer“ Wolfgang Finkelnburg verhalf 1940 Einsteins „jüdischer Physik“ zu Anerkennung. Relativitätstheorie und Quantenmechanik wurden endlich anerkannt
von Christian Meier
Das Telegramm, das Albert Einstein am 22. September 1919 in Berlin erreichte, enthielt eine Sensation. Der Wissenschaftler reichte es, anscheinend ungerührt, der Studentin Ilse Rosenthal-Schneider: „Das wird Sie interessieren“.
Die Studentin brach in Freudenschreie aus: Britische Astronomen hatten bei einer totalen Sonnenfinsternis die Positionen von Sternen am Sonnenrand bestimmt. Ihre Ergebnisse bestätigten die Allgemeine Relativitätstheorie Einsteins, nach der die Masse der Sonne das Sternenlicht ablenkt.
Rosenthal-Schneider, konsterniert ob seiner Teilnahmslosigkeit, fragte den Professor, wie er sich verhalten hätte, wenn keine Bestätigung erfolgt wäre. „Dann“, antwortete Einstein, „täte mir der Herrgott leid. Die Theorie stimmt doch.“ Einstein scherzte. Doch die rasante Entwicklung der theoretischen Physik zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Kritiker auf den Plan gerufen, die bei Theoretikern wie Einstein eine zur Schau gestellte innere Sicherheit und Arroganz ausmachten.
Sie sahen in mathematischen Gedankengebäuden wie der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik naturfremde Abstraktionen. Als „reine“ Theorien erkannten sie nur solche an, die auf geduldiger Naturbeobachtung beruhten.
Philipp Lenard, Physik-Nobelpreisträger von 1905, griff Einsteins Theorie noch 1920 scharf an, als diese längst international anerkannt war. Er betrachtete Gedankenexperimente, auf welchen die Relativitätstheorie gründet, als völlig unnütz. Einstein bezeichnete seine Gegner als „anti-relativistische GmbH“.
Physiker wie Lenard, die für „geduldig beobachtendes Forschen“ eintraten, gerieten angesichts der Erfolge der theoretischen Physik ins Abseits. Einige reagierten mit politischer Radikalisierung. Lenard und Johannes Stark, ein hervorragender Experimentalphysiker und Nobelpreisträger von 1919, begannen zwischen „deutscher“ und „jüdischer“ Physik zu unterscheiden.
Sie behaupteten, nur der nordische Mensch sei zu demütiger Naturbeobachtung fähig, während sich jüdische Theoretiker anmaßend über die Natur stellten. Nicht-jüdische Theoretiker wie Werner Heisenberg, Max Planck und Max von Laue wurden als „Gesinnungsjuden“ und „Judenzöglinge“ herabgewürdigt.
Mit der Machtergreifung Hitlers witterten die „deutschen“ Physiker die Chance, wieder in der Physik Fuß zu fassen. Tatsächlich gelang es ihnen, Einfluss auf Medien des Dritten Reiches zu nehmen und organisatorische Schlüsselstellen zu besetzen.
Zum Beispiel wurde der Lenard-Schüler August Becker Berater des „Völkischen Beobachters“. Stark amtierte zeitweise als Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt und der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 1940 positionierten „deutsche“ Physiker einen ihrer Vertreter, Wilhelm Führer, an einer für die Berufungspolitik zuständigen Stelle im Reichserziehungsministerum.
Wie alle deutschen Hochschulen wurde die TH Darmstadt seit 1933 nach dem Führerprinzip geleitet. Das Amt des „Dozentenführers“ bekleidete dort 1940 der junge Experimentalphysiker Wolfgang Finkelnburg.
Dieser sei kein Ideologe gewesen, betont der Berliner Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann: Finkelnburg habe in der Parteimitgliedschaft vor allem seine Karrierechance gesehen, dabei mit der „deutschen“ Physik ebenso wenig zu tun gehabt wie der mit ihm befreundete Heisenberg. Dennoch wurde Finkelnburg im Spitzelbericht eines „Abwehrbeauftragten“, die Dozenten im Auftrag des „Sicherheitsdienstes“ observierten und beurteilten, neben fachlicher auch politische Eignung für die „Leitung des Vorhabens Peenemünde“ bescheinigt, die er jedoch nie antreten sollte.
1940 stand in München die Neubesetzung des Lehrstuhls von Arnold Sommerfeld an, eines Mitbegründers der Quantenmechanik.
Wunschkandidat der Münchner Berufungskommission war Heisenberg. Doch im Münchner „Dozentenbund“ agitierten „deutsche“ Physiker gegen die Berufung Heisenbergs und erreichten die Einsetzung des ungeeigneten Aerodynamikers Wilhelm Müller.
Dieses Ereignis, das selbst den Nazis nahestehende Forscher als Skandal betrachteten, sieht der Münchner Wissenschaftshistoriker Michael Eckert als Grund dafür, dass Finkelnburg sich entschloß, ein offizielles Streitgespräch bei der Reichsdozentenkammer zu initiieren - vielleicht, um die Agitation der „deutschen“ Physiker ein für alle Mal zu beenden und die moderne Physik ungestört lehren zu können.
Die Seite der modernen Physik vertraten renommierte Wissenschaftler wie Carl Friedrich von Weizsäcker und Otto Scherzer, ein theoretischer Physiker, der mit Berechnungen zur Elektronenoptik die Entwicklung der Elektronenmikroskopie entscheidend beeinflusste. Die modernen Physiker hatten dank ihrer fachlichen Überlegenheit gegen die Vertreter der „deutschen“ Physik leichtes Spiel. Das Münchner Gespräch wurde mit einer Erklärung beendet, in der die Relativitätstheorie und Quantenmechanik anerkannt wurden.
Nach 1945 seien, so Eckert, Legenden um die Münchner Runde gesponnen worden. Otto Scherzer bezeichnete Finkelnburgs Initiative als „Wagnis“. Finkelnburg sprach vom „Kampf gegen die Partei-Physik“.
Die „deutschen“ Physiker, sagt Eckert, seien jedoch eine Minderheit gewesen, zerstritten und bei jenen Nazis verschrien, die um die Kriegswichtigkeit der modernen Physik wussten. „Eine Partei-Physik hat es nie gegeben“, so Eckert. Umgekehrt habe sich die Partei 1937 im „Völkischen Beobachter“ in der Auseinandersetzung der Physiker für neutral erklärt.
Dieter Hoffmann meint, der Streit der Physiker habe vor allem auf fachlicher Ebene stattgefunden, wobei auch persönliche Animositäten eine Rolle gespielt hätten. Erst nach dem Krieg sei die Kontroverse in einen politischen Kontext gestellt worden.
Zwar erhielt Finkelnburg 1945 von Sommerfeld die Bestätigung, er habe sich für die moderne Physik eingesetzt, eine Professur blieb ihm jedoch wegen seiner Funktion als „Dozentenführer“ versagt. Zwischen 1945 und 1947 verfasste er ein Lehrbuch für Atomphysik.
Bis 1952 war er wissenschaftlicher Berater der „Energy and Research Laboratories“ der US-Armee in Fort Belvoir. Danach gelang ihm eine steile Karriere bei Siemens in Erlangen, wo er 1964 die wissenschaftliche Leitung der Entwicklung des ersten westdeutschen Kernkraftwerks in Obrigheim übernahm. Es wurde 1968 in Betrieb genommen, ein Jahr nach Finkelnburgs Tod.

Dr. Christian Meier
ist Physiker und arbeitet freiberuflich als Wissenschaftsjournalist und Wissenschafts-Lektor.  |