17.01.2006

Das Ende der Verschwendung



Bild: NASA

 

In den letzten Wochen war in den Medien zwar viel von Energieprobleme und erneuerbaren Energieträgern die Rede, aber über Energieeffizienz war wenig zu lesen. Dabei kann uns nur diese "Energiequelle" wirklich die Zukunft sichern!

 

Von Christian Meier 

 

„Wir können in Deutschland im Jahr 2050 mit der Hälfte der Energie auskommen“, sagt Joachim Nitsch vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Dieses Ziel sei auch erreichbar, wenn sich die Wirtschaftsleistung in den nächsten 50 Jahren verdoppelt oder verdreifacht. Dafür müsste die Politik allerdings mehr Anreize für einen wirkungsvolleren (effizienteren) Einsatz von Energie schaffen, forderte Nitsch.

Es sei nicht möglich, die Klimaschutzziele der Bundesregierung allein durch den Ausbau erneuerbarer Energiequellen zu erreichen. Zu den erneuerbaren Energiequellen zählen Wind- und Wasserkraft, Sonnenenergie und nachwachsende Rohstoffe (Biomasse). Sie schonen das Klima, da sie unter dem Strich kein Kohlendioxid, das als Treibhausgas wirkt, in die Atmosphäre abgeben.

Im Koalitionsvertrag bekennt sich die neue Regierung zu dem Ziel, den weltweiten Temperaturanstieg durch den Treibhauseffekt auf zwei Grad zu beschränken. Der Anteil der erneuerbaren Energiequellen am deutschen Strombedarf soll bis 2020 auf 20 Prozent steigen. Seit April 2000 fördert das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) klimafreundlichen Strom jährlich mit etwa 2,5 Milliarden Euro. Der Anteil von Strom aus Wind, Wasser, Sonne und Biomasse hat sich seit 1999 beinahe verdoppelt und beträgt heute etwa elf Prozent. Besonders die Windkraft hat vom EEG profitiert: Ihr Anteil am gesamten Strommix beträgt heute etwa vier Prozent.

An Land stoße der Ausbau der Windkraft an seine Grenzen, so Nitsch. Vor deutschen Küsten könnten jedoch Anlagen mit einer Gesamtleistung entstehen, die der an Land entspricht. Nitsch glaubt nicht, dass sich die Photovoltaik, also Strom aus Sonnenenergie, in Deutschland durchsetzen wird. Er sieht ihren Einsatz in Deutschland als „Aushängeschild“ für den Export von Solarzellen. „Auch Windkraft wird erst exportiert, seit wir sie im eigenen Land nutzen“, sagt Nitsch, der eine Studie für das Bundesumweltministerium über die Zukunft erneuerbarer Energien in Deutschland verantwortet.

Nitsch schätzt, dass Strom aus erneuerbaren Energiequellen ab etwa 2020 mit Strom aus Gas, Kohle und Öl konkurrieren könne, da die Preise für fossile Energiequellen stetig steigen würden. Im Dezember kostete konventionell erzeugter Strom an der Leipziger Strombörse zeitweise mehr als Windstrom. Nitsch wertet dies als Hinweis auf die nahende Wirtschaftlichkeit von Ökostrom.

Erneuerbare Energiequellen könnten bis zu drei Viertel des heutigen Strombedarfs decken, sagt Nitsch. Im Wärmemarkt und im Verkehr tragen erneuerbare Energiequellen heute nur wenige Prozent bei. Maximal könnten Sonnenkollektoren, Erdwärme und Biomasse etwa die Hälfte des heutigen Wärmebedarfs decken, sagt Nitsch. Und: „Nur etwa 15 Prozent des Kraftstoffverbrauchs können bei gleichbleibender Mobilität aus Biomasse gedeckt werden“. Hier stoße man an die Grenzen der erneuerbaren Energiequellen.

Nitsch hält es zwar für möglich, dass 2050 die Hälfte des Energieverbrauchs in Deutschland durch erneuerbare Energiequellen gedeckt werden kann. Um dies zu erreichen müsste aber die Hälfte des heutigen Energieverbrauchs durch effiziente Energienutzung eingespart werden. Besonders im Wärmemarkt und im Verkehr müssten daher Investitionen in einen effizienten Einsatz von Energie gefördert werden.

Nitsch forderte, die Kraft-Wärme-Kopplung, welche die Abwärme von Kraftwerken zum Heizen nutzt, stärker zu fördern. „Zwei Drittel der Energie löst sich bei Kohlekraftwerken in Luft auf“. Er begrüßte, dass der Koalitionsvertrag beabsichtigt, die energiesparende Sanierung von Gebäuden zu unterstützen. Bei Altbauten ließen sich 50 bis 70 Prozent der Heizenergie einsparen. Technik für effizienten Energieeinsatz sei verfügbar, werde jedoch zu wenig angewendet. Verbrauchern riet er, sich für teurere aber energiesparende Produkte zu entscheiden. Der Verbraucher habe die Macht, solche Techniken nachzufragen und dadurch zu fördern. Im Verkehr macht der Energieexperte eher strukturelle als technische Defizite aus: „Einzelne Fahrzeuge werden immer effizienter. Der gesamte Fahrzeugpark dagegen wird immer größer und schwerer“. Dies unterlaufe die technisch mögliche Effizienzsteigerung.

„Das Interesse an Energieeffizienz ist in der Politik sehr gering“, sagt Timon Wehnert vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertungen (IZT) in Berlin. Der Zukunftsforscher hat Studien zu kommunalem Energiemanagement geleitet. Nach seiner Erfahrung setzen Kommunen kaum Energiesparmöglichkeiten um: „Die Solarstromanlage auf dem Rathausdach ist der Renner für die Medien, während sich niemand für das interessiert, was im Heizungskeller passiert“.

Europäische Energieexperten geben dem effizienten Einsatz von Energie einen höheren Stellenwert als den erneuerbaren Energiequellen. Dies ergab eine Umfrage unter 670 Energieexperten aus Technik, Wirtschaft und Politik, meist aus den 15 alten EU-Ländern, die das IZT durchführte. Um das Jahr 2030 wird die Industrie in Europa dank neuer Produktionstechniken weniger als die Hälfte der Energie verbrauchen, glauben die meisten der Experten. Bis 2030 werden mehr als die Hälfte aller neuen Gebäude in Europa Niedrigenergiehäuser sein, glauben fast alle Experten.

Beim Thema Kernenergie sind sich europäische Energieexperten nicht so einig: Mit einer neuen Generation sicherer Reaktoren rechnen 80 Prozent von ihnen zwischen 2020 und 2030. 20 Prozent glauben, dass es solche Reaktoren nie geben wird. Dabei zeigen sich erhebliche nationale Unterschiede: 40 Prozent der deutschen Experten rechnen nicht mit einer sicheren Reaktortechnik. „Spanische Experten dagegen glauben, dass das kommen wird“, sagt Wehnert. Auffällig sei auch, dass Kernenergieexperten im Schnitt fünf Jahre früher mit sicheren Reaktoren rechnen als ihre Kollegen aus anderen Bereichen.

Nitsch glaubt nicht, dass die Kernenergie eine geeignete Option zum Klimaschutz ist. In der internationalen Verbreitung der Kerntechnik sieht er vor allem das Problem, dass die friedliche Nutzung nicht von der militärischen zu trennen sei. Allerdings sieht er angesichts des weltweit zunehmenden Energiehungers keine Hinweise auf eine klimafreundliche Entwicklung: „Weltweit ist derzeit nicht zu sehen, wie die gewaltige Kluft zwischen nachhaltigen Lösungsvorschlägen und realer Entwicklung überbrückbar ist“.

 

Dr. Christian Meier


ist Physiker und arbeitet freiberuflich als Wissenschaftsjournalist und Wissenschafts-Lektor.


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