17.01.2006

Bitte lächeln - aber richtig!



Bild: photocase.com

 

Haim Harari, 66, ist israelischer Hochenergiephysiker und war von 1988 bis 2001 Präsident des Weizmann-Instituts in Rehovot/Israel, das unter seiner Leitung zu einer weltweit angesehenen Spitzenforschungseinrichtung ausgebaut wurde.

 

von Christina Pietsch

 

heureka: Als Sie Ihre Vorschläge für das Ista präsentierten, betonten Sie und auch Frau Minister Gehrer, dass jetzt eine goldene Chance dafür sei. Warum?

Haim Harari: Der Zeitpunkt ist aus mehreren Gründen ideal: Erstens gibt es in Österreich und auch in der EU Bestrebungen, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung weiter zu erhöhen - das heißt, es ist Geld da. Zweitens versetzt die EU-Osterweiterung Wien in eine einzigartige Lage, ein kulturelles und wissenschaftliches Zentrum der Region zu werden. Drittens hat Österreich noch kein großes multidisziplinäres Forschungsinstitut. Und viertens schließlich hat das Land eine beeindruckende Zahl von Wissenschaftlern, die im Ausland arbeiten. Es gibt also auch das mögliche Personal, um zu beginnen.

Es scheint aber auch einen immer stärkeren globalen Wettbewerb um die besten Köpfe zu geben - was es für das Ista nicht eben leichter macht.

Das mit dem härteren Wettbewerb stimmt schon, aber gerade deshalb ist auch der Zeitpunkt so wichtig. Denn in den nächsten Jahren wird man womöglich auch in München, Prag, Budapest oder Mailand etwas Ähnliches versuchen. Und dann kann es passieren, dass man den Zug verpasst. Aber wenn man der Erste ist, der so etwas in Mitteleuropa umsetzt, dann hat man eindeutig einen Startvorteil.

Sie sagen, dass es wichtig ist, die Institutsgründung jetzt in Angriff zu nehmen. Zugleich betonen Sie in Ihren Empfehlungen, dass man sich für die Auswahl des Direktors Zeit lassen soll.

Nun, zuerst einmal muss man das Kuratorium bestellen, was dieser Tage geschehen soll. Das wählt dann einen Vorsitzenden und bestimmt einen administrativen und einen wissenschaftlichen Beirat. Die wiederum suchen nach einem Direktor - und das kann dauern. Denn selbst wenn die Person zusagt, wird es einige Zeit brauchen, bis sie sich an ihrer bisherigen Forschungsstelle freimachen und übersiedeln kann. Es wird zumindest ein Jahr, wenn nicht zwei dauern, ehe der Direktor hier arbeiten wird.

Und wo wird das sein?

Das wird in der Nähe einer bestehenden Forschungseinrichtung in Wien sein. Zugleich muss man auch mit den Planungsarbeiten am Campus in Gugging beginnen. Dazu muss man aber zuerst wissen, was überhaupt geforscht wird. Wir empfehlen außerdem vom Beginn an Konferenzen, Symposien und öffentliche Vorträge sowohl für die internationale Forschergemeinschaft wie auch für die Öffentlichkeit. Damit kann man quasi sofort anfangen.

Wann erwarten Sie die ersten Studierenden?

Die kommen, sobald die ersten Professoren da sind. Man sollte schon bald darangehen, ein gemeinsames Dissertantenprogramm entweder mit der TU Wien oder der Universität Wien zu entwickeln. Letztere überdenkt ja gerade ihr Graduiertenprogramm. Da könnte das Ista einen hilfreichen Anstoß liefern.

Sie schreiben in Ihrem Bericht, dass man auf der ganzen Welt nach Studierenden suchen sollte. Was passiert, wenn sich mehr ausländische als inländische Studierende finden? Könnte das für die Politik nicht ein Problem werden?

Wenn die Politiker in die Staatsoper gehen und fünf Sänger aus fünf verschiedenen Ländern auf der Bühne stehen, dann werden sie sich nicht darüber aufregen, dass das nicht nur Österreicher sind. Bei der Ausbildung von Graduierten profitieren die Lehrenden im Übrigen mindestens so sehr wie die Studierenden. Das sind nun einmal die eigentlichen Arbeitskräfte der Forschung. Und wenn einige ausländische Studenten nach der Dissertation womöglich in Österreich bleiben, wird sich die heimische Industrie darüber sehr freuen.

Sind die 500 Millionen Euro für die ersten zehn Jahre eigentlich genug Geld, um so ein Institut auf die Beine zu stellen?

Für den Anfang ist das mehr als genug. Ganz wichtig ist aber, dass das Geld flexibel zur Verfügung steht. Es wird Jahre geben, wo viele neue Forscher eingestellt und teure Apparaturen angeschafft werden müssen. Und dann wieder Jahre, wo die Ausgaben kaum wachsen. Wenn man aber eine fixe Summe Jahr für Jahr verbrauchen muss, dann wird das ein Desaster. Das heißt konkret: Man muss zunächst einmal mehr Geld zur Verfügung stellen und dem Institut auch die Möglichkeit geben, diese Mittel von einem Jahr zum nächsten mitzunehmen. Wenn das geschieht, dann ist das Geld sicher kein Problem.

Wie soll es nach diesen zehn Jahren finanziell weitergehen?

Das kann niemand sagen, zumal man nicht weiß, wie groß das Ista dann sein wird. Ein Institut von der geplanten Größe kann jedenfalls nur erfolgreich sein, wenn es verschiedene finanzielle Standbeine hat: Es braucht neben dem Geld von Bund und Land Drittmittel der EU, des FWF und der FFG, aber auch Spenden von Privatleuten und der Industrie. Immerhin hat die Industriellenvereinigung bereits dreißig Millionen versprochen.

Sind Sie sich da sicher, dass dieses Geld der Industrie auch tatsächlich fließen wird?

Ich bin mir immerhin sicher, dass an das Geld keinerlei Bedingungen geknüpft sein werden. Die zuständigen Personen der Industriellenvereinigung haben das immer wieder fest versprochen. Ob es tatsächlich dreißig Millionen sein werden, wird man sehen.

Wie lange wird es dauern, bis man Geld aus Lizenzen und Patenten lukrieren kann?

Da ist Geduld gefragt. Im Weizmann-Institut verdient man mittlerweile rund hundert Millionen Dollar damit, aber die Forschungen gehen auf die 1960er- und 1970er-Jahre zurück. Und die Verträge schloss man in den 1980er-Jahren. Vor allem aber muss man sich um den Technologietransfer kümmern, und gerade in dem Bereich gibt es in Österreich nur wenig Erfahrung. Wichtig ist, dass man verhindert, dass die Professoren jenes intellektuelle Eigentum ausbeuten, das eigentlich der Universität gehören sollte. Bei uns gibt es einen Anteil von vierzig Prozent für den Professor. Der Rest geht an die Universität.

Das klingt doch recht einfach ...

... ist es aber ganz und gar nicht. Denn keinen Besitz kann man leichter stehlen als geistiges Eigentum. Es gibt mindestens zehn verschiedene Möglichkeiten, um aus Entdeckungen Geld zu machen: Lizenzgebühren, Firmenanteile, Optionen und vieles andere mehr. Und das Institutsmanagement muss auf jede einzelne genau achten. Zu Beginn wird es außerdem den einen oder anderen Forscher geben, der bereits mit einigen Patenten ans Ista kommt und daran weiterarbeiten will. Das sind alles immens heikle Probleme. Die Zukunft der österreichischen Hightechindustrie wird aber genau von solchen Dingen abhängen.

Was macht man am Weizmann-Institut mit dem ganzen Geld?

Die Einnahmen und die Schenkungen werden - so wie auch an den Topunis in den USA - in eine eigene Stiftung gesteckt. Und dieses Vermögen will gut investiert sein. Da geht es nicht darum, ob man ein Prozent Zinsen mehr oder weniger kriegt, sondern um eine langfristige Investitionspolitik. Dieses Geld wird im Idealfall nie verwendet, sondern ausschließlich die Einkünfte daraus, damit der Fonds auch ohne neue Spenden weiter wächst. Mit anderen Worten: Bei der Führung eines Spitzenforschungsinstituts ist heute sehr viel Management gefragt. Vor zwanzig Jahren war das noch ganz anders.

Warum haben Sie in Ihrem Bericht vorgeschlagen, dem Institut einen neuen Namen zu geben?

Diese Abkürzung wird schon von vielen verwendet. Zum Beispiel von der Israel Student Travel Agency.

Hätten Sie einen Vorschlag?

Nicht wirklich. Lange bevor der Standort des Ista feststand, sagte ich zu Anton Zeilinger, dass der ideale Ort direkt an der Grenze zwischen Wien und Niederösterreich und zugleich in größtmöglicher Nähe zum Flughafen Schwechat sein sollte. Daraus ergab sich für mich auch ein logischer Name: das Snow-Institute.

Und wofür wäre das gestanden?

Für Science-Niederösterreich-Wien. Aber das ist wohl Schnee von gestern.

 

Christina Pietsch

Biologin, geboren 1979 in Teterow (Mecklenburg-Vorpommern). Studierte an der EMA-Universität Greifswald. Seit Oktober 2005 in Berlin.


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