 Ohne Fleiß kein Preis
Tüchtigkeit und Fleiß – diese Tugenden bekamen Generationen von Kindern in der Volksschule vermittelt. Ein kleines, buntbedrucktes Stück Papier half dabei die gesellschaftlichen Werte zu festigen: Das Fleißbildchen.
von Susanne Heliosch
„Es war ein Fest, wenn man ein Fleißbildchen bekommen hat.“ Noch heute gerät Heidemarie Bergmann (71) in Hochstimmung, wenn sie sich an dieses schulische Ereignis erinnert. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war an Volksschulen, die ab 1919 Grundschulen hießen, das Verteilen von Fleißbildchen gebräuchlich, vor allem in Süddeutschland.
Einfach war es nicht, der Lehrerin oder dem Lehrer, nicht selten auch der Fachlehrkraft etwa der Handarbeitslehrerin eines der bunten Druckerzeugnisse zu entlocken. Nur wer mit guten schulischen Leistungen glänzen konnte, etwa mit der Note Eins im Diktat oder im Aufsatz-Schreiben, wurde mit diesem erzieherischen „Bonbon“ belohnt. Hin und wieder gab es auch für gutes Betragen oder für regelmäßigen Kirchgang eines der Bildchen, die regional unterschiedlich Fleißkärtchen, -bildchen, -zettel oder -billett hießen.
Sorgsam wurden diese „Trophäen“ im Lesebuch als Lesezeichen oder im Griffelmäppchen aufbewahrt, waren sie doch schließlich Belege der eigenen Tüchtigkeit. Es existierten auch Sammelheftchen, darin man die Kostbarkeiten einklebte. Ein einheitliches Verteilungssystem, wie beim Jahreszeugnis gab es nicht. Manche Lehrer lehnten aus pädagogischen Gründen die Vergabe von Fleißbildchen ab, denn sie vertraten die Überzeugung, die Kinder sollten Fleiß und Strebsamkeit aus freien Stücken beweisen, nicht durch einen künstlich erzeugten Lernanstoß.
Fleißbildchen sind letzte Ausläufer sogenannter Schulbelobigungen, wie sie etwa im 18. und 19. Jahrhundert an bayerischen Volksschulen üblich waren. Damals endete das Schuljahr im Beisein von Publikum mit einer öffentlichen Schulprüfung, durchgeführt im Gemeindehaus oder in der Kirche. Die Prüfung erstreckte sich über alle behandelte Unterrichtsgegenstände. Zudem lagen Bücher, Aufsätze und Handarbeiten zur Einsichtnahme offen aus. Durch Gesänge der Schüler und eine Rede des Schulinspektors wurde die Prüfungszeremonie feierlich umrahmt.
Einen Tag später fand am selben Ort die öffentliche Verteilung der Prämien statt. An die besten Volksschüler gingen so genannte Schulpreisebücher. Das waren entweder „planmäßige Schulbücher, oder andere gute Unterrichts- und Erbauungsschriften“. Die begehrten Bände bestachen durch einen blauen Einband mit silbernem Schnitt und Verzierungen. In ihrer Leistung besonders herausragende Volksschüler durften spezielle Auszeichnungen entgegennehmen: Fleißmedaillen. Die Gedenkmünzen trugen Sprüche wie: „Für Fleiß und Wohlverhalten“. Bereits 1772 führte man in mehreren bayrischen Städten feierliche Preisverteilungen durch, bei denen silberne Fleißmünzen überreicht wurden.
In ländlichen Regionen hielt sich der Brauch der öffentlichen Belobigungen das ganze 19. Jahrhundert hindurch. In den Städten pflegte man das durchaus ernste Ritual bis etwa 1850. Danach etablierte man statt dessen, um den enormen Aufwand zu minimieren, Platzbestimmungen in den Klassen, die Lokationen: Die guten Schüler saßen vorne, die schlechten hinten. Mit der kindorientierten Reformpädagogik Ende des 19. Jahrhunderts kamen zur Motivierung der Schüler Fleißbildchen auf. Bevorzugt für die ersten vier Jahrgänge der Volks- später Grundschulen hergestellt, trugen die Fleißkärtchen kindgerechte Fleiß-Symbole: Den Bienenkorb, die Ameise, die „fleißig“-blühende Nelke. Aber auch Alltagsszenen aus dem Kinderleben, friedliche Landschaften oder Episoden aus der Zwergen- und Kleintierwelt wurden abgebildet. Meist wurden als Erziehungshilfen unter die Zeichnungen Texte gesetzt, die an gesellschaftliche Werte wie Strebsamkeit, Sittsamkeit, Mitmenschlichkeit, Wohlverhalten oder Glaubenstreue appellierten, aber auch an die Schonung der unberührten Natur.
Vor allem in katholischen Gegenden waren die bunten Druckerzeugnisse beliebt, in Süddeutschland, Österreich, Belgien und Frankreich. Hier waren vor allem religiöse Motive verbreitet. Sie rückten die Fleißbilletts nicht selten in die Nähe der Andachtsgrafik, zu der Heiligen- und Gebetbucheinlegebildchen zählen. Deren Verlagszentren existierten in München, Wien, Paris und Brüssel.
Waren die meisten der massenhaft hergestellten Fleißbildchen aus Papier, so gab es auch welche aus einer Art farbig bedruckter Gelatine, die sogenannten Hauchbildchen. Ihren Namen erhielten sie, weil sie sich auseinander rollten sobald man sie auf die warme Handfläche legte und anhauchte. Im 1. Weltkrieg wurden sie für vaterländische Zwecke eingenommen. Statt Leitlinien für eine aufrichtige Lebensführung prangten nun militärische Symbole wie Granaten und Bomben auf den zarten Gebilden.
Zahlreiche Künstler hatten durch die Illustration von Fleißbildchen ein gutes Auskommen. Zu nennen sind insbesondere Berta Hummel, Ruth Schaumann, Josef Madlener oder Franz Graf von Pocci. Eine regelrechte Fundgrube für Fleißkärtchen des letzten Jahrhunderts ist das graphische Werk von Ida Bohatta-Morpurgo. 1900 in Wien geboren begann sie bereits mit 19 Jahren für verschiedene Verlage Bücher zu illustrieren.
Die Motive der sogenannten „Bohatta-Bildchen“ gingen in die Tausende. Von 1926 bis Ende der 70er-Jahre arbeitete sie für den Ars Sacra Verlag in München, der heute als Ars Edition Verlag Fleißbildchen neu auflegt. An Schulkinder vergeben werden sie allerdings nicht mehr, sondern sind zu kaufen in Klosterläden, wie etwa in dem der bekannten schwäbischen Benediktinerabtei Ottobeuren.

Susanne Heliosch
1961 bei Ulm geboren. Studierte Kunstgeschichte, Volkskunde und Religionswissenschaft an der Uni Regensburg. Danach Studium der Empirischen Kulturwissenschaft an der Uni Tübingen. Ausstellungsmacherin und Medienpädagogin beim Rundfunk. Seit 1995 freie Journalistin. Bevorzugt Fragestellungen aus Medizin und Forschung, Natur und Umwelt sowie Themen aus der historischen wie zeitgenössischen Alltagskultur. Verfassen von Auftrags-Biografien.
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