|
 Was wir sehen sollen
Am 30.12.2006 wurde Saddam Hussein in Bagdad hingerichtet. Die Bilder und Videos dazu gingen um die Welt. Eine weitere Schlacht im "Krieg der Bilder"? Oder Aufklärung im besten Sinne? Und welche Rolle spielt dabei die neue Medienwelt? Einige grundsätzliche Gedanken
von Hans Durrer
Neu ist das alles nicht: Am Sonntag, dem 25. Juni 2006, berichteten verschiedene Medien, dass vier im Irak entführte russische Botschaftsmitarbeiter von ihren Kidnappern getötet worden seien. Ein Video der Tötung war im Internet abrufbar.
„Die Bilder zeigen die vier am 3. Juni entführten Botschaftsmitarbeiter, die in die Kamera sprechen. Danach ist eine Szene zu sehen, in der ein Vermummter zur Enthauptung einer der Geiseln ansetzt. In einer späteren Sequenz sieht man zwei Leichen ohne Köpfe und eine Blutlache auf dem Boden“, war auf Spiegel online zu lesen.
Von der BBC war zu hören, das Video zeige, wie einer geköpft und ein anderer erschossen werde. Zu sehen sei auch ein weiterer, der geköpft worden sei, und der am Boden liege; auch der Vierte sei umgebracht worden. Die Associated Press berichtete, das 90-Sekunden-Video zeige wie zwei Männer mit verbundenen Augen geköpft und ein Dritter erschossen werde.
Was dieses Video genau zeigt, scheint also alles andere als eindeutig. Doch ist das eigentlich wichtig? Wollen wir wirklich im Detail wissen, was sich da vor Ort zugetragen hat? Falls ja, müssten wir uns wohl das Video selber anschauen. Und das wollen die meisten von uns nicht. Weil wir, aus Selbstschutz, ganz generell die Dinge nicht so genau wissen wollen. Wie bemerkte doch Friedrich Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse so treffend: „Wer tief in die Welt gesehen hat, errät wohl, welche Weisheit darin liegt, dass die Menschen oberflächlich sind. Es ist ihr erhaltender Instinkt, der sie lehrt, flüchtig, leicht und falsch zu sein“.
****
Doch nicht alle Menschen wollen flüchtig und leicht (ob auch falsch, beschäftigt uns hier nicht) durchs Leben gehen, es gibt auch solche, denen es um das genaue Hinschauen zu tun ist. So haben britische Fernsehsender das Video einer Überwachungskamera ausgestrahlt, das zeigt, wie der 20-Jährige Student David Pollen im Juli 2005 in London zunächst geschlagen und dann mit einem Messerstich getötet wurde. Im Film zu sehen ist, so Spiegel online, „wie die beiden 20-jährigen Medizinstudenten Pollen und Andrew Griffiths im Juli 2005 in der Nacht auf dem Parkplatz vor einer Londoner Diskothek auf eine Freundin warten. Zu ihnen stoßen ein 16-Jähriger und seine beiden 19 und 25 Jahre alten Begleiter, die zunächst auf dem Film gut gelaunt erscheinen - bis das Trio die beiden angreift. Zunächst brechen sie beiden mit Schlägen den Kiefer, anschließend zieht der 16-Jährige sein Messer und versetzt Pollen einen tödlichen Stich in die Brust. Dann greift er auch den anderen Studenten mit dem Messer an, dieser überlebt schwer verletzt. Schließlich stehlen die drei Pollen das Handy, setzen sich in ihr Auto und fahren davon. Der Vorfall dauerte weniger als 40 Sekunden.“
Ausgestrahlt wurde das Video, weil die Eltern von David Pollen und die Polizei ausdrücklich um die Ausstrahlung gebeten hatten: Die Sinnlosigkeit des Verbrechens sollte gezeigt werden, aufrütteln und abschrecken sollten die Bilder.
****
Am 16. Juni 2006 brachte die Süddeutsche Zeitung einen Bericht über den „Krieg der Bilder“ in Nahost und schrieb: „Dass Palästinenser im Nahost-Krieg um die Bilder fälschen oder falsche Bilder in Umlauf bringen, ist nicht neu. In den Medien spricht man seit einer aufsehenerregenden Dokumentation des US-Magazins „60 Minutes“ von „Pallywood“ - in Anlehnung an Hollywoods Filmindustrie. In der Dokumentation sind zum Beispiel Palästinenser aus der jüngsten Intifada zu erkennen, die einen Toten auf einer Trage tragen. Einer stolpert, der angebliche Tote fällt auf den Boden - und springt behend wieder zurück auf die Trage, legt sich hin und mimt einen Toten.“
****
Woran, fragt sich der interessierte Medienbeobachter, kann man sich da eigentlich noch halten? Woran sich orientieren? Was überhaupt noch glauben?
Wer bestimmt eigentlich, welche Bilder wir sehen können und welche nicht?
In der heutigen Zeit sind dies in erster Linie diejenigen, welche die Bilder machen und dann beschliessen, dass sie auch von anderen gesehen werden sollten und sie deshalb ins Internet stellen. Diesem Vorgang verdanken wir die Fotos von Abu Ghraib. Und wir verdanken ihm auch, dass wir, trotz dem Verbot der Regierung Bush, keine Särge von amerikanischen Irak-Toten zu zeigen, trotzdem Fotos von solchen Särgen zu sehen bekommen haben (mittlerweile haben auch die Massenmedien nachgezogen; zudem ging der Pulitzer Prize for Feature Photography 2006, für Bilder vom Heimkommen toter US-Soldaten aus Irak, an Todd Heisler von den "Rocky Mountain News). Schliesslich schauen wir uns alle das am liebsten an, was man uns, aus was für Gründen auch immer, vorenthalten will.
Auch beim Fernsehen ist bekannt, dass wer Bilder sehen will, am ehesten im Internet fündig wird. So schrieb der Chefredaktor des Deutschschweizer Fernsehens anlässlich des Streits um die Mohamed-Karikaturen im Februar 2006 in seinem Weblog: „... Wir haben darauf verzichtet, die Zeichnungen 1:1 in unsern Newssendungen zu zeigen und uns dabei als Tabu-Brecher und als Retter der Aufklärung zu feiern. Das wäre zu billig. Die Zeichnungen eignen sich nicht als Rohmaterial für Nachrichten. In einem grösseren Zusammenhang ist es hingegen sehr wohl möglich, die Karikaturen zu zeigen und darüber zu sprechen, so wie wir es bei van Goghs Film getan haben. Wir enthalten dem Publikums mit dieser Haltung nichts vor; wer die Zeichnungen sehen will, findet sie mit Google in einer Sekunde ...“
Effizienter kann man sich eigentlich nicht demontieren. Vorausgesetzt natürlich, man versteht unter Aufklärung etwas Positives. Oder steht diese womöglich den Einschaltquoten im Weg?
Der Grund, ein Bild nicht zu veröffentlichen, hat selten etwas mit Ethik oder den einschlägigen Argumenten zu tun, die öffentlich debattiert werden und wo man jeweils hören kann, dass, auch wenn die Veröffentlichung eines Bildes rechtlich erlaubt sei, dies noch lange nicht heisse, dass solches Öffentlich-Machen auch klug sei, denn schliesslich gehöre es sich nicht, Öl ins Feuer zu giessen, wenn die politische Lage schon genug angespannt sei. Und auch dies: es gelte abzuwägen, Anstand, Respekt und Rücksicht auf Minderheiten, andere Meinungen etc. zu nehmen, man müsse die Dinge im Kontext sehen und so weiter.... man kennt das.
Ob man sich aus Sensibilität oder fortgeschrittenem Multikulturalismus so äussert, ist schwer zu sagen, wahrscheinlicher jedoch ist, dass man ganz einfach nicht Gefahr laufen will, zur Zielscheibe irgendwelcher Militanter (oder von Forderungen nach Schadenersatz) zu werden. Das ist verständlich. Von Zivilcourage zeugt es nicht. Wer diese bei den Massenmedien sucht, wird nur ausnahmsweise fündig werden,
****
Die Frage bleibt: was darf, was soll man zeigen? Kommt ganz drauf an, wie man dem Gedankengut der Aufklärung gegenüber eingestellt ist. „Sapere aude! Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ hat Immanuel Kant (in: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?).als den Wahlspruch der Aufklärung bezeichnet. Und „Faulheit und Feigheit“ als die Ursachen ausgemacht, weshalb wir „gerne zeitlebens unmündig bleiben“, denn: „Es ist so bequem, unmündig zu sein.“
Sich selber ein Urteil bilden zu können, setzt voraus, dass man angemessen informiert ist. Das schliesst Bildinformationen mit ein. Weshalb denn auch gilt: je mehr Bilder, desto besser. Mit dem dazugehörenden, erläuternden Text. Damit wir verstehen, was wir anschauen. Und nicht nur einzelne Fotos, nicht nur Momentaufnahmen, sondern Bild-Sequenzen, die uns das Vorher und das Nachher zeigen und uns ein Ereignis als Prozess erfahren lassen – und uns damit erst in die Lage setzen, uns ein eigenes Urteil zu bilden.

Hans Durrer
Jahrgang 1953, ist der Autor von Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press, Bangkok, 2006). Er lebt als Coach und Berater für interkulturelle Kommunikation in Sargans, Schweiz Bild: Blazenka Kostolna
Homepage: www.hansdurrer.com
|
|
Druckansicht


|