23.01.2007

"Happy" (?!) Slapping


 

Gewalt in Schulen ist nichts Neues, Gewaltinszenierungen für die Kamera hingegen schon. Ob an Schulen oder anderswo. Gibt es also dieses Phänomen nur, weil es das Internet und Video-Handys gibt?

 

von Hans Durrer

 

Mitte November 2006 machte das sogenannte „Happy Slapping“ einmal mehr Schlagzeilen: in Zürich kam es zu einer (von einem Video-Handy aufgenommenen) Gruppenvergewaltigung einer 13jährigen Schülerin durch zwölf 15- bis 18jährige Täter; im argentinischen Mendoza wurde in einer privaten Sekundarschule ein Schüler von Mitschülern zusammengeschlagen, der Vorgang mit einem Video-Handy aufgenommen und die Aufnahmen ins Internet gestellt.

Eine Woche später sorgte dann, so Spiegel online, ein auf einer Google-Seite veröffentlichtes Gewalt-Video, das zeigt, wie Schüler einen anderen Jugendlichen misshandeln, in Italien für Aufsehen.

In der Schweiz kam, wie üblich, der Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl zu Wort, der von einem «perversen Mannbarkeitsritual» sprach und seiner Befürchtung Ausdruck gab, dass solche Rituale in Mode kommen könnten; der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer forderte einen früheren Sexualunterricht bereits in der Mittelstufe und auch an einer Fachtagung der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP) in Solothurn, bei der die Schulpsychologie im Zentrum stand, wurde der Vorfall diskutiert: der SKJP-Geschäftsleiter Josef Stamm glaubt aber nicht, dass ein Bedarf für zusätzliche Massnahmen oder spezielle Weiterbildungen besteht, wie er dem Zürcher Tagesanzeiger auf Anfrage mitteilte.

In Mendoza, der mit 800’000 Einwohnern viertgrössten Stadt Argentiniens, berichtete die Tageszeitung UNO, bei dem Vorfall in der Sekundarschule handle es sich um einen klaren Fall von „bullying“ (darunter versteht man das Bedrohen und oft rituelle Zusammenschlagen von Einzelnen durch eine Gruppe), doch für „bullying“ braucht es keine Kamera. Auch wenn der Begriff „Happy Slapping“ – ein im Übrigen vollkommen unsinniger und irreführender Ausdruck, der besser nicht verwendet, sondern durch „Brutal Slapping“ ersetzt werden sollte, da ja die Art des „Slapping“ und nicht die vermeintliche Gemütsverfassung des Täters (von Täterinnen hat man in diesem Zusammenhang bislang noch nicht gehört) bezeichnet werden soll – in Argentinien noch nicht bekannt scheint (keiner der Englischlehrer, die ich hier zur Zeit in Soziolinguistik unterrichte, hat den Ausdruck bislang gehört), das Phänomen ist es jedenfalls. Nur in den Massenmedien ist es hier erst jetzt zum ersten Mal aufgetaucht.

In Italien haben in der Folge die Strafverfolger Ermittlungen gegen zwei Google-Mitarbeiter eingeleitet.

***

Gewalt in Schulen ist nichts Neues, Gewaltinszenierungen für die Kamera (mit oder ohne Einverständnis der Geschlagenen oder Vergewaltigten) hingegen schon. Ob an Schulen oder anderswo. Gibt es also dieses brutale „Slapping“-Phänomen nur, weil es das Internet und Video-Handys gibt?

Graham Barnfield von der University of East London meint, es handle sich bei diesem brutalen “Slapping” nicht um neue Gewalt, sondern es werde nur Gewalt, die es bereits gebe, sichtbar gemacht. Eine für einen Medienwissenschaftler erstaunliche Aussage: offenbar geht er davon aus, dass ein Medium (und ein Handy-Video ist nichts anderes als ein Medium) gleichsam neutral und wertfrei abbildet, was sich dem Kameraauge darbietet. Nur eben, das ist nicht die Realität, denn diese ist genau umgekehrt: eine Kamera verändert ein Geschehen nämlich immer. Man braucht sich nur vorzustellen, was in einem Raum voller Leute passiert, wenn plötzlich ein Fotograf Bilder schiesst: man setzt sich in Szene, bemüht sich, möglichst gut rüber zu kommen oder man tut alles, um nur ja nicht „verewigt“ zu werden.

***

Kameras und Video-Handys sind heute allgegenwärtig; wer noch Handy-unbewehrt durch die Gegend läuft, mag sich gelegentlich schier nackt vorkommen. Und wo die Möglichkeiten, fast jederzeit Bilder aufzunehmen, gegeben sind, werden sie auch genutzt. Die ersten Bilder, die nach den Anschlägen auf die Passagiere der Londoner U-Bahn im Juli 2005 um die Welt gingen, stammten von Handy-Kameras und es ist anzunehmen, dass künftig wohl immer mehr Amateurfotografen die Bilder, die um die Welt gehen, mitprägen werden. Denn es scheint, dass in unserer von den Medien geprägten Welt wirklich nur das ist, was auch dokumentiert ist. Und Bilder, obwohl wir doch wissen ,wie leicht sie manipuliert werden können, gelten als Dokumente erster Ordnung, solange jedenfalls bis jemand kommt und nachweist, dass sie gefälscht sind. Wie schrieb doch Susan Sontag: „Leben heisst fotografiert werden und Aufzeichnungen vom eigenen Leben zu besitzen.“ Oder eben gefilmt werden.

Doch worin besteht der Reiz, Gewaltattacken mit der Kamera festzuhalten? “Manche Jugendliche sehen Happy Slapping als eine Abkürzung zum schnellen Ruhm in ihrer Gang. Sie wollen nicht ihr Leben lang auf ihre 15 Minuten Ruhm warten, wenn das – ihrer Meinung nach – auch mit einem 15-Sekunden-Film gelingen kann“, sagte Graham Barnfield im letzten Jahr der Süddeutschen Zeitung. Der Basler Professor Anton Hügli, Leiter des Forschungsprojektes „Jugend und Gewalt im Zusammenhang mit sozialökologischen Strukturen“, meint, dass – neben dem Kick, den die Droge Aufmerksamkeit bietet – die heutige Jugend, die, nicht zuletzt der Allgegenwart der Medien wegen, schon alles gesehen zu haben glaubt, ständig neue „thrills“ sucht, und eine Studie des Erlanger Psychologieprofessors Friedrich Lösel weist auf den sehr deutlichen Einfluss, welcher der Konsum gewalthaltiger Video-, Fernseh- und Fernsehfilme ausüben kann, hin. Der argentinische Schulpsychologe Alejandro Castro in Mendoza wiederum erklärt: „Gewalt hat es immer gegeben, doch sie passt sich den technischen Hilfsmitteln an, welche den Jugendlichen zur Verfügung stehen.“

Plausible Gründe, in der Tat. Doch heisst das, dass es ohne technische Hilfsmittel wie Internet und Handy-Videos diese Gewalt nicht gäbe? Natürlich gäbe es sie nicht. Schliesslich wird diese Art Gewalt verübt, damit sie aufgenommen, dokumentiert und anderen gezeigt werden kann.

Übrigens: nicht alle Gewalt, die im Internet oder via Handys zirkuliert, ist echt, oft ist sie auch gestellt. So soll der Junge, der in Mendoza zusammengeschlagen wurde, auf den Aufnahmen verschiedentlich gelacht haben. Ob er allenfalls freiwillig mitgemacht hat, wird untersucht.

 

 

Hans Durrer


Jahrgang 1953, ist der Autor von Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press, Bangkok, 2006). Er lebt als Coach und Berater für interkulturelle Kommunikation in Sargans, Schweiz
Bild: Blazenka Kostolna

Homepage:  www.hansdurrer.com  

 


Text und Bilder sind, soweit nicht ausdrücklich anders erwähnt, urheberrechtlich geschützt.
Sie dürfen ohne Genehmigung des Autors / der Autorin nicht verwertet werden.
© 1996-2004, MorgenWelt Media GmbH, Berlin
www.morgenwelt.de