 Immer der Sonne nach!
Er war wohl einer der größten technischen Visionäre des 20. Jahrhunderts. Der Architekt Hermann Sörgel wollte das Mittelmeer absenken, die Sahara bewässern und Europa für immer mit sauberem Strom versorgen. Entstehen sollte ein neuer Kontinent: Atlantropa.
von Volker Lange
Schon der erste Eindruck ist überwältigend: Ein gigantischer Damm verschließt die Meerenge von Gibraltar. Bis zu 88.000 Kubikmeter Wasser schießen hier pro Sekunde durch gewaltige Turbinen und treiben Generatoren an. Das größte Kraftwerk Europas erzeugt immerhin 50.000 Megawatt Strom, genug um ganz Europa zu versorgen.
Keine Rauch, kein Kohlendioxid, keine Strahlung: Doch dafür waren Jahrzehnte unglaublicher Anstrengungen nötig gewesen. Ingeniere mussten den Wasserspiegel des Mittelmeers dramatisch absenken. Im Westen liegt er nun um 100 Meter tiefer, nach einer weiteren Staustufe bei Sizilien fällt er auf 200 Meter ab. Die Dardanellen wurden ebenfalls durch einen Staudamm verschlossen und auch hier erzeugen die Generatoren Strom.
Das Mittelmeer ist deutlich kleiner geworden, doch dafür hat Europa hat eine Siedlungsfläche von der Größe Frankreichs dazu gewonnen. Und im Norden Afrikas blühte die einst ausgedörrte Sahara wieder auf. Jetzt erstrecken sich dort ausgedehnte Plantagen bis zum Horizont. Keine Frage: Das neugestaltete Mittelmeer ist ein Meisterwerk europäischer Ingenieurskunst, deren Kühnheit sich nur von der Aussichtsplattform des neu erbauten, 400 Meter hohen Gibraltar-Tower erahnen lässt. Wer hier oben steht, schaut hinab auf Atlantropa, jenen neuen Kontinent, der aus Afrika und Europa zusammengewachsen ist. „Wenn ein Ingenieur zu träumen beginnt, sticht er jeden Dichter aus“, schrieb 1933 die französische Zeitung „Allier Socialiste“ über den Schöpfer solcher Ideen, den Münchener Architekten Hermann Sörgel. Der Visionär plante Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts nichts Geringeres, als den gesamten Mittelmeerraum einschließlich Afrika neu zu gestalten. „Panropa“ taufte er zunächst sein Projekt. Später wurde es in „Atlantropa“ umbenannt. Doch Sörgel war kein verrückter Einzelgänger. Ihm gelang es, viele bedeutende Ingenieure und Architekten jener Epoche zur Mitarbeit zu bewegen. In den Medien wurde er zeitweilig wie ein Popstar der Architektur gefeiert.
„Auf uns heute wirken solche Pläne natürlich absurd“, meint Alexander Gall, Historiker am Deutschen Museum in München. „Doch in der Zeit der Weimarer Republik übten sie eine ungeheure Faszination aus. Sie trafen einfach den Zeitgeist und griffen das auf, was die Menschen damals bewegte!“
Utopien leben entweder von großen Hoffnungen oder ebenso großen Ängsten. Und in Nachkriegszeiten bündelt sich beides: Die Hoffnung, ein solches Schlachten möge sich nie wiederholen und die Angst, dass genau das erneut bevorstand. Der erste Weltkrieg hatte das Gleichgewicht in Europa nicht stabilisiert. Im Gegenteil. Politisch war der Kontinent unsicherer denn je.
Hinzu kamen für viele Menschen die Erlebnisse von Wirtschaftskrisen, Hunger und Verzweiflung. Zugleich wurden sie Zeuge eines scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs der Technik. Alles schien künftig möglich zu sein – solange man es nur den Ingenieuren und nicht den Politikern überließ. So dachten damals viele, zumindest in den gebildeten Schichten.
Auch der Münchener Herman Sörgel teilte diese Auffassungen. Sörgel war eine recht schillernde Persönlichkeit. Fotos zeigen ihn als elegant gekleideten Bohemien, stets mit einem Monokel im linken Auge. Seit Interesse galt vor allem den Fragen der Bau-Ästhetik. So schrieb er lieber Aufsätze, als dass er plante und war zeitweilig sogar Schriftleiter der großen Münchener Architekturzeitschrift „Baukunst“. Zeitgenossen beschrieben ihn als einen „schöpferischen Geist mit Hang zu kühnen Visionen“.
Einige dieser Visionen teile er mit vielen seiner Zeitgenossen: Ein vereintes Europa ohne Krieg, ausgestattet mit genügend Energie, um damit die Zukunft meistern zu können. Denn die Zukunft gehörte der Technik. Davon war er überzeugt - ebenso wie etwa die Architekten der Bauhaus-Bewegung oder Regisseure wie Fritz Lang (Metropolis). Überzeugt war er auch davon, dass ein völlig übervölkertes Europa in Zukunft dringend neuen Lebensraum brauchen würde.
Das drängendste Problem dürfte für ihn jedoch die Energiefrage gewesen sein. Es ist heute kaum mehr vorstellbar, welch unglaubliche Mengen Staub, Ruß und Rauch ungefiltert aus den Schloten von Fabriken, Wohnhäusern und Dampflokomotiven quollen. Strom war da nur bedingt eine Alternative. Auch er wurde aus Kohlekraftwerken gewonnen und schon damals wusste man, dass dieser Rohstoff endlich war. Unerschöpfliche, saubere Energie war also das Ziel, dass viele Ingeniere schon damals bewegte.
Als Alternative zur schmutzigen und endlichen Kohle bot sich damals die Wasserkraft an. Ihr Potential war bekannt, schließlich hatte das Wasser schon im Mittelalter den Menschen die Arbeit erleichtert. Und etwa zeitgleich mit der Erfindung von Stromgeneratoren waren im 19. Jahrhundert auch moderne Wasserkraft-Turbinen entwickelt worden. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Technik für die Stromerzeugung marktreif. Sofern die Fallhöhe des Wassers mindesten 50 Meter betrug, ließ sich mit den modernen „Francis-Turbinen“ ein Wirkungsgrad von bis zu 90 Prozent erreichen.
Solche Wasserkraftwerke übten auf Hermann Sörgel eine ungeheure Faszination aus. Kein Wunder! Sein Vater, der Wasserbauer Johann Sörgel, hatte als Chef der obersten Baubehörde in Bayern das Walchenseekraftwerk südlich von München energisch vorangetrieben. Es war das größte Wasserkraftwerk jener Zeit. „Vater und Sohn haben sicher oft über dieses Thema diskutiert“, so Gall, „aber der eigentliche Auslöser für die Atlantropa-Idee war etwas ganz anderes. Es war ein damals sehr populäres Sachbuch.“
Dieses Buch hieß „Die Grundlinien der Weltgeschichte“ und stammte von dem bekannten Schriftsteller H.G. Wells (Die Zeitmaschine). Er schildert darin die Entwicklung der Erde von ihren Ursprüngen bis zum modernen Menschen. Das Mittelmeer, so führt er aus, sei noch zu Lebzeiten des Neandertalers trockenes Land gewesen. Eine Gebirgskette bei Gibraltar hielt die Wassermassen des Atlantiks zurück. Doch dann tauten die gewaltigen Gletscher der Eiszeit und ihr Schmelzwasser ließ den Meerespegel so weit ansteigen, dass dieser natürliche Damm brach.
Hermann Sörgel war von diesem Gedanken fasziniert. Er besorgte sich Fachbücher zum Mittelmeer und stieß dabei auf erstaunliche Fakten: Im Mittelmeer sorgen die warmen Sommer und die trockenen Westwinden dafür, dass ständig große Mengen an Wasser verdunsten. Die wenige Flüsse, die ins Mittelmeer münden, können diese Verluste nicht aufgleichen. Zusammen mit Regen und einem Zufluss aus dem Schwarzen Meer ersetzen sie nur gut ein Drittel des verdunsteten Wassers. Nur durch den ständigen Nachschub von Atlantikwasser kann das Mittelmeer seinen Wasserspiegel halten. Würde man also die Straße von Gibraltar schließen, würde der Meeresspiegel um über einen Meter pro Jahr sinken. Nach nur 2000 Jahren wäre das Mittelmeer bis auf wenige Seen ausgetrocknet.
Im Kopf von Hermann Sörgel formte sich eine Idee. Was wäre, wenn man einen Damm bauen würde, mit dem man den Zufluss von Atlantikwasser steuern könnte? Dann ließe sich der Wasserspiegel gezielt senken und auf einer beliebigen Höhe stabilisieren. Vom Atlantik zum Mittelmeer entstünde genug Gefälle, um ein gewaltiges Wasserkraftwerk zu bauen. Doch war so etwas technisch überhaupt möglich?
Immerhin ist die Straße von Gibraltar an ihrer engsten Stelle zuwar nur 12 Kilometer breit, dafür aber bis zu 300 Meter tief. Sörgel fand eine Lösung. Sein Damm würde einen großen Bogen beschreiben und so einen möglichst lange im seichten Wasser stehen. Dann würde nur ein Teilstück von fünf Kilometern im tiefen Wasser stehen.
Endlich Strom im Überfluss: Sörgel ließ sich von seinen Visionen treiben: Durch ein gigantisches Verbundnetz, so dachte er, ließe sich so ganz Europa mit Strom versorgen. Dieses Verbundnetz braucht natürlich die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Staaten. Dadurch entsteht zwangsläufig ein einheitlicher Wirtschaftsraum in Europa. Kriege gehören dann der Vergangenheit an.
Sinkt der Meeresspiegel um 100 Meter, dann werden 233000 km² Land trocken gelegt. Neuland entsteht – oder „neuer Lebensraum“, wie man damals sagte. Und nicht zuletzt würde der Gibraltardamm Europa und Afrika vereinen. Auch das lag aus damaliger Sicht nahe. Immerhin waren 90 Prozent des „schwarzen Kontinents“ europäische Kolonien.
„Solche Ideen bekommen ja leicht eine Eigendynamik“, weiß der Technik-Historiker Alexander Gall. „Es ist ja noch gar nicht so lange her, da glaubten viele, das Internet würde in kurzer Zeit alles verändert. Die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Politik – bis hin zur Auflösung der Nationalstaaten!“
Mit seiner zunächst „Panropa“ genannten Idee ging Sörgel im März 1928 erstmals an die Öffentlichkeit. Die Details waren noch nicht ausgereift – trotzdem griff die Presse das Thema begierig auf. Selbst die New York Times berichtete über die verwegenen Pläne des visionären Deutschen. Sörgel erhielt sogar eine Einladung auf die Weltausstellung von Barcelona. Noch lehnte er ab. Er wusste, dass es noch viele offene Fragen bei seiner Idee gab:
Sobald der Meeresspiegel um mehr als 30 Meter gesenkt würde, wäre zum Beispiel kein einziger Hafen im Mittelmeerraum mehr nutzbar. Neue Häfen müssten gebaut, ganze Städte verlegt werden. Der Visionär brauchte nüchterne Planer an seiner Seite. Jetzt zahlte sich seine Zeit als Redakteur bei der Zeitschrift „Bauwelt“ aus. Sörgel hatte damals viele bedeutende Architekten und Ingenieure kennen gelernt und offenbar besaß er auch die Fähigkeit, andere Menschen für seine Visionen zu begeistern. So gewann er Mitstreiter, die ehrenamtlich die technischen Grundlagen des Projektes erarbeiteten, Gebäude planten oder sogar ganze Städte und Regionen entwarfen.
Einer dieser Mitstreiter war jüdische Architekt Erich Mendelsohn. Er war er in der zionistischen Bewegung aktiv, die einen eigenen Staat Israel anstrebte. Durch das neue Küstenland, so glaubte er, entstünde genug Lebensraum, um Palästinensern und Juden ein friedliches Nebeneinander zu garantieren. Mendelsohn bot Sörgel an, die Planung für dieses neue Palästina zu übernehmen.
Richtig populär wurde Atlantropa jedoch ab 1929. Deutschland taumelt in die Weltwirtschaftskrise. Die Folgen waren eine katastrophale Arbeitslosigkeit und bittere Armut. Die Idee von Atlantropa bot sich da für viele Menschen als realisierbares Utopia an. Das Projekt versprach Arbeit für Jahrzehnte und anschließend ein Leben im Überfluss. Technisch schienen die Pläne inzwischen ausgereift. Doch würden sich die europäischen Politiker zu einer solchen gemeinsamen Kraftanstrengung bewegen lassen? In den Medien wurden die ersten Zweifel laut.
Sörgel ließ sich nicht beirren. Er arbeitete bereits an neuen Plänen. Zwei gewaltige Binnenmeere sollten im Kongo und im Tschad entstehen. Eine große Wasserstraße würde diese Seen mit dem Mittelmeer verbinden und außerdem ließe sich mit Staustufen ausreichend Strom für ganz Afrika gewinnen. Die großen Seen würden das heiße Klima regulieren und für Weiße erträglicher machen. Spätestens dann könnte sich der „schwarze Kontinent“ mit Europa endgültig vereinigen und sowohl wirtschaftlich als auch politisch ein mächtiger Gegenpol zu Asien zu Amerika werden.
Wie ein „Weltenbauer“ muss Sörgel sich damals vorgekommen sein. War es Größenwahn? Oder versuchte er nur Förderer für sein Projekt zu gewinnen, indem er die Vision möglichst gigantisch erscheinen ließ? Versprach er so viel, um den Kerngedanken, die Wasserkraftwerke im Mittelmeer finanziert zu bekommen?
Bei den Nationalsozialisten hatte er mit dieser Strategie keinen Erfolg. Nachdem sie 1933 an die Macht gekommen waren, geriet der Gedanke von Atlantropa in seine schwerste Krise. Der neuen Regierung in Berlin war zwar das Denken „in großen Dimensionen“ durchaus vertraut, ganz und gar nicht einverstanden war man jedoch mit der pazifistischen Ausrichtung des Projektes. „Neuem Lebensraum“ wollte zwar auch Hitler erobern, aber nicht am Mittelmeer. "Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach Süden und Westen“ hatte er schon 1927 in betont, „und weisen den Blick nach dem Land im Osten."
Die schwerste Niederlage stand Sörgel jedoch noch bevor. Aus den USA hatte er die Einladung erhalten, worden, seine Ideen auf der Weltausstellung 1939 in New York vorzustellen. Doch als die lang ersehnte Reise näher rückte, wurde ihm sowohl von der deutschen als auch die amerikanischen Regierung die Teilnahme untersagt. Der zweite Weltkrieg war ausgebrochen.
Nach dem Krieg blühte die Idee von Atlantropa noch einmal auf. Am Deutschen Museum wurde ein „Atlantropa-Institut“ gegründet. Von hier aus warb Sörgel um Mitstreiter für sein Projekt. An ein endgültiges Scheitern seiner Idee mochte er nicht glauben und er musste es auch nicht mehr erleben. Im Jahr 1952 kam Hermann Sörgel bei einem Autounfall ums Leben. Die Stimmen der Kritiker, die an der Machbarkeit zweifelten wurden danach immer lauter und eine andere Großtechnologie schickte sich an, den Energiehunger der Welt lösen zu wollen: Die Kernenergie. Nun sollte die Atomkraft für das Paradies auf Erden sorgen. Für Träume von gigantischen Wasserkraftwerken war da kein Platz mehr. 1957 wurde das Atlantropa-Institut geschlossen.
Heute wissen wir: Atlantropa hätte in der Mittelmeerregion zu einem ökologischen Desaster geführt. Mit Computern können wir inzwischen simulieren, welche Folgen ein so gewaltiger Eingriff in die Natur gehabt hätte. „Würde man das Mittelmeer um 100 bis 200 Meter absenken“, so Prof. Stefan Rahmstorff vom Klimaforschungszentrum in Potsdam, „würde sich Verdunstung und damit Niederschläge verringen. Eine ausgedehnte Dürre in der Region wäre die Folge!“. Vermutlich würde sich auch der Grundwasserspiegel in den Mittelmeerländern senken und die Versaltung der neu gewonnenen Böden würde weitere Probleme bringen. Doch nicht nur das: Weltweit wäre Atlantropa auf erbitterten Wiederstand gestoßen, wie Stefan Rahmstorff erklärt: „Das Mittelmeerwasser wäre ja nicht verschwunden, sondern in den anderen Meeren. Damit würde Meeresspiegel weltweit um einen Meter angestiegen und weltweit ganze Küstenregionen überfluten.“
Trotzdem: Eine merkwürdige Faszination geht noch heute von diesem Projekt aus. Vielleicht liegt das an der Sehnsucht nach großen Visionen, obwohl oder gerade weil sie in unsere Zeit so gar nicht zu passen scheinen. Vielleicht liegt es auch an der Detailgenauigkeit, mit der Sörgel und seine Mitstreiter die Pläne für dieses Projekt ausführten.
Theoretisch wäre der Bau von Atlantropa möglich gewesen. Ob das Projekt technisch machbar war, darüber kann man nur spekulieren. Ein Damm vor Gibraltar würde selbst mit heutiger Technik viele Jahrzehnte benötigen und für das Material, das man zu seinem Bau benötigte, müssten ganze Berge abgetragen werden. Doch machbar wäre es, wie Professor Ulrich Zanke von der TU Darmstadt betont: „Erteilen Sie einer Dammbaufirma den Auftrag, und Sie bekommen einen Kostenvoranschlag!“
Sicher ist aber auch: Dieser Kostenvoranschlag würde gigantisch ausfallen!

Volker Lange
Herausgeber und Chefredakteur von Morgenwelt, und langjähriger Wissenschaftsjournalist für Fernsehen, Hörfunk und Print. Lehrbeauftragter für Online-Journalismus an der Freien Universität Berlin.
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