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Wenn das Sandmännchen streikt
Nach Schätzungen von Medizinern leiden in Deutschland 15 Prozent der Kinder unter Schlafstörungen. Es könnten erste Anzeichen einer ernsthaften psychischen Störung sein
Von Susanne Heliosch
Der Schlaf spielt für das Lernen und das Gedächtnis eine wesentliche Rolle. Nachts werden Erfahrungen aus dem Wachzustand nacherinnert und verfestigt. Weniger Nutzen aus tagsüber Gelerntem ziehen also diejenigen, die nachts nicht schlafen können oder am Schlaf gehindert werden.
Auch Säuglinge und Kinder können von Ein- und Durchschlafstörungen betroffen sein. Auf sie wirken sich längeranhaltende Schlafstörungen besonders ungünstig aus. Denn der Schlaf ist für die kindliche Entwicklung und Reifung des Gehirns als auch für Wachstum und körperliche Entwicklung von zentraler Bedeutung. So können längeranhaltende Schlafstörungen bei Kindern Wachstumsverzögerungen, Infektanfälligkeit und Konzentrationsstörungen sowie Lernhemmungen und Ängste bewirken.
Es gibt wohl kaum ein Kind, dass nicht über kürzer oder länger Einschlafprobleme hat, unruhig schläft oder den Eltern nachts den Schlaf raubt. Um einschätzen zu können, ob dahinter eine echte Schlafstörung steckt, sind Kenntnisse über die biologischen Schlafrhythmen von Vorteil. Der Schlaf des Neugeborenen ist in den ersten Wochen irregulär. Aktivitätszeiten von 40 bis 60 Minuten wechseln mit drei- bis vierstündigen Schlafphasen ab. Dieses chaotische Muster, das bereits im Mutterleib ab der 30. Schwangerschaftswoche nachweisbar ist, verdichtet sich während des ersten Lebensjahres zu einem regulären Biorhythmus. Im Laufe der Jahre entwickelt sich daraus der Schlaf-Wach-Rhythmus des erwachsenen Menschen. Etwa ab dem zehnten Lebensjahr verringert sich das Bedürfnis nach einem Schläfchen am Nachmittag. Der Schlaf-Wach-Rhythmus des Jugendlichen mit einer einzelnen, gewöhnlich achtstündigen Schlafphase, unterscheidet sich schließlich nicht mehr von dem des Erwachsenen. Erst der alte Mensch kehrt wieder zu einem Schlafmuster mit mehreren Phasen und einem nachmittäglichen Nickerchen zurück.
Kinder schlafen im Vergleich zu Erwachsenen tiefer und länger, sie träumen mehr, reagieren empfindsamer auf Schlafmangel und sie durchlaufen mehrere Schlafphasen. Alle 45 Minuten wiederholt sich eine Phase von Leichtschlaf, dem Tief- und Traumschlaf folgen; bei Schulkindern sind es alle 65, bei Erwachsenen alle 90 Minuten. Kinder werden zwischen den einzelnen Phasen ganz kurz wach und müssen dann wieder in den Schlaf finden – dies geschieht mindestens sechs Mal pro Nacht. Vor Mitternacht erlangen sie am häufigsten ihren Tiefschlaf. Für sie ist er besonders wertvoll, denn in ihm wird ein wichtiges Wachstumshormon ausgeschüttet, die körpereigene Abwehr gegen Krankheitserreger aufgebaut und die tagsüber verbrauchten Körperkräfte wieder hergestellt.
Kindliche Schlafstörungen haben sehr oft keine körperlichen Ursachen, sondern sind Symptome einer gestörten innerfamiliären Beziehung. Belastende Lebenssituationen wie Schulstress oder Familienkonflikte sind hier zu nennen. Oft spielt sich das Einschlafen in einem ungünstigen Spannungsfeld von Machtspielen zwischen Eltern und Kind ab. Auch Bewegungsmangel, falsche Einschlafrituale und zu später Fernsehkonsum zählen zu den Ursachen. Dennoch sollte abgeklärt werden, ob körperliche Motive vorliegen, denn fast jedes Organ kann den gesunden Schlaf beeinträchtigen: Krankheiten der Muskulatur, des Nervensystems, des Magen-Darm-Traktes, des Atemsystems oder auch genetische Leiden.
Dauern kindliche Schlafstörungen länger als drei Wochen an oder treten sie mindestens einmal wöchentlich über mehr als ein halbes Jahr auf, ist der Gang zum Kinderarzt oder einem Schlafmediziner angezeigt. Sie vermitteln Verhaltensmuster, durch die das Kind das Schlafen wieder erlernt. Die Gabe von Medikamenten, auch wenn es sich um pflanzliche Mittel wie Baldriantropfen handelt, sollte überhaupt nicht praktiziert werden, empfehlen Experten. Um den Schlafstörungen auf den Grund zu kommen, wenden Schlafforscher die sogenannte Polysomnographie an, eine Untersuchungsmethode die schon bei Säuglingen möglich ist. Ermittelt wird die sogenannte Schlafarchitektur, die in jedem Alter anders aussieht. Dazu werden Hirn- und Herzstrom, der Kohlendioxidgehalt des Blutes, die Augenbewegungen und die Atmung gemessen. Registriert wird zudem die Aktivität der Atemmuskulatur, die Sauerstoffsättigung, die Körperlage und die Beinbewegung. Ein Schnarchmikrophon verrät schließlich Schlafgeräusche, und der Schläfer wird von einem Video beobachtet. Längeranhaltende Schlafstörungen bei Kindern können sich auf das gesamte Familiengefüge negativ auswirken, sodass erschöpfte Eltern selbst zu Patienten werden. Zwei große Studien belegen, dass sich bei Müttern mit schlafgestörten Kindern nach sechs Monaten das Risiko, an einer Depression zu erkranken, verdoppelt.
Es gibt Schlafstörungen bei Kindern, die das Weiterschlafen erheblich stören, die sogenannten Parasomnien wie Schlafwandeln, Albträume oder Bettnässen. In jedem Alter kommen sie vor, bei Kindern sind sie aber besonders häufig. Diese Unterbrechungen des Schlafvorgangs treten beim Einschlafen und Aufwachen oder beim Wechsel vom einen Schlafstadium ins nächste auf.
Laut Ulrich Rabenschlag, dem Begründer der ersten Kinderschlaf-Ambulanz in Deutschland (Uniklinik Freiburg), sollten Parasomnien nicht nur als bedeutungslose Entwicklungsphänomene abgetan werden, zumindest was das Pubertätsalter angeht. Gemäss Rabenschlag können Parasomnien, wenn sie lange andauern und zusammen mit Ein- oder Durchschlafstörungen auftreten, erste Anzeichen einer ernsthaften psychischen Störung darstellen.
Auch bei Jugendlichen sind Schlafstörungen ein Thema. In diesem Alter nehmen vor allem Einschlafstörungen kontinuierlich zu. Das Schlafbedürfnis in der Pubertät ist groß, trotzdem wird es aus Gründen des Lebensstils oft ignoriert. Das „Nachschlafen“ am Wochenende kann zu Störungen des gesamten Schlafrhythmus führen, was aus lern- und entwicklungspsychologischer Sicht bedenklich ist. Denn dadurch werden wahrscheinlich auch die Weichen für ungünstige Schlafgewohnheiten gestellt, die im Erwachsenenalter zu Schlafproblemen führen können.
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Susanne Heliosch
1961 bei Ulm geboren. Studierte Kunstgeschichte, Volkskunde und Religionswissenschaft an der Uni Regensburg. Danach Studium der Empirischen Kulturwissenschaft an der Uni Tübingen. Ausstellungsmacherin und Medienpädagogin beim Rundfunk. Seit 1995 freie Journalistin. Bevorzugt Fragestellungen aus Medizin und Forschung, Natur und Umwelt sowie Themen aus der historischen wie zeitgenössischen Alltagskultur. Verfassen von Auftrags-Biografien.

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