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Zwischen Mittelerde und Weltraum
"TaH pagh taHbe’. DaH mu’tl Heghvam vlqelnlS.” Das ist nicht etwa Buchstabensalat, sondern einer der bekanntesten Sätze der Weltliteratur: "Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.”
von Josef Tutsch
So nämlich lautet Hamlets Vers im klingonischen "Original", wie vor Jahren in einer "Star-Trek"-Folge zu erfahren war. Seit sich Film und Fernsehen der Erkundung außerirdischer Welten angenommen haben, gibt es auch eine extraterrestrische Linguistik.
Und Klingonisch, das im Auftrag der Filmgesellschaft Paramount entwickelt wurde, gehört mit seiner hochkomplexen Grammatik zu den am besten erforschten Idiomen. Längst sind auf dem Bücher- markt und im Internet ein Lehrbuch und ein Lexikon verfügbar, ein Institut für klingonische Sprache veröffentlicht vierteljährlich das Magazin "HolQed". Natürlich gibt es auch eine zugehörige Schrift, sogar computertauglich aufbereitet. Experten wie die Chemnitzer Germanistikstudentin Corinna Bader warnen jedoch Lernwillige: Wegen der rauen Laute, die im Rachen, am Zäpfchen oder am hinteren Gaumen gebildet werden, können Ausspracheversuche zu Halsschmerzen führen.
Bader hat sich mit "fiktiven" Sprachen beschäftigt, wie sie unserer populären Kultur Mode geworden sind. Übrigens nicht erst seit gestern. Als erstes erfundenes Sprachsystem in der Belletristik gilt das der Sevaramben, eines Volksstamms mit utopisch-kommunistischer Gesellschafts- ordnung, den der Franzose Denis de Vairasse 1677 auf einer Südseeinsel ansiedelte. Geheim- oder Privatsprachen sind natürlich viel älter, bereits in der Antike wurde versucht, Außenstehende durch Verschlüsselung von der Kommunikation auszuschließen. Kinder unterhalten sich von jeher mit Spielsprachen, in denen etwa Silben eingefügt oder vertauscht werden.
Gleich mehrere neue Sprachen entwickelte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts John Ronald Reuel Tolkien für seine Erzählungen aus Mittelerde. Die Elben verständigten sich in älterer Zeit in "Quenya", das Tolkien lautlich und grammatisch dem Finnischen nachgebildet hat (Bader: "wirkt mit seinen nasalen und lateralen Lauten offen und freundlich"), später in "Sindarin", das den keltischen Sprache wie dem Walisischen ähnlich ist ("weniger vokal- und silbenreich, etwas rauer"). Manche Verse ("A Elbereth Gilthoniel ...) sind in der Fangemeinde zu Kultgesängen geworden.
Wenn man so will, bilden diese fiktiven Sprachen ein sehr realistisches Erzählelement; denn dass die Elben in Mittelerde modernes Englisch gesprochen haben, ist ja nicht sehr glaubhaft, ebenso wenig wie bei jenen Klingonen aus den unendlichen Weiten des Weltraums. Für seine Hobbits erfand Tolkien das "Westron", das in Klang und Grammatik dem Altenglischen und Altnorwegischen ähnelt, und der Herrscher Sauron gibt seine Befehle in der "Schwarzen Sprache", einem wahrhaft schrecklichen Idiom, dessen dunkle Vokale durch Pfeif-, Zisch- und Gurgellaute verbunden sind. "Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden" lautet im Original: "Ash nazg durbatuluk, ash nazg gimbatul, ash nazg thrakatuluk, agh burzum ishi krimpatul."
Einige seiner Sprachen bedachte Tolkien auch mit einer entsprechen- den Schrift, die sich ebenfalls längst auf dem Computer schreiben lässt – wahrscheinlich gibt es Fans, die e-Mails in Sindarin austauschen. In den folgenden Jahrzehnten löste "Der Herr der Ringe" eine wahre Flut von Sprachfiktionen aus: Auf dem Planeten Darkover ortete Marion Zimmer Bradley eine Mischung von romanischen und keltischen Sprachelementen, Anthony Burgess’ "Clockwork Orange" machte Nadsat, ein Gemisch aus Englisch und Russisch, zur Mode. Soviel Mühe mit Schrift, Phonologie und Grammatik wie Tolkien hat sich George Orwell in seinem Roman "1984" nicht gemacht. In anderer Hinsicht greift die "Sprachreform" bei "Newspeak" oder "Neusprech" jedoch viel tiefer: Alle Ausdrücke, die sich gegen das herrschende Regime richten könnten, sind gestrichen – und damit auch die entsprechenden Inhalte des Denkens, wie zum Beispiel der Begriff der Freiheit.
Durchaus menschenfreundlich und völkerverständigend sind dagegen die vielen Welthilfssprachen gemeint, die sich seit dem späten 19. Jahrhundert entwickelt haben: keine Spielereien, sondern ernsthafte Kommunika- tionsinstrumente. Worum es geht, machte der Italiener Giuseppe Peano 1903 bereits im Namen seiner Hilfssprache deutlich: "Latino sine flexione" – das weltweit verbreitete Vokabular des Lateinischen soll übernommen, die komplexe Flexion und Grammatik weggelassen werden.
Erfolg hatte von all diesen Versuchen am ehesten das Esperanto des polnischen Augenarztes Ludwig Lazarus Zamenhof von 1887. Real setzt sich jedoch weitgehend das Englische oder vielmehr Englisch-Amerikanische als eine Weltzweitsprache durch, während kleinere Sprachen aussterben. Zum Beispiel Hawaiianisch oder in Europa die keltischen Sprachen. Oft sind solche Todeskandidaten viel schlechter dokumentiert als etwa das Klingonische. In einem dieser Fälle ist es jedoch gerade der Zweck der Neuentwicklung, das Alte lebendig zu halten. In den 1970er Jahren wurde auf der Basis der fünf rätoromanischen Dialekte im Kanton Graubünden der Versuch einer neuen Schriftsprache vorgelegt.
Eine ganz andere Form von Revival tätigte die Musikgruppe Era, als sie ihren gregorianisch aufgemachten Popsongs Texte unterlegte, die zwar keinen Sinn haben, aber irgendwie lateinisch klingen. Dumpfe Laute, analysiert Corinna Bader, "unterstützen eine düster-geheimnisvolle Atmo-sphäre" – eben jene Mischung von Faszination und Gruselphantasie, mit der mittelalterliches Klosterleben seit der Aufklärung vielfach assoziiert wird.
Viel freundlicher klingt mit seinen hellen Vokalen das Idiom, das die belgische Gruppe Urban Trad 2003 aus der Taufe gehoben hat. Man wollte dem Konflikt aus dem Weg gehen, beim "Grandprix de l’Eurovision" entweder nur die wallonische oder nur die flämische Sprachgemeinschaft zu repräsentieren. Das Retortenwerk hatte Erfolg, Urban Trad landete auf dem zweiten Platz. Bereits in die Literaturgeschichte eingegangen, zum Beispiel durch die parodistischen Gedichten von Eckhard Henscheid, ist "Starckdeutsch", eine Erfindung des dichtenden Malers Matthias Koeppel 1972: Modernes Umgangsdeutsch wird übertrieben altertümlich umgeformt, es gibt zum Beispiel nur noch starke Verben.
Bemerkenswert, wie hartnäckig sich von Tolkien bis Star Trek das Stereotyp durchsetzt, dass dumpfe und raue Sprachlaute irgendwie auf etwas Unerfreuliches bei den Sprechern und in ihrer Welt hindeuten. Tolkien selbst scheint diese Gewohnheit auch in seinem Privatleben kultiviert zu haben. Einmal schenkte ihm ein Verehrer einen Trinkbecher mit Wörtern der Schwarzen Sprache: "Selbstverständlich habe ich niemals davon getrunken, aber ich verwendete ihn als Aschenbecher", heißt es in einem Brief.
Dem Interesse für das kriegerische Volk mit Klingonisch im Mund tut dergleichen aber offenbar keinen Abbruch. Das "Vulkanische", das in der Serie einigen zivilisierteren Spezies zugeschrieben wird, hat viel weniger Interesse gefunden. Für "Klingonen" und "Klingonisch" verzeichnen die Suchmaschinen im Internet über 4.500 Einträge, für "Vulkanier" und "Vulkanisch" weniger als 900. Wissenschafter haben sich jedoch auch ganz ernsthaft mit der Frage beschäftigt, wie mit Außerirdischen bei einem möglichen Kontakt zu kommunizieren wäre. Hans Freudenthal, Professor an der Universität Utrecht, hat 1960 auf der Basis mathematischer Gesetz- mäßigkeiten, die als universal gültig angesehen werden, die "Lingua Cosmica" entwickelt. Freudenthal unterstellt, sein Zeichensystem könnte von jedem intelligenten Lebewesen ohne weiteres verstanden werden. |