 Tor zum Paradies?
Das Hormon Oxytocin als Nasenspray steigert die Bereitschaft, sich auf andere Menschen einzulassen: Wer das Neuropeptid über die Nase einatmet, wird zutraulicher. Deutsche und amerikanische Forscher ermittelten jetzt wie der erstaunliche Effekt zustande kommt.
Von Christina Pietsch
Oxytocin (aus dem griechischen für Schnelle Geburt) wird von der Hypophyse ausgeschüttet. Rein körperlich spielt es zum Beispiel eine entscheidende Rolle beim Geburtsvorgang. Unter anderem hilft es dabei, die Wehen auszulösen. Nach der Geburt eines Babys stimuliert Oxytocin die Muskelzellen der Milchdrüsen und sorgt so für den Milchfluss beim Stillen. Fast wichtiger ist jedoch seine psychische Wirkung. Oxytocin sorgt für die enge Bindung zwischen Mutter und Kind. Aber auch für unsere Sexualität ist Oxytocin entscheidend. Es wird während des Orgasmus im Gehirn freigesetzt und entfaltet dort opiumartig seine Wirkung.
Bei Tieren ist es schon lange bekannt: Bei Mäusen zum Beispiel nimmt das Hormon eine Schlüsselposition für die Paarbindung, die mütterliche Fürsorge, das Sexualverhalten sowie die soziale Bindungsfähigkeit ein. Außerdem vermindert Oxytocin Ängstlichkeit und sozialen Stress.
Im Juni diesen Jahres konnten Forscher der Universität Zürich zeigen, dass Oxytocin auch beim Menschen eine zentrale Rolle für das soziale Verhalten spielt. Probanden, denen Oxytocin durch die Nase verabreicht wurde, zeigten im Vergleich zu Probanden, die ein Placebo erhielten, ein signifikant größeres Vertrauen in andere Menschen. Für ihre Untersuchung ließen die Forscher Studenten Geldgeschäfte miteinander tätigen. Dabei übergab jeweils ein „Investor“ eine von ihm gewählte Geldsumme an einen „Treuhänder“.
Einige der Investoren bekamen vor Beginn des Spiels das Oxytocin-Spray in die Nase verabreicht. Es zeigte sich, dass diese Spieler insgesamt mehr Geld investierten als jene, die eine unwirksame Substanz bekamen. Dieser Einfluss von Oxytocin sei jedoch nicht einfach Folge einer generell gesteigerten Risikobereitschaft. Das Hormon entfaltete seine Wirkung nur, wenn es um zwischenmenschliche Kontakte ging. Spielten die Investoren mit einem Computer verhielten sich beide Gruppen gleich. Oxytocin bringt uns unseren Mitmenschen näher, nicht der gesamten Umwelt.
Die Forschungsergebnisse aus der Schweiz veranlassten ein deutsch-amerikanisches Forschungsteam jetzt nach der biologischen Erklärung des Oxytocin Phänomens zu suchen.
In bedrohlichen Situationen werden direkt Verbindungen zwischen der „Amygdala“ und dem autonomen Nervensystem aktiviert. Sie ermöglichen eine Reaktion, bevor es zum Abschätzen der Situation kommen kann. Die bekannten Symptome der Angst treten auf: Herzklopfen, erhöhter Blutdruck, beschleunigte Atmung oder feuchte Hände. Wie die Wissenschaftler jetzt herausfanden, reduziert Oxytocin Ängstlichkeit in jener Gehirnregion, in der sie entsteht: in der Amygdala, dem sogenannten „Mandelkern“.
Wie genau dies geschieht, untersuchten sie mit Hilfe von Freiwilligen, die Oxytocin oder ein Placebo in die Nase gesprüht bekamen und anschließend Fotos wütender oder ängstlicher Gesichter bzw. bedrohlicher Situationen betrachten mussten. Ihre Gehirnaktivität wurde dabei per Kernspintomographie kartiert. Ohne Oxytocin waren die Mandelkerne (Amygdalae) und die Umschaltstationen für deren Signale im Gehirnstamm aktiv. Unter Oxytocin-Einfluss blieb diese Aktivierung jedoch aus. So wirkt sich Oxytocin indirekt auf unser Vertrauensvermögen aus. Es unterdrückt die „Amygdala und deren angstauslösendes Netzwerk“.
Aus früheren Untersuchungen ist bekannt, dass eine erhöhte Aktivität der Mandelkerne im Zusammenhang mit sozialen Phobien, Angst- und Depressionsleiden sowie Autismus steht.
Die Wissenschaftler spekulieren jetzt, dass Oxytocin als Medikament eines Tages Personen mit „sozialen Dysfunktionen“ helfen könnte, ihre Hemmschwelle zu überwinden und Kontakte mit ihren Mitmenschen zu knüpfen. Doch was sind soziale Dysfunktionen und vor allem wo fangen sie an, wo hören sie auf? Die Definition bleibt offen.
Erste kritische Stimmen wenden bereits ein, dass Segen und Fluch oft nahe beieinander lägen. Mit einer chemischen Beeinflussung zwischenmenschlichen Verhaltens begäbe man sich auf gefährliches Terrain. Missbrauch vorprogrammiert?
Im Internet ist man da schon weiter: Die Betreiber der Internetseite www.oxytocin.org können sich bereits einen Pharmacocktail aus dem "zivilisierenden Neurotransmitter" Serotonin, dem "Liebeshormon" Oxytocin und dem "Schokoladenamphetamin" Phenylethylamine als Tür zum Paradies vorstellen. Nebenwirkungen inklusive.

Christina Pietsch
Biologin, geboren 1979 in Teterow (Mecklenburg-Vorpommern). Studierte an der EMA-Universität Greifswald. Seit Oktober 2005 in Berlin.
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