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 Molltöne der Seele
Die Berliner Nationalgalerie zeigt in der neuen Ausstellung "Melancholie - Genie und Wahnsinn in der Kunst" das Bild eines der wohl beständigsten Gefühle der Menschheit. Detailliert erzählen mehr als 300 Exponate die Kulturgeschichte der Melancholie von der Antike bis zur Gegenwart.
von Christina Pietsch
Die Melancholie als ein Einsamkeit erzeugendes Gefühl der Schwermut, der Selbstreflexion und des Selbstzweifels steht im Mittelpunkt der Ausstellung, die die Staatlichen Museen zu Berlin zusammen mit der Réunion des Musées Nationaux in Paris entwickelten. Im Zuge der forschreitenden Psychologisierung der postmodernen Gesellschaft trifft das Thema den Nerv der Zeit. Der Besucher ist eingeladen, in der Neuen Nationalgalerie am Potsdamer Platz eine Zeitreise durch die Epochen zu unternehmen und sich an den Schnittstellen von Religion, Astronomie, Medizin, Psychologie und Kunst ein ganz eigenes Bild vom Wandel im Umgang mit diesem menschlichen Gefühl zu machen. Die Ausstellungsmacher haben ihre Definition gefunden: „Melancholie ist das Bewusstsein von der Endlichkeit der menschlichen Erkenntnis in einer als unendlich empfundenen Welt.“ Diese Schranken zu durchbrechen war und ist das Ziel vieler Künstler und Gelehrter.
Neben der künstlerischen widmet sich die Ausstellung auch der wissenschaftlichen Darstellung von Melancholie in der Psychiatrie und der historischen Entwicklung des wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und medizinischen Umgangs mit dieser geistig-seelischen Erkrankung. Dass Blickwinkel auf menschliche Gemütsleiden wie die Melancholie auch von politischen und gesellschaftlichen Trends geprägt wurde, macht die Ausstellung mehr als deutlich. Dieses Phänomen der schmerzlichen Verstimmung des Geistes wurde Kult und somit über die Zeiten hinweg prägend für die Kultur. Die Melancholie zu verstehen, sei somit Voraussetzung die Kunst zu deuten, gibt der Pariser Kurator Jean Clair zu bedenken. Der Leiter des Musée Picasso in Paris ist neben Peter-Klaus Schuster, dem Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, für die Melancholieausstellung verantwortlich.
Was hat Wissenschaft mit Kunst zu tun? Viel, zumindest dann, wenn biologische und psychologische Phänomene des Menschen mit gesellschaftlichen Faktoren in Wechselwirkung treten und so den Zeitgeist einer Epoche prägen. Der melancholische Trübsinn ist ein Bewusstseinszustand, der Mediziner, Psychiater und Astronomen sowie Literaten und Künstler jeder Epoche beschäftigte und den man bereits in der Antike zu erforschen begann. Seit der Antike gilt Melancholie als wesentliches Gemütsmerkmal des kreativen Geistes und ist zu jeder Zeit treibende Kraft großen künstlerischen Schaffens gewesen. Schon Aristoteles fragte sich nach dem Zusammenhang von Melancholie und Intellekt.
Um die Melancholie wissenschaftlich erklären zu können, setzten sich Philosophen, Mediziner und Psychologen intensiv mit dem Thema auseinander. Welche Ursachen den Symptomen zugeordnet wurden, änderte sich im Laufe der Zeit. Die Zuschreibung körperlicher Umstände (z.B. Ungleichgewicht der Säfte in der Antike) wechselte sich ab mit übernatürlichen Erklärungen (dämonische Besessenheit im Mittelalter) oder mit individuellen Ansätzen (z.B. verdrängte Konflikte) beziehungsweise der Deutung krankmachender Lebensumstände (gestörtes Familiensystem, kranke Gesellschaft) in der jüngeren Psychiatriegeschichte.
In der antiken Humoralpathologie werden vier Körpersäfte beschrieben, denen vier unterschiedliche Temperamente zugeordnet sind. Auf den griechischen Arzt Hippokrates geht die Diagnose zurück, dass ein Übermaß an „schwarzer Galle“ ursächlich für ein schweres Gemüt beim Menschen sei. Mit der Entdeckung des Blutkreislaufes im 17. Jahrhundert entsprach die antike „Viersäftelehre“ dann allerdings nicht mehr dem wissenschaftlichen Stand.
In der heutigen wissenschaftlichen Diskussion ist der Begriff der Melancholie fast völlig durch den der Depression verdrängt worden. Melancholie scheint in diesem Zusammenhang veraltet und wenn überhaupt dem Geisteswissenschaftlichen zuzuordnen. Die Depression hingegen ist zur Gesellschaftskrankheit Nummer eins geworden. Naturwissenschaftlich eindeutig scheinen Psychoanalytiker á la Sigmund Freud oder gar die Antidepressiva moderner Pharmaunternehmen dieser Krankheit Herr werden zu können.
Einerseits gibt es auch in der modernen Psychiatrie noch den Begriff der Melancholie, er bezeichnet sogar eine besonders schwere Form der Depression. Wer aber heutzutage über Melancholie redet, meint nicht die Krankheit, sondern „ein Lebensgefühl“. Im Zuge der Berichterstattung über die Ausstellung sind die Zeitungen in diesen Tagen voll von Statements vieler Psychologen und Sozialwissenschaftler, die sich zum Thema äußern. Doch entzaubern kann die Wissenschaft das zeitlose Phänomen eines so prägenden Gefühls wie der Melancholie zum Glück noch nicht. Um das festzustellen, braucht man nur die Besucher betrachten. Die Faszination an „der dunklen Seite der Seele“ steht vielen von ihnen ins Gesicht geschrieben.

Christina Pietsch
Biologin, geboren 1979 in Teterow (Mecklenburg-Vorpommern). Studierte an der EMA-Universität Greifswald. Seit Oktober 2005 in Berlin.
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Zum Thema:
'Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst'
Neue Nationalgalerie Berlin Di., Mi. u. So. 10 - 18 Uhr Do. 10 - 22 Uhr Fr. u. Sbd. 10 - 20 Uhr
10 Euro, ermäßigt 6 Euro


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