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 14 Kreuzer für 20 Liter Maikäfer
„Müller“, „König“ und „Kaminfeger“ - als Einzelgänger ist der Maikäfer ein willkommenes Frühlingssymbol, in der Masse aber ein geächteter Übeltäter: Der Maikäfer führt ein Doppeldasein, seit Generationen ist er der „geliebte Schädling“
von Susanne Heliosch
Was für ein putziges Kerlchen! Die lustigen Fühler, die drolligen Beinchen, die braunen Flügel, mit denen der dicke Brummer „pumpt“ bevor er losfliegt. Wer könnte so einem netten Tierchen den Kopf abbeißen? Unsere Ahnen taten es. Zumindest die abergläubischen. Es hieß nämlich, diese Handlung bringe Glück fürs Jahr, sofern es dabei der erste gesichtete Maikäfer des Frühlings war.
Doch das Krabbeltier mit dem botanischen Namen Melolontha hat seit jeher auch Schrecken verbreitet. Bevor in den 50er-Jahren durch chemische Radikalkuren mit Insektiziden die Population zusammenbrach, richteten die Käfer und noch mehr die Engerlinge verheerende Schäden an, wenn sie in Massen auftraten. Innerhalb weniger Wochen fraßen sie Wälder und Kulturen kahl, vernichteten die Arbeit von Jahren.
Die Obstbaumzucht war besonders betroffen, denn die Käfer gingen auch an die Blüten. Auf den Feldern fielen sie über Rüben, Hanf, Raps, Klee, Kraut und Hülsenfrüchte her, im Garten waren es Erdbeeren und Salat, im Wald die Laubbäume. Und unter der Erde knabberten die Engerlinge an den Wurzeln. In den 20er-Jahren machten Naturbeobachter die Landwirte, Gärtner und Förster verantwortlich für die Plage. Denn man sei gar zu sehr dem Maulwurf zu Leibe gegangen, einem der vorrangigsten natürlichen Feinde des Maikäfers.
Im Mittelalter verwüsteten Maikäfer ganze Landstriche, weshalb ihnen 1320 ein geistliches Gericht in Avignon den Prozess machte und in der Schweiz wurden sie mit einem Bann besprochen, wobei laut Basler Nationalzeitung die letzte Maikäferbeschwörung 1829 gewesen sein soll. Effektiver war das fleißige Einsammeln der Tiere. Noch in den 30er-Jahren wurden oft ganze Schulklassen mit ihren Lehrern abgeordnet. Der Feldzug gegen die Käfer fand in den frühen Morgenstunden statt, wenn sie von der Kühle erstarrt und träge von den nächtlichen Fressgelagen auf den Bäumen ruhten. Bevor die Äste geschüttelt wurden, legte man Tücher aus, um sich das zeitraubende Auflesen zu ersparen. Hinterher gab es oft schulfrei.
Während schlimmen Maikäfer-Invasionen wurden Prämien bezahlt. 1836, dem ersten amtlich aufgezeichneten Maikäfer-Flugjahr, gewährte der Gemeinderat im Amtsbezirk Vaihingen/Enz 14 Kreuzer für 20 Liter Maikäfer. Und in dem berüchtigten Flugjahr 1868 musste der Maikäfer-Vertilgungsverein in Quedlinburg für über 37 Millionen gesammelter Tiere 267 Taler aufwenden.
Was tun mit diesen Massen? Ein spezielles Rezept ist bei Kurt Floericke in dem 1924 erschienen Bändchen „Käfervolk“ notiert: „Da die Maikäfer sehr fett sind, kann man durch Auskochen oder Auspressen ein derbes Öl aus ihnen gewinnen, das als Wagenschmiere oder bei der Seifenbereitung sich verwenden lässt“. Aber am gebräuchlichsten war es, sie mit heißem Wasser abzutöten und mit Kalk zum Komposthaufen zu schichten oder man verfütterte die geschroteten wie die frischen Käfer und Engerlinge an Hühner und Schweine.
Aber auch dem Menschen sollte man diesen Leckerbissen nicht vorenthalten, meinte 1880 Bertha Heyden in ihrem „Kochbuch für feine Speisen“. Denn die Maikäfersuppe, bereitet aus zerstoßenen und in Butter gerösteten Käfern ohne Flügel, abgelöscht mit Kalbfleischbrühe und verfeinert mit Eidotter, sei wohlschmeckender als Krebssuppe. Für eine Portion benötigte man 30 der Krabbeltiere. Na, ob das nicht „gemaikäfert“ ist, also aufgeblasen, aufgepumpt wie ein Maikäfer? Denn „maikäfern“ bedeutete früher umgangsprachlich „sich wichtig machen“. Auch als Scherzname ist „Maikäfer“ einst in den Sprachgebrauch eingegangen. Wurden doch damit die Fußsoldaten des preußischen Regiments geneckt, die in Spandau und in Potsdamm lagen, wo sie immer Anfang Mai zusammengezogen wurden.
Merkwürdig ist, dass die Erinnerung an den Maikäfer so liebevoll ausfällt, obwohl er ein großer Schädling ist. Das mag an seiner Bedeutung als Frühlingssymbol liegen. Schon im 17. Jahrhundert holte man ihn als ersten Frühjahrsboten aus dem Wald. Für Generationen von Kindern war es ein großer Spaß, die Maikäfer in Schachteln zu halten. Und einige Autoren haben dem dicken Brummer ein literarisches Denkmal gesetzt: Etwa Wilhelm Busch mit „Max und Moritz“ oder der Schweizer Dichter J. V. Widmann mit „Die Maikäferkomödie“.
Eine ganz andere Maikäfer-Invasion brach um 1900 ins Land. Das saßen die Maikäfer nicht nur auf den Bäumen, sondern auch auf Postkarten. Es war in Mode gekommen, sich mit der sogenannten Privatpostkarte, die offiziell seit 1890 von der Post befördert wurde, „Fröhliche Pfingsten“ zu wünschen. Das vorrangige Motiv war der Maikäfer. Auf den bunten Lithographien sieht man die Käfer, aufs freundlichste vermenschlicht, etwa beim Picknick, mit einem Gläschen Maibowle prosten sie sich zu, sie schmauchen ein Pfeifchen, angeln am Teich oder treiben Sport. Andere befinden sich auf ihrer Hochzeitsreise in Venedig und schaukeln als Pärchen in einer mit Veilchen geschmückten Gondel.

Susanne Heliosch
1961 bei Ulm geboren. Studierte Kunstgeschichte, Volkskunde und Religionswissenschaft an der Uni Regensburg. Danach Studium der Empirischen Kulturwissenschaft an der Uni Tübingen. Ausstellungsmacherin und Medienpädagogin beim Rundfunk. Seit 1995 freie Journalistin. Bevorzugt Fragestellungen aus Medizin und Forschung, Natur und Umwelt sowie Themen aus der historischen wie zeitgenössischen Alltagskultur. Verfassen von Auftrags-Biografien.
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